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Davis-Cup-Teamchef Patrik Kühnen:

„Mich stimmt positiv, wie sie alle durchstarten"

Herr Kühnen, ihre Tennishöhepunkte 2009?

Patrik Kühnen: Rate mal… also meine Highlights 2009 waren einmal die beiden Davis-Cup-Matches, mit einem Sieg gegen Österreich und leider einer knappen Niederlage gegen Spanien, weil beide sehr eng und umkämpft waren. Der Davis Cup war diesmal sehr intensiv und emotional für uns. Insgesamt war es ein sehr gutes Davis-Cup-Jahr. Dazu kommt die positive Entwicklung der deutschen Spieler, allen voran von Philipp (Kohlschreiber).

Was waren außergewöhnliche Matches, die sie miterlebt haben?

Patrik Kühnen: Philipp gegen Jürgen Melzer. Im Tennis kann immer alles passieren, aber das war schon ein unglaubliches Comeback und eine Super-Leistung von Philipp, der das wichtige Match gegen Österreich noch umgebogen hat. Absolut herausragend auch dessen Davis-Cup-Matches gegen Robredo und Verdasco in Spanien. Aber auch Tommy (Haas) in Halle, wo er gegen alle gewonnen hat, und in Wimbledon, wo er im Halbfinale spielte. Das alles ist möglich, aber schwierig.

Zwei, drei Sätze zu den deutschen Spielern.

Patrik Kühnen: Tommy… hervorragend gespielt in den Monaten Mai bis Juli, sich eindrucksvoll in die Top-20 zurückgekämpft, toller Turniersieg in Halle, überragendes Turnier in Wimbledon. Philipp… unter den ersten 30 der Weltrangliste stabilisiert und einmal mehr gezeigt, wie wichtig er für die Davis-Cup-Mannschaft ist. Andi (Beck) und Mischi (Zverev)… beide sehr positive Tendenzen, jetzt unter den ersten 50, haben sich sehr gut verbessert. Petsche (Petzschner)… spielt beständig seit Wochen. Kiwi (Kiefer) und Rainer (Schüttler)… sind leider zurückgefallen, sollten aber wieder Boden gutmachen, was immer möglich ist, wie sie schon früher gezeigt haben. Simon (Greul)… kämpfte immer wieder mit Verletzungen, hat in den letzten Wochen aber super gespielt und auch gegen Nadal einen großen Kampf gemacht. Benni (Benjamin Becker)… arbeitet seit März mit Ulf Fischer, der schon andere Spieler erfolgreich betreut und Benni in drei Monaten von Platz 150 zu den Top-50 gebracht hat. Das ist doch sehr beachtlich. Flo (Florian Mayer)… arbeitet sich Schritt für Schritt noch mal nach vorne, klopft jetzt bei den ersten 100 an und wird es auch noch weiter bringen. Brandi (Daniel Brands)… hat eine sehr gute Saison gespielt, war überraschend im Halbfinale in München und hat gute Chancen sich weiter nach oben zu spielen. Björn (Phau)… hat sich gefestigt, zurückgekämpft in die ersten 100, hatte Pech bei der Auslosung der Grand-Slam-Turniere. Didi (Dieter Kindelmann)… versucht noch einmal Anschluss zu finden, hatte auch wenig Glück bei den Auslosungen.

Wer hat das größte Potenzial für die Zukunft?

Patrik Kühnen: Potenzial, weiter nach oben zu kommen, haben alle. Der Trend war ja auch bei allen positiv. Man kann jedoch schwer vorhersagen, wie die Spieler sich entwickeln, da viele Faktoren wie die Auslosung, Verletzungen, Glück oder Pech eine Rolle spielen.

Wer kann mehr durchstarten?

Patrik Kühnen: Die Jungs waren alle fleißig und haben hart für ihre Ziele gearbeitet. Deshalb ist es in diesem Jahr für alle sehr gut gelaufen. Tommy hat, wie schon ein paar Mal zuvor, wieder die Weltspitze angegriffen. Wir haben fünf Spieler unter den ersten Fünfzig, die unter 25 Jahre alt sind, neun Spieler unter den Top-100 und ein Dutzend Spieler hier bei den US Open im Hauptfeld. In Wimbledon haben sie mich gefragt: „Ihr habt so viele Spieler im Turnier, was macht ihr in Deutschland, was wir nicht können?" Es fällt also schon auf, wie sie alle durchstarten und das stimmt mich sehr positiv.

Und was haben Sie in Wimbledon geantwortet?

Patrik Kühnen: Dass wir von der Struktur her gut aufgestellt sind und in der Nachwuchsförderung viel tun. Dass wir auch den Mann



schaftssport unterstützen, was in der Form in England fehlt, um damit junge Spieler frühzeitig in die Wettbewerbe hineinzuführen.  Und dass wir eine Turnierlandschaft in Deutschland haben, die wir auch noch verbessern werden, wo Nachwuchsspieler bei Challenger- und Future-Turnieren einsteigen können.


Eine kurze Bilanz zu den deutschen Turnieren.

Patrik Kühnen: Die BMW Open in München waren mit 38.000 Zuschauern erfolgreich. Das ist für uns sehr gut. Ich hätte mir neben dem Halbfinalisten Brands den einen oder anderen Deutschen gewünscht, da es gerade hier in Deutschland wichtig ist, gut zu spielen. In Düsseldorf hat das deutsche Team mit einer sehr guten Mannschaftsleistung überrascht, nur leider ging das Finale knapp verloren. Die Gerry Weber Open in Halle stehen generell aus deutscher Sicht immer unter einem guten Stern. Die Akzeptanz war wie immer phänomenal. Einfach toll, was sie da, alle Jahre wieder, auf die Beine stellen. Die Turniere in Stuttgart und Hamburg sind unmittelbar nach dem Davis Cup aus sportlicher Sicht nicht optimal gelaufen, weil die Spieler physisch wie psychisch viel Kraft gelassen hatten. Der Mercedes Cup wie auch Hamburg, die größten Turniere in Deutschland, sind sehr wichtig für uns. Pech für Hamburg, dass es an fünf Tagen geregnet hat. Aber Michael (Stich) hat einen sehr guten Job gemacht und alles bestens organisiert.

Ein paar Worte zu den Junioren.

Patrik Kühnen: Auch die haben positiv überrascht. Das läuft auf der Schiene mit Peter Pfannkoch alles sehr gut und ist erfreulich für mich. Die Bindung der jetzigen Spieler und Nachwuchsspieler ist mir wichtig und läuft gut. So hat Kevin Krawietz in Hamburg mit einer Wildcard bei seinem ersten 500er Turnier toll gespielt und wichtige Erfahrungen sammeln können.

Wo steht Deutschland als Tennisnation?
 
Patrik Kühnen: Auf Platz acht der Weltrangliste. Was wir im Davis Cup in den letzten drei Jahren gespielt haben, kann sich sehen lassen. Zweimal Halbfinale, einmal Viertelfinale. Würde man nach Parametern wie Anzahl der Herren erste Hundert, erste Fünfzig und die Altersstruktur berücksichtigen und die Grand-Slam-Turniere reflektieren, könnten wir uns sogar im Bereich der ersten fünf Nationen bewegen.

Wie weit sind die besten Deutschen spielerisch weg von der Weltspitze?

Patrik Kühnen: Der Abstand ist nicht groß. Philipp war gegen Djokovic in Paris eindeutig der bessere Spieler. Tommy war nah dran, einen Federer bei den French Open aus dem Turnier zu werfen. Unsere Jungs haben die Top-Ten-Spieler Tsonga, Verdasco, Gilles Simon geschlagen. Sie können gut spielen und sind nah dran. Deshalb hoffe ich, dass sie in ein, zwei Jahren auch die nächsten Schritte schaffen können.

Was gibt es sonst noch zu sagen?

Patrik Kühnen: Ich hatte viel Freude bei der Arbeit mit den Jungs, die mit Begeisterung die Turniere gespielt haben. Auch der Verband tut sein Möglichstes in den Bundesstützpunkten. Dies zeigt auch, dass sich mit Alexandros Georgoudas, Kevin Krawietz und Dominik Schulz in der Jugend was tut, und dass junge Spieler wie Andi und Mischi im Trend sind, weil das funktioniert.

Ihre Hoffnungen und Erwartungen für 2010.

Patrik Kühnen: Ich hoffe, dass wir eine stärkere Rolle in den entscheidenden Phasen bei Grand Slam- und 1000er Turnieren spielen werden. Wenn wir es schaffen, da ein Wort mitzureden, wie Tommy in Wimbledon, würde das unserem Tennis in Deutschland sehr gut tun, weil wir dadurch das Interesse für Tennis wieder wecken. Ich hoffe auch, dass der Trend weitergeht und die Jungs sich weiter verbessern, und dass wir im Davis Cup so gut oder vielleicht sogar noch besser spielen als in den letzten drei Jahren.

                                                           Eberhard Pino Mueller

publiziert:  Oktober 2009 -- DTZ Deutsche Tennis Zeitung

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