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Der DTB-Bundestrainer
Peter Pfannkoch und Herbert Horst, der Cheftrainer im Tennisverband Schleswig Holstein, über Talentauslese

Probleme bei der Talentauslese?

Herr Pfannkoch, Herr Horst, klemmt es in Deutschland bei der Talentauslese, weil die bei uns geförderten Kinder fast immer nur von Tennis spielenden Eltern kommen?
Peter Pfannkoch:  Nach meiner Erfahrung ist es so, dass die Kinder über die Vereine und Verbände in unsere Förderkreise kommen.
Herbert Horst:  Ich gehe davon aus, sie kommen von überall.

Auch Kinder von der Straße?
Peter Pfannkoch:  Die Kinder werden meistens von den Eltern zu unserem Sport gebracht. Dass sich mal irgendwo ein Kind einen Schläger schnappt und loslegt, ist ganz selten.
Herbert Horst:  Es liegt viel am Angebot. Wenn die Vereine und Verbände gute Angebote machen, werden die Kinder immer gern kommen.

Schultennis in Deutschland - kommen da Talente her?
Peter Pfannkoch:  Wenn überhaupt kommt da nur ein ganz kleiner Anteil der Tennistalente her. Ich weiß auch keine Schule, wo man sagt, wir fördern Tennis, um Spitzenspieler zu bekommen.
Herbert Horst:  Stimmt! Beim Schultennis sehe ich keine großen Vorteile für den Leistungssport. Unsere Talente kommen über Mini-Cups, Sichtungslehrgänge und Turniere.

Kommen Kinder durch frühzeitige Turniererfolge in Fördergruppen, weil sie gegenüber talentierteren Gleichaltrigen fleißiger und körperlich überlegen sind?
Peter Pfannkoch:  Aus meiner Sicht wird der Talentbegriff zu einseitig festgelegt. Ich glaube, dass das Arbeiten ein sehr wichtiges Kriterium ist. Tennis ist aber nun mal eine Wettkampfsportart und da muss man Ergebnisse bringen. Natürlich muss man aufpassen, dass man diese nicht überbewertet. Es ist aber doch gut, wenn man früh lernt, Matches zu gewinnen. 
Herbert Horst:  Wir machen es wie die anderen Tennisnationen, sind aber eher besser strukturiert. Die Auslese ist wichtig, was danach kommt, ist aber entscheidend.

Wie läuft das Sichtungsprogramm in Deutschland ab?
Peter Pfannkoch:  Flächendeckend über alle Verbände, die viel Einblick haben und die Dinge anschieben.
Herbert Horst:  Es geht mit Mini-Cups und Lehrgängen für Sieben- bis Neunjährige los, wo wir die Jüngsten beobachten. Danach machen wir Lehrgänge und fördern die neun-, zehn- und elfjährigen Kinder in bestimmten dezentralen Einheiten. In dieser Zeit, über zwei bis drei Jahre, finden wir die Besten heraus. Erst dann wird richtig selektiert, in bestimmte Kader eingeteilt und in individuelle Förderungen gegangen. Wir haben damit einen wirklich sehr guten Sichtungsweg in Deutschland gefunden.

Neben Fleiß, Kraft, Ausdauer, Zähigkeit, Wille, Einsatz, Schnelligkeit sind Ballgefühl und Koordination der Bewegungen im Tennis besonders wichtig.  Ist es bei so vielen Kriterien überhaupt möglich, wirkliche Tennistalente zu entdecken oder eher Zufall?
Peter Pfannkoch: Man muss unter den Begriff Talent alles packen. Die einen sind begabt mit der Hand, andere können hart arbeiten oder sind physisch oder mental sehr stark. Hat einer alles, dann sprechen wir über einen Roger Federer oder eine Steffi Graf. Alle Teilbereiche sind wichtig. Alle müssen erkannt und gefördert werden. Ich würde keinen wegschicken, der in verschiedenen Teilbereichen sehr gut ist, nur weil er eine Sache nicht so gut macht.

Ist die sportliche Einseitigkeit der Tennis spielenden Jugendlichen ein Handikap, es nicht weiter zu bringen?
Peter Pfannkoch:  Es wäre für uns schön, den natürlichen Sportler schon sehr früh zu bekommen. Vor Jahren gab es ihn eher. Es gab Straßenfußball

und einen Schulsport, der wesentlich anspruchsvoller war. Wir haben aber mittlerweile eine unheimlich aufwendige Ausbildung und arbeiten sehr professionell. Heutzutage wird schon früh sehr differenziert trainiert. Zuerst geht es an die koordinative Arbeit, dann wird das in Schnelligkeitstraining und in der nachpubertären Zeit sehr intensiv in Krafttraining weitergeführt.   
Herbert Horst: Wir sind gezwungen, die Vielseitigkeit auszubauen, dann haben wir weitere Fundamente, die wir brauchen.

Fehlen in Deutschland im Tennis Kinder aus ärmeren Schichten, die im Hinblick auf viel Geld, Tennis besonders gierig betreiben würden?
Peter Pfannkoch:  Ein Klischee, das ich so nicht teile. Dann dürfte es keinen McEnroe geben und viele andere, die aus gutem Haus kommen.  Arm sein ist kein Garant für mehr Ehrgeiz. Die Herkunft spielt keine Rolle, wenn man ehrgeizig ist und Leidenschaft mitbringt, ohne die im Leistungssport allerdings nichts geht.
Herbert Horst:  Ich sehe das ein bisschen anders. Mit Tennis reich zu werden, ist für Arme sicher besonders motivierend. Grundsätzlich aber gilt, man muss etwas leidenschaftlich machen, dann ist nicht so wichtig, wo man herkommt. Allerdings kommen viele sportliche Talente, weil sie kein Geld haben und sich daher für Fußball entscheiden, im Tennis nicht zum Zuge.

In besonders erfolgreichen Tenniszentren, etwa bei Bollettieri in Amerika oder in Barcelona, wird knochenhartes Training und äußerste Disziplin verlangt oder man fliegt raus. Warum geht das in Deutschland nicht?
Peter Pfannkoch:  Wir müssen uns sicherlich mit der Gangart und Disziplin, die im internationalen Bereich vorherrscht, auseinandersetzen. Da ist der Ton ein bisschen härter. Wir, auch im Kreis der Fachleute, machen uns natürlich Gedanken, wie wir das mit unsern Jugendlichen, die nicht nur auf Tennis fokussiert sind, auf die Spur kriegen.     
Herbert Horst:  In diesen Tenniscamps ist alles auf einen Weg, hin zum Profitennis, ausgerichtet, während unser Jugendlichen meistens noch zur Schule gehen und erst nachmittags nach einem schweren Schultag zum Training kommen. Ein Grund, warum man sie nicht so hart anpacken kann.

Es gibt gute Beispiele, dass Kinder, die viele Entbehrungen auf sich nehmen müssen, einen Charakter aufbauen, der sie härter macht für Wettkämpfe. Sind das Voraussetzungen für potentielle Topspieler, die wir in Deutschland nicht haben?
Peter Pfannkoch:  Für mich sind das Ausnahmesportler, die schon in jungen Jahren eine sehr hohe Leistungsstärke erreicht haben. Die also das mitbringen, was den Talentbegriff ausmacht. Es gibt ja auch viele, die unter harten Bedingungen fern der Heimat einen ähnlich steinigen Weg gegangen sind, und es nicht geschafft haben. Wir müssen, da wir andere Verhältnisse haben, daraus das Beste machen. Auch wenn das länger dauert.
Herbert Horst:  Viele machen den Fehler und spielen vor der Haustüre. Sie machen es sich zu bequem, denn wo die Weltelite spielt, da kann man sich was abgucken. Da sind die Spieler mit Visionen. Wer den bequemen Weg geht, der hat keine Visionen mehr.

Gibt es noch andere Möglichkeiten, die Talentauslese zu optimieren?
Peter Pfannkoch
:  Wir haben immer Weltklassespieler im Tennis gehabt, und jetzt müssen wir schauen, wieder welche zu finden. Dass wir uns wie viele große Tennisnationen dabei schwer tun, liegt nicht an der Talentauslese, auch nicht an der Qualität der jungen Spieler, sondern an der Erfahrung.  Wir müssen unsere Kinder noch professioneller ausbilden und unser Wissen früher an sie heranbekommen. Dann kommen sie mit weniger Defiziten in die wichtige Juniorenzeit und sind dann auch für die nächsten Jahre besser ausgerüstet.
                                                                                                       
publiziert:  April 2008  DTZ          Eberhard Pino Mueller
 

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