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Peter Pfannkoch, DTB Jugend-Bundestrainer

„Wir waren zu ungeduldig und es gab zu wenig Konstanz"

Herr Pfannkoch, Sie sind die wichtigste Person im deutschen Tennis…
Pfannkoch: Wie kommen Sie darauf?

Mit einem Superstar wie Boris Becker würde Tennis in Deutschland wieder boomen, und durch Ihre Hände gehen alle jungen Talente. Wie sieht es denn aus mit jungen Talenten?
Pfannkoch: Wir hatten immer einige, waren aber meistens zu ungeduldig und gaben ihnen nicht genügend Zeit zur Entwicklung.

Wie meinen Sie das?
Pfannkoch: Wir haben in Deutschland ein aufwendiges Schulsystem. In der Regel bis 18, 19, 20 Jahre. Die Doppelbelastung Schule und Tennis geht nicht immer ganz reibungslos, und der Druck, die Schule womöglich vorzeitig verlassen zu müssen, ist auch nicht unbedingt hilfreich. Man sollte den Jugendspielern, wie das inzwischen auch der Trend ist, mehr Zeit geben. Die Spieler werden älter, bevor sie an ihr Leistungslimit kommen.

Was lief schief bei unseren Talenten?
Pfannkoch: Wenn jemand den Antrieb verliert oder nicht hat, dann geht so ein Spieler verloren. Gegen persönliche Entwicklungen kann man sich nicht schützen. Die Frage aber ist auch, wie hoch man die Messlatte legt. Manche verlieren sehr früh den Mut, weil sie nur immer hören, dass sie es wahrscheinlich doch nicht schaffen werden.

Haben wir zu hohe Erwartungen?
Pfannkoch: Man sollte sehen, wo die anderen im internationalen Vergleich stehen und die Flinte nicht gleich ins Korn schmeißen, weil keiner, wie Nadal schon mit 20, auf dem Sprung nach großen Titeln ist. Man sieht doch, auch hier wieder bei den US Open, dass wir besser als in den vergangenen Jahren dastehen.

Gehen die Jugendlichen ihre Karriere nicht professionell genug an, weil sie sich in Vereinen, Mannschaften und bei unwichtigen Turnieren verzetteln?
Pfannkoch: Da ist wirklich die Beratung sehr wichtig. Wir tun uns schwer, eine klare und gemeinsame Linie vorzugeben. Junge Spieler, die ziemlich unerfahren an die Sache herangehen, sind irgendwie den Zwängen unterschiedlicher Systeme ausgesetzt. Die Berater und Betreuer in den Vereinen wie auch in privaten oder von den Verbänden organisierten Fördersystemen sollten nicht zu viele unterschiedliche Ideen haben.

Was wäre denn eine klare Linie für junge Spieler?
Pfannkoch: Man sollte mit denen, die noch zur Schule gehen - was schon mal ziemlich stressig ist - die internationale Schiene im Jugendbereich gehen. Da können sie anfangs auf zehn bis 15 Jugendturniere europaweit und später auch auf einigen weltweit spielen. Mit 18 oder 19, wenn sie die Schule hinter sich gebracht und sich im Tennis etabliert haben, ist es an der Zeit, auf die Profischiene zu setzen, wo sie sich dann über Future- und Challenger-Turniere hochspielen müssen.




Das Problem für die Jugendlichen aber ist doch der Übergang zu den Profis.
Pfannkoch: Um diesen reibungsloser hinzukriegen, kam der Wunsch, die Instanzen für Jugend- und Profitennis miteinander zu verknüpfen. Es wurde dafür dann ein Leistungsausschuss installiert. Das hat in der Praxis aber nicht viel verändert, denn erzwingen konnte man da nichts.

Sind deshalb in letzter Zeit immer mehr Jugendliche zu Future-Turnieren und immer weniger zu den ITF-Junior- Turnieren geschickt worden?
Pfannkoch: Diese Strategie ist uns wirklich etwas aus dem Ruder gelaufen. Wir haben mit aller Kraft Future-Turniere installiert und in der Anfangszeit den Nachwuchskader, bzw. ältere Jugendliche auf diese, die Vorstufe zu den Challenger-Turnieren, geschickt. Wir konnten so den Unterbau, die ITF-Jugendturniere, mit unseren meist schulpflichtigen Jugendlichen nicht richtig bedienen und haben diese zweite Plattform ein bisschen vernachlässigt.

Warum ist das für Sie die falsche Strategie gewesen?
Pfannkoch: Ich bin dafür, dass man sich erst mal im internationalen Jugendbereich etablieren sollte, bevor man versucht, sich bei den Herren durchzuboxen. Das ist meine persönliche Meinung, weil es eine altersgerechte Entwicklung ist. Die meisten unserer Jugendlichen sind für den Einstieg bei den Profis noch nicht vorbereitet und sowohl mental wie körperlich überfordert. Nach meiner Philosophie ist dies nicht der einzige Weg, aber der praktischste.

Und was ist mit dem Junior Davis Cup?
Pfannkoch: Es gibt die Mannschaftsweltmeisterschaft, den Junior Davis Cup unter 16 von der ITF, für den wir uns in den letzten Jahren immer qualifiziert haben. Aus diesem Kreis von Jugendlichen sollten nach intensiver Förderung über vier bis acht Jahre die Spieler für das Davis Cup-Team kommen. Tennis wird heutzutage am Davis Cup und den Grand-Slam-Turnieren gemessen. Dementsprechend sollte auch die Förderung sein. Wir müssen für die besten Jugendliche in Zukunft Unterschiede machen und sie, nicht nur zwei bis drei Jahre, sondern über einen viel längeren Zeitraum aufbauen, zumal die Anforderungen vielseitiger geworden sind und uns die Zeit durch die freiwillige Schulbelastung ein bisschen weggelaufen ist.

Wann wäre dann das Endziel der Förderung für die Besten erreicht?
Pfannkoch: Wir wollen Spieler aus einem Kreis von sechs Jugendlichen mit etablierten Coaches auf ITF-Future und ATP-Challenger betreuen und sie, was sicherlich auch eine finanzielle Frage ist, bis zu den Top 100 begleiten.

Waren Sie mit Ihrer Arbeit beim Jugendaufbau in den letzten Jahren zufrieden?
Pfannkoch: Was mich beschäftigt, ist, es gab zu wenig Konstanz. Es war zu wenig Treue bei unseren Ideen da. Wir haben, anstelle zielstrebig an einer Linie zu arbeiten, immer wieder Sprünge gemacht und sowohl funktionierende wie auch nicht gleich ergebnisbringende Ansätze zu schnell gewechselt. Ich bedauere ein bisschen, dass man nicht mehr Geduld aufgebracht und sich mit talentierten 16-Jährigen nicht weitere fünf bis sechs Jahre intensiv beschäftigt hat. Wir können es aber in Zukunft wieder schaffen, wenn wir gemeinsam weiterarbeiten und unsere Stützpunkte mit Leben füllen.

                                   Eberhard Pino Mueller                 


publiziert:  No
vember 2007 DTZ -         

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