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Interview mit
Patrik Kühnen

„100 Prozent bitte!"

Herr Kühnen, Sie arbeiten an der Basis mit dem DTB-Nachwuchs und an der Spitze mit dem Davis Cup-Team. Haben Sie einen perfekten Job?
Wenn die Dinge gut laufen und es keine Probleme gibt eigentlich schon. Beide Aufgaben ergänzen sich gut. Alles in einer Hand hat Vorteile. Ich sehe, welche Spieler top sind, wer nachkommt und auf wen ich in Zukunft bauen kann.

Wie sieht das neue Konzept des DTB im Leistungszentrum Oberhaching für den Nachwuchs aus?
Der DTB ist mit dem Bayrischen Tennis Verband eine Kooperation eingegangen, das heißt, wir können Spieler, die nicht mehr zur Schule gehen, im BTV-Leistungszentrum in Oberhaching trainieren. Das Zentrum ist die Anlaufstelle für Spieler, die eine Profikarriere einschlagen wollen. Das sind natürlich nicht sonderlich viele, da gewisse Kriterien für die Förderung ausschlaggebend sind. In diese Kooperation ist auch Mercedes Benz als Geldgeber und Boris Becker als Berater eingebunden.

Ist die Zusammenarbeit gut und macht sie Sinn?
Die Kombination DTB / BTV klappt sehr gut. Von allen Teilen wird da etwas eingebracht und das führt dann, logischerweise, zu vielen Synergien.

Zu welchen Synergieeffekten?
In Oberhaching arbeiten DTB- wie auch BTV-Trainer. Es wird nun aber nicht nur parallel, sondern auch untereinander trainiert, also unsere Spieler Philipp Petzschner, Simon Stadler, Florian Mayer, Bastian Grönefeld, Simon Greul, Philipp Hammer, Dominik Meffert  mit einem Philipp Kohlschreiber und den anderen, die der BTV betreut. Das am Wald gelegene Zentrum mit Sportplatz, Kraftraum und Mehrzweckhallen ist für die Gruppen, wie auch für Trainingslager mit mehr Spielern richtig gut. Die Spieler wohnen auch zusammen und spielen gemeinsam Hockey. Weitere positive Begleiterscheinungen sind, sie wollen zusammen nach vorn kommen, bereisen gemeinsam Turniere und verstehen sich auch privat gut.

Sind die Nachwuchsspieler nicht mehr wie früher überall in Deutschland verstreut?
Die Landesverbände, mit sehr gut angelegten Strukturen, sind natürlich für den Nachwuchs wichtig. Die Idee mit dem Zentrum in Oberhaching aber war, dass man bündelt, zentralisiert, das heißt die Spieler von einem bestimmten Alter an zusammen bringt. Das haben wir geschafft.

Was wird neben Tennis mit den Spielern alles gemacht?
Ich mache weitergreifend auch viel Off-Court-Training. Im Kraft- und Konditionsbereich wird heutzutage viel verlangt, aber auch die Beweglichkeit und Dynamik ist wichtiger denn je. Ich kenn´ mich da sehr gut aus, bin auch noch körperlich sehr fit und mach´ das alles mit. Wenn ein Spieler jedoch da oder auch mental ganz spezifische Defizite hat, dann stellen wir Kontakte mit Experten her, die das übernehmen.

Passen Sie auch auf die Gesundheit der Spieler auf?
Wir haben auf der Tour viele Spieler mit Schulter-, Ellenbogen- und Handgelenkproblemen. Weniger problematisch ist das Knie und Fußgelenk. Es ist wichtig, langfristig zu denken, das heißt präventiv zu arbeiten, und gerade im Schulter- und Handgelenksbereich  kann man viel machen. Mit immer noch mehr Power kann man nur spielen, wenn die Muskeln dafür ausgebildet sind. Wer da zu wenig macht und nicht austrainiert ist, bekommt Probleme.

Steht für die ganze Betreuung noch genügend Geld zur Verfügung?
Die Frage ist, wie man mit dem Geld umgeht. Das muss sehr leistungsbezogen gemacht werden. Jetzt und in Zukunft. Nicht förderlich war, als man den Spielern alles bezahlt hat, nach dem Motto, du kannst alles haben. Eine gewisse Eigenverantwortung muss jeder mitbringen. Es ist doch etwas anderes, wenn man selbst investieren und sich angemessen an den Kosten beteiligen muss. Dann steht man anders auf dem Platz.



Lernen unsere Spieler noch, sich durchzubeißen und auch unkomfortabel zu reisen wie Boris, Charly und Co, die in drittklassigen Hotels bei Jugendturnieren geschlafen haben?
   
Es ist nicht so, dass unsere Jugendlichen in teuren Hotels wohnen. Ich war im Oktober mit Petzschner und Stadler bei Satellites in Australien. Da haben wir zu dritt in Motels für 30 Dollar gewohnt und oft selbst gekocht. Das war okay und hat sogar Spaß gemacht. Wenn ein Spieler das Ziel hat, nach vorn zu kommen, ist das Hotel, ist Luxus nicht entscheidend.


Sind die Jugendlichen heutzutage noch mit Leib und Seele dabei wie einst Boris mit 17 Jahren?
Die Zielsetzung ist in der Tat wichtig. Das Problem in Deutschland ist, dass wenig junge Spieler ihr eigenes Ziel genau definieren können und konstant daran arbeiten, das Ziel zu erreichen. Boris hat immer gesagt: „Ich leb´ Tennis." Das war sein Ding. Wer als Tennisprofi viel erreichen will, muss knochenhart arbeiten und sein Leben ganz auf Tennis ausrichten.

Tut das der Nachwuchs in Deutschland?
Die Mehrzahl ist nicht voll dabei. In Deutschland gibt es sehr viele, die 90 Prozent Einsatz bringen und nur wenige mit 100. Etwas besonderes zu haben, etwa die unglaubliche Willenskraft von Boris oder die spielerische Leichtigkeit von Michael (Stich) ist das eine, dazu gehört heutzutage aber auch noch konstant an sich zu arbeiten. Richtig gemacht ist der Job eine Tortur. Das ist Quälerei.

Haben Sie spezielle, eigene Rezept, um die Jungs voranzubringen und zu motivieren?
Es gibt kein Patentrezept. Ich verlange 100 Prozent Einsatz auf dem Platz. Ich kann aber, wenn einer nicht mitzieht, auch recht deutlich werden. Bei mir geht auch Qualität absolut vor Quantität. Nicht wie lange einer im Training auf dem Platz steht, zählt, sondern die Effizienz. Die Zeit muss sinnvoll genutzt werden, sonst ist das Zeitverschwendung. Ganz wichtig ist, zu variieren. Irgendwann fehlt nämlich der Kick, der Antrieb, über eine bestimmte Grenze zu gehen.

Lassen sich die Jungs wirklich noch hart anpacken?
Ich treibe die Spieler auf dem Platz, im Kraftraum oder beim Laufen nicht nur an, sondern mache dabei mit. Man motiviert mehr, wenn man vorlebt, was man verlangt. Natürlich ist auch viel Fingerspitzengefühl beim Umgang mit jungen Talenten gefragt, denn jeder hat seinen eigenen Charakter. Mit 36 Jahren hat man natürlich viel mehr Erfahrung und eine ganz andere Denke als die Jungs mit 18. Man muss, um die Spieler zu verstehen, aufpassen, sich nicht mit den eigenen Ansichten zu  schnell zu entfernen.

Sollten nicht auch unsere Jugendlichen wie in anderen Ländern früher bei den Turnieren für Erwachsene einsteigen?
Das muss man leistungsbezogen vom Alter abhängig machen. Es macht keinen Sinn, dass einer bis 18 nur Jugendturniere spielt. Ein Philipp Petzschner hatte 2002 noch das Alter dafür, hat aber mehr ATP-Turniere gespielt. Es muss ab 16, 17 Jahren eine gesunde Mischung je nach Spielertyp gefunden werden.

Was für Potential hat der deutsche Nachwuchs?
Spielerisches Potential ist da. Die nächsten zwei Jahre sind sehr wichtig für einige Nachwuchsspieler, zum Beispiel für Petzschner, Kohlschreiber und auch Abel. Da wird sich zeigen, wer sich nach vorn spielt. Noch stehen sie alle etwa auf einer Linie. Sie können noch zulegen, müssen aber auch alle noch ganz schön an sich arbeiten.

Was müssen die jungen Spieler machen, um mit ihrem Potential wirklich nach vorn zu kommen?
Entscheidend ist, jeder Spieler muss wissen, was und wohin er wirklich will, und dafür muss er alles tun.  Dazu gehört ein entsprechender Lebenswandel, intensives Training und auch das richtige Umfeld. Du musst heutzutage, bei der großen Konkurrenz, mit ganzem Herzen bei der Sache sein. Der eine oder andere könnte es sehr weit bringen, aber nur, wenn er sich mit Leib und Seele dahinter klemmt.

publiziert:  April  2003  DTZ                Eberhard Pino Mueller

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