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New York  - Flushing Meadows

Neues Frauen-Tennis-Wunder

Bevor das größte Tennisturnier der Welt diesmal losgeht, sitze ich daheim und überlege, wie komme ich da eigentlich hin. „Irene" ist Schuld daran - der Hurrikane, der Richtung New York fegt, überall wüste Zerstörung anrichtet und dessentwegen alle Flughäfen in New York vorsorglich erst einmal gesperrt sind. Gesperrt auch Flushing Meadows, das Tennisstadion der US Open -  zur Sicherheit, wie die Stilllegung aller öffentlichen Verkehrsmittel, verbunden  mit dem eindringlichen Aufruf des New Yorker Bürgermeisters, nicht aus den Häusern zu gehen.
        Und so erging es auch den Tennisprofis. Sabine Lisicki und Angelique Kerber, die Siegerin und Halbfinalistin in Dallas, gelangten nur auf abenteuerliche Weise nach New York. Lisicki erst am Montag, „was mir noch nie bei einem Grand- Slam-Turnier passiert ist." Oder rechtzeitig angereiste Profis mussten sich erst einmal im Hotel verschanzen, bis der zum Glück abgeschwächte Hurrikane vorbeigezogen war.
      Es war nicht ganz so dramatisch wie befürchtet, wobei aber Autos durch entwurzelte Bäume und abgerissene Äste in der Nähe meines Hotels in Manhattan demoliert wurden. Die Macher der US Open konnten aufatmen und fast planmäßig beginnen. Als Vorspiel hatte der Hurrikane eigentlich gepasst. Zu Flushing Meadows, dem elektrisierenden Turnier der Superlative, zu New York, der Stadt der Extreme mit dem besonderen Kick. Himmel und Hölle liegen hier nah zusammen, denn Jubel, Trubel, Dramatik, Hektik und Krach sind typische Klischees für „Big Apple."   
       Andrea Petkovic liebt die Stadt: „New York, das ist viel Leben, viel Energie, viel Aktion und Kreativität. Ich genieße das, weil ich da weg bin vom Tennis." Das alles scheint sie zu beflügeln. Oder warum sonst spielt Andrea Petkovic mit einem kleinen Meniskuseinriss im rechten Knie, eine Verletzung, die kurz vorher passierte? „Ich bin nicht bei 100 Prozent und versuche, das Ende der Saison so gut wie möglich rumzukriegen." Petkovic hat sich, „solange das Knie nicht anschwillt", entgegen den Ratschlägen ihres Teams fürs Weiterspielen entschieden. Sie macht jeden Tag Präventionsübungen mit ihrem Physio und geht zu einem Laser-Doktor aus der Toskana, der  bei Grand-Slam-Turnieren anreist und Tennisprofis wie Djokovic, Nadal & Co in Hotelsuiten behandelt.
       Offensichtlich mit Erfolg. Und Andrea Petkovic gewinnt und gewinnt, sogar mit ihrem lädierten Knie. Sie kommt, was sonst keine Spielerin in diesem Jahr geschafft hatte, zum dritten Mal nach Melbourne und Paris in ein Grand-Slam-Viertelfinale: „Das ist super, mein Spiel ist seit letztem Jahr stabiler geworden, ich habe mehr Möglichkeiten im Match zu variieren, jetzt will ich mehr." Klappt leider nicht. Caroline Wozniaki, die Nummer eins der Welt, war Endstation. Schade, das Halbfinale wäre ein schönes Geburtstagsgeschenk gewesen.
       Der großartige Karrieresprung von Andrea Petkovic in die Top 10 ist aber nur eine Sache. Die Hessin hat in diesem Jahr auch gleich noch ihre Kolleginnen Julia Görges und Sabine Lisicki zu besonderen Leistungen angestachelt. Und jetzt auch noch Angelique Kerber, mit der sie in der Schüttler-Waske-Academy  in Offenbach viereinhalb Wochen im

Juli, nach Kerbers bis dahin völlig verkorkster Saison, trainiert hatte. Und so kam es, dass nun gleich vier deutsche Spielerinnen das neue deutsche Frauen-Tennis-Wunder in New York weiter aufleben ließen. Die Erklärung dafür kam von Andrea Petkovic: „Wir wissen, jede kann jede im Training schlagen. Wenn ich also Topspielerinnen schlagen kann, sagen sich jetzt die andern, dann kann ich das auch. Dieser gesunde und neidlose Konkurrenzkampf und unsere Kameradschaft geben uns Energie und puschen uns nach oben."
       Beim Porsche-Tennis-Grand-Prix war es Julia Görges, die, angespornt von „Petko", den Turniersieg holte und im Finale die dänische Weltranglistenbeste Wozniacki besiegte. Auch in New York gewann die Top-20-Spielerin, die schon sieben Mal Top-10-Spielerinen schlagen konnte, ihre ersten beiden Runden problemlos. Doch dann, durch eine Rückenverletzung leicht gehandicapt, kam gegen die Chinesin Peng das Aus.
       Sabine Lisicki eiferte Andrea Petkovic in Wimbledon nach, wo sie nach ihrer langen Verletzungspause furios auftrumpfte und bis ins Halbfinale kam. Auch hier bei den US Open stand sie deshalb und wegen ihrer Turniersiege in Birmingham und Dallas hoch im Kurs. Sie wurde sogar als Geheimfavoritin gehandelt. Die Berlinerin spielte sich auch souverän in die vierte Runde. Doch hier holte die Vorjahresfinalistin und Nummer zwei der Setzliste Vera Zvonareva die 21-Jährige aus ihren Träumen. Sabine Lisicki steckte die Niederlage gleich gewohnt locker und charmant lächelnd weg: „Ich bin stolz, was ich erreicht habe. Meine Zeit wird noch kommen."
       Für Angelique Kerber, als Jugendliche das größte deutsche Tennistalent, scheint auch endlich der Knoten zu platzen. Völlig überraschend ihr Amerika-Trip. Zuerst das Halbfinale in Dallas und dann ihr sensationeller Siegeszug bis ins Halbfinale in Flushing Meadows. Auch sie verdankt den plötzlichen Karrieresprung maßgeblich dem Motivationsgenie Andrea Petkovic, die sagt: „Ich hab ihr beim gemeinsamen Training viel Mut gemacht." Was Angelique Kerber bestätigt: „Petko hat mir unglaublich geholfen." Hinzu kommt: Sie hat ihren Trainer gewechselt. Nicht mehr ihr Vater macht den Job, sondern Benjamin Ebrohimzadeh, ein deutsch-iranischer Tennislehrer, der wie Petko „mutigen und couragierten" Einsatz von ihr fordert, und „Spiel' dein Spiel und kämpfe bis zum letzten Ball." Und so wäre mit der neuen Einstellung, sowie „Mumm, guten Nerven und toller Fitness", was ihr die Fed-Cup-Chefin Barbara Rittner bescheinigt hatte, fast noch mehr drin gewesen, denn das Finale verpasste die Kielerin nur knapp im dritten Satz gegen die spätere US-Open-Siegerin Samantha Stosur.
       Aus deutscher Sicht wurde bei den US Open auch mal wieder ein bisschen Geschichte geschrieben. Mit Angelique Kerber und Andrea Petkovic sind erstmals nach 1994 bei den French Open wieder zwei Deutsche im Viertelfinale eines Grand-Slam-Turniers gestanden - bei den US Open ist das schon 24 Jahre her. Kerber ist außerdem die erste deutsche Tennisspielerin seit Steffi Graf 1996 (US-Open-Siegerin gegen Monica Seles), die hier bis ins Halbfinale vordrang.
       So war auch Boris Becker, der die US Open für das englische Fernsehen kommentierte, von den Coups der Mädel angetan: „Wir haben in Deutschland wieder Weltklassespielerinnen, da ist es klar, dass eine so weit kommen kann." 
                                         
Eberhard Pino Mueller
publiziert:  Oktober 2011 
                                       DTZ-Deutsche Tennis Zeitung
                                           
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