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Dr. Stuart Miller über den ITF-Tennis-Anti-Doping-Kampf

„Naiv zu glauben, wir erwischen jeden"


Mister Miller, was sind Ihre Hauptaufgaben in Sachen Doping bei der Internationalen Tennis Federation ITF?

Dr. Miller: Ich bin der hauptverantwortliche Manager für das ITF-Tennis-Antidoping-Programm, das die ITF im Auftrag aller Tennis-Organisationen, also der ATP, WTA, Grand Slams und anderer, durchführt. Die ITF ist für die Organisation und Verwaltung des gesamten Programms verantwortlich. Wir managen alles bei den Events, ebenso die Fälle, bei denen wir gegen Spielerinnen oder Spieler hinterher vorgehen, das heißt, alle Aspekte des Anti-Doping-Programms.

Wie hoch ist das Budget für Ihr Programm?

Dr. Miller: Darüber sprechen wir nicht. Es wurden ein paar Zahlen veröffentlicht, die wir aber nicht kommentieren. Wir können uns über die Qualität des Programms unterhalten, aber nicht über Geld.

Wer trägt die Kosten des Programms?

Dr. Miller: Alle Partner sind dabei beteiligt. Die ATP, WTA wie auch wir finanzieren das zusammen anteilmäßig.

Woher kommen die Kontrolleure, die den Spielern die Proben abnehmen?

Dr. Miller: Wir haben damit IDTM, die schwedische Firma „International Doping Tests and Management" beauftragt. Diese unabhängige Organisation sammelt mit ihrem globalen Netzwerk die Proben für unser Programm und erledigt das nach unseren Anweisungen. Zusätzlich werden Tennisspieler und Spielerinnen auch von nationalen Anti-Dpping-Agenturen und der Welt-Anti-Doping-Agentur WADA getestet. Doch wir sind hier führend mit den meisten Kontrollen.

Was genau geschieht mit den Proben?

Dr. Miller: Mit der getesteten Person wird ein Formular mit Name, Code-Nummer und Unterschrift ausgefüllt. Die A- und B-Proben gehen anonym, also ohne Namen, an ein von der WADA zugelassenes Labor. Das Resultat der Probe wird dann der ITF anonym mitgeteilt. Wir ordnen das Ergebnis über die Code-Nummer dem Spieler oder der Spielerin zu und leiten bei einem positiven Befund ein Verfahren ein. Dazu wird die betreffende Person kontaktiert, um zu dem Fall Stellung zu nehmen. Am Ende dieses Prozesses, also wenn eine Entscheidung vorliegt, wird der Fall veröffentlicht.

Warum wird das Resultat der Probe nicht gleich veröffentlicht?

Dr. Miller: Der Grund ist, der Spieler oder die Spielerin soll zuerst Gelegenheit haben, Beweise zu beschaffen, ob er oder sie unschuldig ist. Eine Bekanntgabe, ohne Gegenargumente des Betroffenen, könnte zu einem persönlichen Imageschaden führen. Es gibt eine Ausnahme. Wenn jemand Schlechtes oder Falsches über das Tennis-Anti-Dopingprogramm sagt, reagieren wir und sprechen offen darüber.







Kann es sein, dass ein Fall nicht öffentlich bekannt wird, weil die Person bei der Anhörung für nicht schuldig gesprochen wurde, obgleich die Probe Dopingmittel enthielt?

Dr. Miller:  Wir würden so einen Fall nicht an die Öffentlichkeit bringen. Aber die WADA und die nationale Anti-Doping-Agentur weiß davon, da jeder positive Fall diesen Organisationen mitgeteilt wird. Beide haben auch das Recht, zu widersprechen.

Blutproben werden eingelagert. Zu Nachuntersuchungen gibt die ITF diese Proben nur ohne die Code-Nummer frei. Warum?

Dr. Miller: Jeder, dessen Probe für Nachforschungen herausgegeben werden soll, wird gefragt, ob er einverstanden ist. Wenn ja, kann die Probe, aber nur wenn sie nicht mehr gebraucht wird, anonym nachuntersucht werden.

Was passiert, wenn sich herausstellt, dass die Probe Substanzen der Dopingliste enthält?

Dr. Miller: Diese Chance von geprüften Proben, die nachuntersucht werden, ist sehr schmal. Nur wenn neue Tests eingesetzt werden, kann vielleicht nachträglich etwas aufgedeckt werden.   

Was passiert in so einem Fall?

Dr. Miller: Man muss unterscheiden zwischen Proben, die für wissenschaftliche Zwecke verwendet werden, bei denen die Resultate anonym bleiben und Proben, die von der WADA nachuntersucht werden, wo ein Dopingfall publik gemacht wird.

Wurde die ITF von der WADA aufgefordert, anstelle von mehr als 2000 Turnierkontrollen im Jahr mehr Blut- und Trainingskontrollen zu machen?

Dr. Miller: Nein. Wir machen die Kontrollen im Einklang mit dem WADA-Code. Die Änderungen, die wir machen wollen, gingen von uns aus.

Meinen Sie nicht, dass man bei den Turnierkontrollen nur Dumme erwischt, weil Betrüger genau wissen, wie sie sich an den Kontrollen vorbeimogeln können? Wären mehr gezielte  Trainings- und Blutkontrollen nicht sinnvoller?

Dr. Miller: Wir revidieren unser Tennis-Anti-Doping-Programm regelmäßig. Wir haben im März drei Veränderungen angekündigt. Mehr Trainings- und mehr Blutkontrollen und die Einführung eines biologischen Athletenpasses. Es wäre naiv, zu glauben, wir erwischen jeden, der beim Tennis betrügt. Wir können uns aber nur bemühen, unser Anti-Doping-Programm so gut und effektiv wie möglich zu machen. Und daran arbeiten wir immer.

                                       
Dr. Eberhard Pino Mueller

publiziert:   Oktober 2013  -  TennisSport 

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