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Kommentar zum ineffektiven Anti-Dopingkampf

„Wir brauchen mehr Seppelts"


Die Dinge sind oft nicht so, wie sie erscheinen. Das trifft ganz besonders auf Doping und die Erfolgsmeldungen im Kampf gegen Doping zu. Es ist nämlich so, dass die jährlich aufgedeckten Dopingfälle nur die Spitze des Eisberges sind. Die Möglichkeiten der Betrüger sind viel zu groß, dabei könnte man, zumal die Schwachpunkte seit langem bekannt sind, in vielen Fällen etwas dagegen tun (siehe www.takeoff-press.de unter „DOPING" ). Der Mainzer Sportmediziner Prof. Perikles Simon, einer der kompetentesten Anti-Doping-Experten, kam schon vor Jahren zu der  traurigen Erkenntnis, dass das gesamte Anti-Doping-System nicht hinterfragt werde. „Man guckt sich das System nicht an und fragt, ob es funktioniert."

Beim Grand-Slam-Turnier 2018 in New York herrschten fast unmenschliche Bedingungen für die Tennisprofis. Sie hatten mit extremer Hitze und Luftfeuchtigkeit zu kämpfen. Auch die großen Titelfavoriten Roger Federer und Novak Djokovic. Während der Serbe Djokovic über sieben Runden den ungewöhnlichen, äußeren Bedingungen standhielt, machte der Schweizer Federer schon in der vierten Runde schlapp. So etwas kann natürlich immer passieren.

Doch diesmal erinnerte ich mich an eine Begebenheit vor ein paar Jahren, als Roger Federer nach seinem Match bei den US Open erst etwas trinken musste, um die Blase für einen Doping-Urintest zu füllen. Während dieser Wartezeit kam Robert Federer, der Vater des Tennissuperstars, auf mich zu und wollte wissen, ob es strafbar sei, mit einer transportablen Unterdruckkabine eine Leistungssteigerung herbeizuführen. Er fragte dies im Hinblick auf Novak Djokovic, einen der fittesten Tennisprofis. Ich sagte ihm, Unterdruckkabinen seien nicht verboten und nach den Doping-Bestimmungen auch nicht strafbar, das mir im Nachhinein die Welt-Anti-Doping-Agentur (Wada) auch nochmal bestätigt hat.   

Es gibt in der Tat keine Beweise, dass einer der beiden jemals Unterdruckkabinen benützt hat. Man fragt sich aber, warum ist das im Leistungssport erlaubt, wenn einer das zu seinem Vorteil gemacht hätte? Der Aufenthalt in Unterdruckkabinen verstärkt die Produktion roter Blutkörperchen, wobei die Konzentration von Sauerstoffaufnahme und -transport erhöht wird, was zu einer künstlichen Leistungssteigerung führt. Dies müsste eigentlich unter den Begriff Doping fallen, weil damit die Leistung von Sportlern und Sportlerinnen auf unnatürliche und bequeme Weise manipuliert wird. Warum wird so ein „Doping-Schlupfloch" von der Wada nicht beseitigt?

Das ist nur ein Beispiel - es gibt leider viele - wie lasch, inkonsequent und bewusst ineffektiv der Anti-Doping-Kampf geführt wird und zu unfairem Sport führen kann. Obwohl der Doping-Experte Prof. Werner Franke und der Spiegel-Redakteur Udo Ludwig schon 2007 in ihrem Buch „Der verratene Sport…" einen totalen Umbau des Sportsystems wegen des „weltweit operierenden Doping-Kartells aus Ärzten, Funktionären, Trainern und Sportlern" für notwendig hielten, ist aus den guten Vorschlägen nicht viel geworden. 







Es ist bezeichnend, dass die Olympiasiegerin Ulrike Nasse-Meyfarth über die Misere des Anti-Doping-Kampfes sagt, die Doppelzüngigkeit der Funktionäre, auch derjenigen der Weltverbände, verhindere standardisierte Dopingkontrollen in allen Ländern.

Dass Prof. Simon als unermüdlicher und kompetenter Kämpfer gegen Doping frustriert das Handtuch geworfen hat und sich von einem weiteren Engagement zurückzieht, ist angesichts der Kritikresistenz, Nachlässigkeiten und  Vertuschungen vieler Verantwortlichen im Anti-Doping-Kampf und in der Doping-Szene mehr als zu bedauern, aber auch verständlich.

Umso mehr müssen Journalisten sich als Anwälte für einen sauberen Sport begreifen. Die Anstrengungen der Medien im Bemühen um Aufklärung sollten intensiviert werden. Investigative Recherche ist mehr und mehr Standard in den Redaktionen der Medien, aber hauptsächlich, wenn es um Politik und Wirtschaft oder auch lokale Missstände geht. Die meisten Sportteile in Zeitungen hinken aber der Entwicklung hinterher. Es sind meistens noch immer eher einsame Rufer - aber wir brauchen mehr Seppelts!

                      
                                      Dr. rer. nat. Eberhard Pino Mueller
Chefredakteur der Sportpresseagentur TAKEOFF-PRESS, langjähriger Sportjournalist mit Pharmaziestudium und Promotion in Chemie mit Nebenfach Pharmakologie


publiziert:  Ausgabr 4 / 2018…. Doping Magazin ( für Wett-   
                  kampfsportler, Vereine und Verbände )
                  Dezember 2018…   Tennisportal TAKEOFF-PRESS
 
                            
Nachtrag:
Ein Höhentraining ist für Leistungssportler nicht ausdrücklich verboten. Für Tennisprofis ist es aber kontraproduktiv:
1) In der dünnen Luft können Tennisprofis ein intensives Training, wie auf normaler Höhenlage, vor und während der Turniere nicht absolvieren.
2) Die Tennisbälle springen in der Kälte und fliegen in der dünnen Luft anders. Die Tennisprofis müssten sich darauf einstellen und danach das Spiel wieder auf die veränderten Bedingungen umstellen.
3) Die Besaitung der Schläger ist für Tennisprofis extrem wichtig. Dabei wird der Luftdruck, die Luftfeuchtigkeit, die Temperatur, der Bodenbelag u.a. berücksichtigt - ein weiteres Handicap bei der Umstellung auf unterschiedliche Höhenlagen.
4) Erschwerend wäre, ohne einen Arzt (zur Kontrolle der Hämatokrit-Werte), und ohne das übliche Team der Topspieler (Coach, Physio, Hittingpartner, Masseur…) macht Höhentraining keinen Sinn.

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