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Tennis, das Fernsehen und das Geschäft

                    Christopher, der junge, blonde Schwede neben mir im Medienzentrum, ist genervt. Er schaut dauernd auf seine Uhr und telefoniert herum, weil ihm die Zeit davonzulaufen scheint. Keine hundert Meter entfernt sitzt Michael in einem Übertragungswagen an seinem wenige Quadratmeter großen, zehn Millionen Euro teuren Arbeitsplatz. Die beiden, mit ganz verschiedenen Jobs, sind für die TV-Verbreitung eines Sport-Events, wo es um viel Geld geht, maßgeblich verantwortlich.
           Wir sind bei den Gerry Weber Open. An dem regnerischen Nachmittag stehen fünf Matches mit den Spielern Kiefer, Kohlschreiber, Davydenko (RUS), Nieminen (FIN), Melzer (AUT), Federer (CH) und anderen auf dem Spielplan für den überdachten Centre Court. Der Regen für die Spiele also kein Problem. Ein Problem aber das Monsterprogramm fürs Fernsehen - weniger für Michael Langkau, der als Produktionsmanager für das Übertragungskonzept des deutschen TV-Senders Sport 1 zuständig ist, aber für Christopher Cederblad von IEC, der die TV-Rechte weltweit vermarktet.
          Welchen Aufwand die Fernseh-Macher betreiben, damit Bilder vom Tennis bei uns ankommen, wissen die wenigsten. Was so einfach aussieht, ist Ergebnis phänomenaler Technik, gesteuert von TV-Experten wie Langkau, Cederblad und mehr als 100 weiteren Leuten - und alle vor Ort. Michael Langkau kriegt für Sport 1 das Bildmaterial von der Produktionsfirma
TopVision, die der Veranstalter für einen sechsstelligen Betrag angeheuert hatte. „TopVision", erzählt er, „produziert für Sport 1 und alle weltweit angeschlossenen TV-Sender die Bilder nach Absprache mit dem Veranstalter und uns. Das kompetente Team sowie die modernste Technik der Übertragungswagen von TopVision machen es möglich, dass ein Event live, weltweit und direkt über Satellit übertragen werden kann."
          Christopher Cederblads Problem ist zum einen Tennis, weil die Länge eines Matches nicht vorhersehbar ist und die ersten Matches sich lange hingezogen hatten - zum andern, weil er jetzt befürchten muss, dass nicht alle fünf Matches fürs Fernsehen produziert werden. Natürlich braucht er das Federer-Match und das von Melzer, der gerade im Halbfinale von Paris gestanden hatte - Matches, die erst an vierter und fünfter Stelle an diesem Tag dran sind. Ob er denn diese Spiele in viele Länder verkauft habe, fragt der Marketingleiter des Turniers nach. Die Antwort des Schweden: „Ja, in sehr, sehr viele Länder." 
          Verständlich daher die Nervosität von Christopher Cederblad, der alle TV-Sender, die bei IEC gebucht haben, schon am Vortag über das Programm informiert hatte und die nun auf die Bilder für ihre Programme warten. Es gehe dabei auch nicht um einige hunderttausend Zuschauer wie in Deutschland, so der IEC-Mann, „wir haben mehr als das Zehnfache weltweit. Unser „World Feed-Service", ohne Werbung und ohne den deutschen Ton, ist in den meisten europäischen Ländern, Asien, dem Mittleren Osten und Südamerika gefragt."
          IEC gehört zu den Großen der Branche mit Büros in Stockholm, Lausanne, Sydney, Honkong und Dubay und verkauft die Medienrechte von vierzig ATP und WTA-Tennisturnieren an TV-Sender. Auch produzieren sie selbst Sportbeiträge. So monatlich eine Highlight-Show von ihren Tennis-Events mit dem Titel „World of Tennis". Ihre Stärke ist, „global zu agieren, aber lokal zu handeln". Das wissen auch die Macher der Gerry Weber Open zu schätzen, weil ihre hohen Ansprüche bei der Vermarktung der Marke Gerry Weber erfüllt werden. 
          Erstklassige, eines Grand Slam-Turniers würdige Bilderwelten, so Eduard Palasan, der Geschäftsführer von
TopVision, setze man in Szene. Erstmals in Deutschland sei eine 3D-Kamera auf dem Centre Court installiert - die Fernsehtechnik der Zukunft. Außerdem werde eine Super-High-Speed-Kamera mit einem 100-fach Tele-Zoom-Objektiv eingesetzt. Hinzu kommt erstmals das Linienüberwachungssystem „Hawk Eye", für das zehn zusätzliche Kameras millimetergenau angebracht werden mussten. Für Premieren im Fernsehbereich, meint Turnierdirektor Ralf Weber, stehe kein anderer Event so nachdrücklich wie dieses Turnier.
          Natürlich werden auch die Zweitrechte der Gerry Weber Open vergeben. Genau genommen verschenkt, denn dafür hat man
SeeQuence, einen redaktionellen Dienstleister, gebucht. Dieser vom Veranstalter bezahlte Medien Service, mit einem mobilen Team vor Ort, kann in kürzester Zeit mit Hilfe mobiler Technik für Satellitenberichterstattung (SNG) TV-Redaktionen bedienen und Live-Bilder, Senderbeiträge oder TV-Rohmaterial über Satellit zu TV-Stationen übertragen.

          Alles in allem haben die Gerry Weber Open ein konsequent durchdachtes und bestens umgesetztes TV-Konzept, um so viel wie möglich Sendezeit herauszuholen. Vorbei nämlich die Zeiten, als die Sender sich um die Tennis-TV-Rechte  in Deutschland gerissen und dafür Millionen - Ufa Sports 125 Mio. Mark an den Deutschen Tennis Bund - bezahlt haben. „Weil das Tennisinteresse nachgelassen habe, so Michael Langkau, würden die Wimbledon-Rechte heute für den deutschen Markt weniger als ein Zwanzigstel dessen kosten, was sie zu den Zeiten von Boris Becker und Steffi Graf gekostet haben. Der Markt reagiere wie überall auf Angebot und Nachfrage.
          Immerhin ist es möglich, kleinere Tennisturniere im Fernsehen in Deutschland wie auch weltweit zu übertragen, wenn die Veranstalter mitmachen, die Produktionskosten mehr oder weniger tragen, sowie die Fernsehrechte günstig oder umsonst einem Sender überlassen. Dafür bietet Sport 1 Media Pakete an. Nach Michael Langkau läuft das so: „ Wir haben mit dem Veranstalter einen Vertrag, der die Übertragungszeiten regelt. Den Betrag, den wir dafür bezahlen müssten, wird mit TV-Werbung verrechnet, die in den Sendungen läuft. Der Veranstalter kann also für sich und Sponsoren  bei uns gratis TV-Werbung schalten."
          So etwas ist bei den Grand Slam- und großen ATP-Turnieren nicht zu machen. Es sei eine Schande, beklagt der österreichische Tennismanager Ronnie Leitgeb, wo Tennis im Fernsehen gelandet sei. Man könne die großen Turniere in Österreich nicht sehen, weil die internationalen Verbände die Rechte an kleinere Länder nicht abtreten.
          Noch wird Wimbledon in diesem Jahr von Sport 1 übertragen. Das Dumme ist bloß: Man hat die Rechte nur noch für 2010. Es ist fraglich, ob der Sender sich so ein Turnier auch in Zukunft leisten wird, da auf absehbare Zeit kein deutscher Tennisboom in Sicht ist. Bleibt zu hoffen, dass Sport 1 die BMW Open München, den Mercedes Cup Stuttgart, die Gerry Weber Open Halle, die International German Open Hamburg und die ATP World Team Championship Düsseldorf sowie den Davis Cup auch weiterhin in Deutschland übertragen wird. 
          Top-Ten-Spieler als Zugnummern für deutsche Turniere zu verpflichten, ist bei den Antrittsgeldern, die bezahlt werden müssen, schwierig geworden. Da kommt der absolut einmalige Coup der Gerry Weber Open, die mit dem Tennis-Superchampion Roger Federer einen Lifetime Contract abgeschlossen haben, gerade gelegen - und ganz besonders für Christopher Cederblad und Michael Langkau, deren Arbeitgeber Verträge hier laufen haben.

publiziert: Juli 2010  --  DTZ                       Eberhard Pino Müller

Horst Erpenbeck, Marketing-Leiter der Gerry Weber Open über 

… die Fernsehstrategie:  Es gibt für uns drei Komponenten: die nationalen, internationalen und Zweitrechte. Das ZDF hatte die nationalen Rechte 17 Jahre. Seit fünf Jahren ist auch noch das DSF, jetzt Sport 1, als Haussender dabei. Die internationalen Fernsehrechte vermarktet für uns IEC. Wir werden den Vertrag in Kürze verlängern, obwohl uns ein Angebot von TWI vorliegt, die als internationaler TV-Rechtedealer für die Grand-Slam- und die ATP-World-Tour-Masters-1000-Turniere fungieren. IEC ist für uns ein guter Partner, bei dem wir wissen, was wir haben. Es kommt uns auch nicht auf den letzten Euro an, sondern mehr auf die Quantität der Länder.
… die Marketingstrategie:  Wir brauchen ein Marketing weltweit in vielen Ländern - ein Key-Marketing in Schlüsselländern mit den wichtigsten Absatzmärkten der Marke Gerry Weber. Dazu zählen Topländer wie die Beneluxstaaten, Großbritannien, Österreich, die Schweiz, Spanien und Skandinavien. Hinzu kommt auch der asiatische Markt, der Ostblock, wie auch der Mittlere und Ferne Osten.
… das weltweite TV-Interesse:  Unsere TV-Bilder gehen in 80 Länder der Erde, von Dubai bis auf die Philippinen, von Russland bis nach Singapur. Der in der ganzen arabischen Welt verbreitete Sender Dubai Sports Channel sendet die Halbfinals und das Endspiel live. Der paneuropäische Sender CNBC Europe strahlte für 123 Millionen Zuschauer über Satellit und Kabel ein Gerry Weber Open-Special aus.
… die Zweitrechte:  Wir bieten die Zweitverwertung mit Kurzberichten gratis an, um möglichst viele Sender zu bedienen. Das erhöht die TV-Zeiten, vor allem aber die Zuschauerzahlen und das ist für die Marke Gerry Weber sowie die Sponsoren und Partner gut. So kommen wir in Sendungen von RTL, NTV, N24, dem Morgenmagazin, WDR und ZDF vor. Das klappt, weil wir vielleicht etwas pfiffiger sind und auch „Tennistainment" mit Promis und der Gerry Weber Open Fashion Night anbieten.

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