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Tennis:  Olympische Spiele

Ein Bischof, ein Hamburger, ein neuer Olympischer Geist

Da fährt ein Hamburger zu Olympischen Spielen, um bei einem Laufwettbewerb teilzunehmen. Doch es ist nicht sein Ding. Nach dem Ausscheiden trifft er beim Einkaufen in einem Laden einen Mann, der eigentlich als Zuschauer in die Stadt gekommen war. Die beiden freunden sich an, melden in letzter Minute für das Tennis-Doppel und gewinnen Gold. Was für eine Goldmedaille? Aus purem Zufall und Lust und Laune, weil damals jeder teilnehmen konnte, auch im Team mit Sportlern anderer Länder - damals, 1896 in Athen, bei den ersten Olympischen Spielen der Neuzeit, als der Deutsche Friedrich Adolf Traun und der Ire John Boland diesen herrlichen Coup gelandet haben.   

Bis 1924 war Tennis bei Olympischen Spielen mehr schlecht als recht dabei. Die eigenen Turniere standen bei den Tennisakteuren höher im Kurs. Dass die „blütenweißen" Tennisamateure danach bei Olympischen Spielen nicht mehr dabei waren, lag am Desinteresse - bei den Spielen 1924 in Paris etwa, wo Spieler und Organisatoren sich um das olympische Tennisturnier wenig geschert haben. Als olympische Sportart wurde Tennis erst wieder 1964 in Tokio geführt, aber nur mit einem Demonstrations-Turnier ohne offiziellen Charakter, das die Essenerin Helga Masthoff unter ihrem Mädchenamen Niessen gewann. Die Zeit war immer noch nicht reif für Tennis bei Olympischen Spielen, zumal 1968 „offene" Turniere für Amateure und Profis zugelassen wurden und die Kommerzialisierung im Tennis dem olympischen Amateur-Gedanken widersprach.

Anfangs der achtziger Jahre waren es nicht nur Funktionäre des Internationalen Tennis Verbandes, die sich für Tennis bei Olympischen Spielen stark machten, sondern auch die Olympier, die ihre Wettkämpfe, nach der Milliarden-Pleite 1976 in Montreal und politischen Boykotts, mit Tennis, einer der populärsten und attraktivsten Sportarten, aufwerten wollten. So war Tennis in Los Angeles 1984, wo die vierzehnjährige Steffi Graf gewann, wenigstens wieder einmal Demonstrationssport. Die Tennisprofis durften dann, nachdem die Olympier die Zeichen der Zeit erkannt und ihre Amateur-Regeln modifiziert hatten, 1988 in Seoul endgültig um Medaillen spielen.   

Doch viele Tennisprofis hatten noch immer keine Lust auf Olympische Spiele. Thomas Muster und Mats Wilander ließen die Olympiade sausen und spielten lieber in Barcelona und Palermo, wo sie Preisgeld kassierten. Oder Henri Leconte fuhr nur dahin, „weil der französische Tennisverband Druck auf mich ausgeübt hatte." Und Chris Evert meinte: „Olympische Spiele sind für uns nur eine unter vielen Saisonhöhepunkten im Unterschied zu anderen Sportlern, die darauf vier Jahre arbeiten müssen." Der gleichen Meinung war Yannick Noah: „Wir millionenschwere Profis haben kein Recht, denen die Schau zu stehlen, die als Amateure vier Jahre hart arbeiten, um zwei Wochen im Mittelpunkt zu stehen."

Natürlich konnte man auch nicht erwarten, dass Tennis bei Olympischen Spielen gleich das Nonplusultra sein würde und alle guten Spieler kommen würden. Für Spieler, die Medaillen erringen, sind die Spiele gut, für die, die leer ausgehen oder Geld wollen, nicht. Überraschend, wie schnell die Profis dann doch an Olympia Gefallen fanden. „Man kann 16 Grand Slam-Titel in vier Jahren gewinnen", sagte Sylvia Hanika, „deshalb wäre eine Goldmedaille für mich gleich viel wert." Oder Boris Becker: „Bei den Olympischen Spielen würde ich notfalls auch mit einem gebrochenen Bein mitmachen wollen."

Von fundamentaler Bedeutung aber war, dass Tennis mit Olympia-Status einen weltweiten Boom für diese Sportart auslöste. Vor allem in kommunistischen Ländern, wo man nur auf olympische Sportarten gesetzt und Tennis deshalb nicht gezählt hatte. „Tennis ist jetzt populär", sagte der Russe Volkov, „früher haben die Jungen ohne jede Zukunft bei uns gespielt." So auch der Tscheche Miloslav Mecir, der das erste Gold nach 64 Jahren holte: „Es ist schön, dass wir für eine Idee, für Olympia gekämpft haben und nicht nur für Geld."

„Das Wunder von Olympischen Spielen ist die Universalität", sagt ITF-Präsident Ricci Bitti, „und die hat sich in den letzten zwanzig Jahren auf Tennis übertragen." So mischen im Welt-Tennis, nach jahrzehntelanger Vorherrschaft der Australier und Amerikaner, inzwischen viele Länder mit, auch kleinere wie Zypern, Chile, Serbien, Kroatien, Tschechien oder Thailand. Doch die Teilnehmer müssen sich für die olympischen Tenniswettbewerbe nun qualifizieren, da eine limitierte Nominierung eingeführt wurde.




Schade, dass der olympische Leitspruch: „Das Wichtigste ist nicht zu siegen, sondern dabei zu sein und gut zu kämpfen", den die Olympier aus einer Predigt des Bischofs von Pennsylvania übernommen hatten, nicht mehr wirklich gilt, weil „medaillengeile" Nationen den Spielen den Olympischen Geist des Bischofs ausgetrieben haben. Und schade auch, dass es so wunderbare, kuriose Geschichten wie die der Herren Traun und Boland nie mehr geben wird.

                                                                           
                                                                                                                                                                                     
Eberhard Pino Müller

publiziert:  August 2008 DTZ   +  TAKEOFF-PRESS                               

Olympische Spiele und Tennis

1896 Athen:  Es waren Olympische Spiele ohne Frauen. Die erste Goldmedaille, die Deutschland jemals gewann, holte Friedrich Adolf Traun mit seinem irischen Partner John Pirius Boland im Tennis. Übrigens: Der Australier Edwin Flack, über 800 und 1.500 Meter Goldmedaillengewinner, wurde auch noch mit dem Briten Robertson Dritter im Tennis-Doppel.
1900 Paris:  Von 97 Disziplinen waren nur fünf, darunter Tennis, für Frauen offen. Die erste Olympiasiegerin der Geschichte war die britische Tennisspielerin Charlotte Copper, die im Einzel und Gemischten Doppel gewann.
1904 St Louis:  Kein Tennisturnier für Damen. Nur amerikanische Tennisteilnehmer bei den Herren, weil den Europäern die lange Anreise mit dem Schiff zu unbequem war.
1908 London:  Otto Froitzheim holt eine Silbermedaille für Deutschland. Medaillen wurden, um das Programm zu füllen, in sechs Tenniswettbewerben vergeben. Darunter auch im „Jeu de Paume" und „Racket", den französischen, beziehungsweise englischen Vorgängern des Tennis, sowie bei einem Hallenturnier im Queens Club.
1912 Stockholm:  Dora Köring verliert das Endspiel nach haushoher Führung, weil ihre Gegnerin  das Spielfeld zum Schuhwechsel wortlos verlassen und die Deutsche damit völlig aus dem Konzept gebracht hatte. Sie holt dafür noch Gold zusammen mit Heinrich Schomburgk im Gemischten Doppel. Der Deutsche Oscar Kreuzer wird Dritter und holt Bronze.
1916: Krieg - keine Olympischen Spiele.
1920 Antwerpen: Die Deutschen waren wegen des vorangegangen Krieges von diesen wie auch vier Jahre später von den Olympischen Spielen ausgeschlossen. Die „göttliche" Französin Susanne Lenglen gewinnt die Goldmedaille
1924 Paris:  Die vorerst letzten Olympischen Spiele mit Tennis. Ein chaotisches Turnier im Park von St Cloud - es gab kaum Zuschauer, Balljungen, Linienrichter und Umkleideräume.  Übrigens: Der Amerikaner Richard Norris Williams, der den Untergang der „Titanic" 1912 überlebt hatte, gewann mit Hazel Wightman das Gemischte Doppel.
1928 (Amsterdam) 1964 (Tokio) und 1984 (Los Angeles) Tennis als Demonstrationssportart.  Helga Niessen gewinnt in Tokio und Steffi Graf in Los Angeles.
1988 Seoul:  Gold für Miroslav Mecir und Steffi Graf, die damit den „Golden Slam" gewinnt, weil sie 1988 auch noch bei allen vier Grand Slam-Turnieren siegte. Zusammen mit Claudia Kohde holt Steffi Graf auch noch Bronze im Doppel. Weitere deutsche Teilnehmer: Sylvia Hanika und Eric Jelen. Boris Becker musste verletzt absagen.
1992 Barcelona:  Boris Becker und Michael Stich holen Gold im Doppel und Steffi Graf überraschend nur Silber, weil sie das Finale gegen Jennifer Capriati verliert. Weitere deutschen Teilnehmer: Anke Huber, Barbara Rittner (Wildcard) und Carl-Uwe Steeb (Wildcard). Marc Rosset triumphiert im Herren-Einzel. Übrigens: Nicht startberechtigt waren Monica Seles, Gabriela Sabatini und Martina Navratilova, weil sie im Federation-Cup 1991 nicht für ihr Land angetreten waren. 
1996 Atlanta: Marc Goellner und David Prinosil holen Bronze im Herrendoppel. In den Einzeln siegen die Amerikaner Lindsay Davenport und Andre Agassi.
2000 Sydney:  Einzel-Silber für Tommy Haas. Gold geht an den Russen Yevgeny Kafelnikov und die Amerikanerin Venus Williams.
2004 Athen:  Silber für Rainer Schüttler und Nicolas Kiefer im Doppel. Die Belgierin Justine Henin-Hardenne und der Chilene Nicolas Massu holen Gold.

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