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Das Halbfinale von Tommy Haas gegen den Paradiesvogel und Juxmacher Gael Monfils war dann eines der unterhaltsamsten in der Turniergeschichte. Der Höhepunkt: die spektakuläre Einlage, als der Franzose einen hohen Ball auftropfen und durch die Beine springen ließ, um den Ballwechsel nach einer Pirouette mit einem Schmetterball fortzusetzen. Nach dem Match kabbelte sich ein L'Equipe-Reporter mit Monfils in einem You-Tube-reifen Disput, der frei übersetzt etwa so ablief: „Du machst dummes Zeug und verschenkst den Sieg. - Wieso? Ich will die Leute unterhalten und muss mich auf dem Platz amüsieren, dann spiel ich erst richtig gut. - Das Resultat spricht nicht dafür. - Ach was! Wieso? Es verliert immer einer. - Ja, aber nicht so. - Warum? Ich häng mich immer voll rein. - Aber es fehlt der notwenige Ernst und Respekt. - Blödsinn. Ich hab gespielt wie immer, so bin ich eben. - Aber diesmal gingst du zu weit. - Das kannst du doch nicht beurteilen. - Warum nicht? - Also wirklich, ich war überzeugt, mit 300 Prozent bring ich den Smash rein und die Zuschauer auf meine Seite. - Mag sein, aber du siehst, das Match ging den Bach runter, warum also machst du so was? - Hab ich dir doch gesagt. Ich spiel, wie ich spiele, und bin überzeugt, so am besten."     

Die Tennisfans jedenfalls waren von der Show des Rasta-Mannes begeistert und auch von Tommy Haas, der nach dem tollem Kampf nun im Halbfinale gegen Roger Federer stand. Und da war der Oldie richtig gut dabei. Doch im dritten Satz bei 1:1 ein Doppelfehler und gleich als Dreingabe noch einen hinterher. Ärgerlich für Haas, der Aussetzer mit zwei verschenkten Punkten, denn so fing er sich das matchentscheidende Break. Wenigstens war's ein Freundschaftsdienst, die beiden sind nämlich gute Kumpel. Und jetzt wollte der Schweizer auch noch den Titel. Und er holte ihn sich - es war bei den Gerry Weber Open sein sechster.
   
Ach ja, überraschend tauchte diesmal sogar ein Kamerateam des amerikanischen Fernsehsenders CNN bei den Gerry Weber Open auf. Die Amis wollten sehen, wie man so ein Turnier mit einem Roger Federer in so einer Kleinstadt machen kann. Als ihnen der Turniergründer Gerhard Weber auch noch erzählte, Wimbledon habe sich inzwischen hier schon Ideen geholt, waren sie richtig baff. Und jetzt geht die wunderbare Turnierstory über CNN in die ganze Welt, wo etwa 280 Millionen Menschen sie sehen können.

Und noch etwas: Wenn erst das Zukunftskonzept der ATP, mit einer weiteren Turnierwoche auf Rasen nach Paris und vor Halle ab 2015 greift, passt das perfekt für die Gerry Weber Open und das Rasentennis insgesamt. Die „Road to Wimbledon" wird Halle aufwerten, und man wird die Gerry Weber Open fast schon in einem Atemzug mit Wimbledon nennen.

                                     
Eberhard Pino Mueller

publiziert:  Juli 2013   DTZ Deutsche Tennis Zeitung   




Gerry Weber Open

Dicht dran an Wimbledon


Es gibt eine schöne Geschichte, die Günther Bosch, der Jugendtrainer von Boris Becker, einmal erzählte. Sie spielt in Florida, im Trainingszentrum der Spielergewerkschaft ATP in Ponte Vedra. Er sei von den Bossen der ATP gelöchert worden, weil sie wissen wollten, was er von einem ‚crazy man aus Germany' halte. Der heiße Gerry Weber. Der wolle in einer kleinen Stadt ein Tennisturnier auf Gras machen. Kein Problem, habe er denen geantwortet, wenn irgendwo, dann in Deutschland, wo Tennis mit den Wimbledon-Siegern Boris Becker, Michael Stich und Steffi Graf boome. Und überhaupt, der Herr Weber sei ein Geschäftsmann ersten Ranges.

Der „verrückte Mann" hat es den skeptischen ATP-Managern gezeigt - und wie. Etwas mehr als ein Jahr später wurde in Halle ein Rasenturnier ausgetragen und mit viel Geld und Power haben sie inzwischen aus „Klein-Wimbledon in Westfalen" ein Top-Turnier, auf einer Top-Anlage mit Top-Bedingungen gemacht. Die Herren der ATP haben sich dafür revanchiert und die exzellenten Gerry Weber Open mit zehn Awards in den vergangenen Jahren ausgezeichnet.

Eine wunderbare Geschichte erzählte diesmal auch Mischa Zverev: „Am Freitag um 17 Uhr erfahre ich: bin in Queens im Hauptfeld. Will zuvor nach Paris. Mein Bruder sensationell im Finale bei den Junioren. Kurz vor 18 Uhr die Nachricht: bekomme in Halle eine Wildcard. Also schnell ins Auto. Gerade noch um 20:30 den Flieger in Düsseldorf gekriegt. Am Samstag meinem Bruder zugeschaut. Hat leider verloren. Hatte Tränen in den Augen. Vor drei Jahren war er ein Knirps. Jetzt ist er ein paar Zentimeter größer und im Junioren-Finale. Hat mich richtig gerührt."

Der Auftritt in Halle hat sich für Mischa Zverev gelohnt. Er machte zwei Gegner weg und kam ins Viertelfinale, wo ihm aber Roger Federer ein null und null in der Rekordzeit von 39 Minuten verpasste. „Was soll's", sagte er hinterher schmunzelnd, „wenn ich zwei und zwei mache, sagen alle, ja das passiert halt." Jetzt sei es ein Rekord in Halle, einer zum Lachen, an den man sich erinnere. 

Auch die anderen deutschen Spieler haben es gebracht - wie bei diesem Turnier fast immer. Diesmal waren sechs im Achtel- und vier im Viertelfinale, sodass zum siebten Mal in den letzten zehn Jahren mindestens drei unter die letzten Acht kamen, wobei sich bis dahin in diesem Jahr schon Kaliber wie der Japaner Kai Nishikori, der Kanadier Milos Raonic und der Pole Jerzy Janowicz verabschiedet hatten.

Doch nach Mischa Zverev konnten auch Philipp Kohlschreiber und Florian Mayer sich nicht für das Halbfinale qualifizieren. Nur Tommy Haas, der mit Federer, Nadal und Kohlschreiber auf dem Turnierplakat abgebildet war. Nichts war's mit der vom Turnierpressesprecher vor dem Turnier spaßeshalber gemachten Bemerkung: „Ich hab da schon mal die Halbfinalisten hingestellt." - kein Kohli, auch kein Rafa, der das Turnier auf ärztlichen Rat hatte sausen lassen. 

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