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US Open 2013


Tennis, Geld und viele Verrücktheiten


Fifteen, thirty, forty, deuce, game - das ist, was zählt in New York bei den US Open, dem größten Tennis-Grand-Slam-Turnier der Welt - meint man. Doch in Wirklichkeit geht es um viel mehr. Einen Haufen Geld. Lärm und grölende Fans während der Ballwechsel. Regen mit Spielverschiebungen. Brutal schwül-feuchte Hitze, dass die Spieler an ihre Grenzen gehen müssen und Helfer und Zuschauer umkippen. Tränen vor Freude, Enttäuschung und Mitleid. Einen Laufsteg der Mode. Überall Warteschlangen auf der berstend gefüllten Anlage. Matches, die nach Mitternacht enden. Party-Stimmung mit Lifebands wie in den Szenevierteln von Manhattan, Schampus inklusive. Und jedes Jahr viele neue Verrücktheiten. Apropos…

Flushing Meadows - Dereinst, 1978, verlegte der amerikanische Tennisverband die US Open von Forest Hills, einem efeuberankten Country Club nach Flushing Meadows. Kosten etwa zehn Millionen Dollar. Dann, bis in die neunziger Jahre, wurden neue Stadien gebaut, wieder abgerissen und umgebaut. Kosten etwa 500 Millionen. Und jetzt, bis 2018, will man ein Dach über den Centre Court und wieder neue Stadien und Tennisplätze bauen. Wieder mit eigenen Mitteln, vor allem mit den Gewinnen der US Open. Kosten etwa 550 Millionen. Gewaltig - der Bau des Kennedy-Flughafens in New York hatte mal 660 Millionen verschlungen, also fast nur die Hälfte.

Preis-?-Geld - 64 Spielerinnen und 64 Spieler kassierten in der ersten Runde 32 000 Dollar, ohne auch nur ein Match zu gewinnen - schon verrückt. Wer aber schafft es schon unter die besten Hundert in der Welt, um hier überhaupt antreten zu dürfen?

Fahrservice - Von den Hotels der Profis in Manhattan nach Flushing Meadows sind es etwa zehn Meilen. 543 Teilnehmer aus 63 Ländern müssen Tag für Tag befördert werden. Dafür stehen 175 Limousinen von Mercedes-Benz-USA als Sponsor und 75 Busse zur Verfügung. Eine Herkules-Aufgabe - da kommen während des Turniers gut 1,1 Millionen Meilen zusammen.

Schiedsrichter - Adel Borghei, ein offizieller Schiedsrichter der Profitennis-Tour, wurde für die US Open von der Turnierleitung abgelehnt. Der Grund: Sanktionen gegen den Iran. Mit einer einstweiligen Verfügung kam der Iraner dann doch als Linienrichter zum Einsatz - gut für den Sport.

Maria Sharapova - Als Werbegag für ihre Süßwaren wollte die frühere US Open-Siegerin unter dem Namen „Sugarpova" antreten. Ging nicht, auch wegen Schulterproblemen. Nicht schlimm - mit 26 Millionen Dollar im Jahr ist sie nach der Forbes-Liste die Sportlerin mit den höchsten Jahreseinnahmen.

Alison Riske - Mal gehört? Na ja, die Nummer acht der amerikanischen Rangliste kam auch nur mit einer Wild Card ins Hauptfeld. Und dann das: Sie verpasste unglücklich das Viertelfinale, nachdem sie zuvor Mona Barthel und Petra Kvitova, die Wimbledon-Siegerin 2011, abgefertigt hatte, weil ihr Tränen kamen, als ein halbes Dutzend verwundete Kriegssoldaten beim Seitenwechsel im dritten Satz präsentiert wurden, und sie danach völlig von der Rolle war.

... Colin Altamirano - Total verrückt. Die Nummer 50 bei den Junioren in Amerika holte, was in 71 Jahren nie vorgekommen war, ungesetzt den US-Titel bei den Jugendmeisterschaften und rutschte dafür, ohne Weltranglistenpunkte, ins Hauptfeld bei den US Open. Der Junior zwackte Philipp Kohlschreiber im Match dann immerhin vier Spiele ab. 

Mode - Es gibt keinen Dresscode bei den US Open, nicht wie in Wimbledon. Die Sport-Ausrüster Nike, Adidas & Co kreieren immer modischere Outfits. Vor allem für die Spielerinnen. Sie wissen, Sport, Mode und Geschäft gehören bei den US Open, wie nirgendwo sonst, zusammen. Etwa extravagante Brillen bei den Männern oder poppig knallige Farben bei den Spielerinnen kommen an. Deshalb werden den Top-Stars Nadal, Djokovic, Federer oder einer Serena Williams extra für die Night Sessions, die Abendmatches, besondere Klamotten verpasst -  ganz nach dem Geschmack der New Yorker.





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Nullnummer - Ein Match 6:0, 6:0 zu gewinnen, kommt eigentlich selten vor. Doch diesmal gab es gleich vier Doppel-Bagles. Einen sogar in einem Viertelfinale, im Match Serena Williams gegen Carla Suarez Navarro. Ein Kunststück, das Martina Navratilova zum letzten Mal 1989 geglückt war. Das Verrückte daran: Die junge Spanierin hatte ihrerseits ihrer Gegnerin in der ersten Runde auch eine Null und Null verpasst. Bitter - für Dinah Pfizenmaier war gegen die späterer Finalistin Asarenka auch nicht mehr drin. Ebenso für Olivia Rogowska, mit der Sara Errani kurzen Prozess gemacht hatte.

... Favoritensterben - Na so was! Schon in der ersten Runde flogen bei den Männern zehn Gesetzte raus. Die meisten seit 2004 bei Grand Slams. Auch die Ex-US-Open-Siegerin Samantha Stosur war gleich weg. Und sensationell früh die heißen Favoriten del Potro und Roger Federer.

Lisicki, Kerber & Co - Nach den Highlights der deutschen Spielerinnen bei Grand-Slam-Turnieren hatte Barbara Rittner, die Fed-Cup-Teamchefin, drei ihrer Schützlinge in der zweiten Woche erwartet. War nichts! Andrea Petkovic, von Platz 177 nach ihrer Verletzungspause auf 46 vorgerückt, flog gleich raus: „Das Grundselbstvertrauen ist nicht mehr da. Es ist, als würde ich alle Erfahrungen neu machen." Julia Görges nach ihrer Handverletzung mit Kapselriss: „Ich muss meinen Rhythmus wieder finden, das dauert einfach seine Zeit." Sabine Lisicki, ohne Matchpraxis in der dritten Runde: „Ich weiß, dass es wieder vorwärts geht und die Schritte richtig sind, dann sind Niederlagen nicht so schlimm." Angelique Kerber, unglücklich als letzte Deutsche im Achtelfinale nach großem Kampf und einem der besten Matches ausgeschieden: „Ich geh' wieder raus, habe Spaß und spiele mit Leidenschaft, damit ich am Ende sagen kann: Ich hab' alles gegeben. Niederlagen gehören eben zum Sport. Ich weiß aber auch, nach oben hab' ich noch Luft."

... Kohlschreiber, Haas & Co - gut gespielt, aber nichts Besonderes gerissen. Die Qualifikanten Jan-Lennard Struff und Peter Gojoweczyk haben als Neulinge gleich gut mitgehalten. Benjamin Becker, wie auch Tobias Kampke, die in Runde zwei kamen, haben sich gut verkauft. Florian Mayer warf zuerst den gesetzten Argentinier Juan Monaco raus und hielt sich in Runde drei auch gegen Andy Murray gut. Tommy Haas, zum 16. Mal bei den US Open, kam mit viel Selbstvertrauen: „Wenn ich rausgehe und mein bestes Tennis spiele, werde ich hier schwer zu schlagen sein." Doch dann, in der dritten Runde gegen Michail Juschni, war Schluss: „Es war einer dieser Tage, an denen man alles versucht, sich ins Match reinzubeißen, aber es hat alles nicht so funktioniert." Philipp Kohlschreiber schlug sich prächtig, packte den an 13 gesetzten Aufschlagriesen John Isner, kam bis ins Achtelfinale und nahm da dem späteren Champion Rafael Nadal sogar einen Satz ab, was bis ins Finale sonst keinem gelang. 

... Traumfinale - Die Nummer eins gegen die Nummer zwei. Serena Williams gegen Victoria Asarenka. Wer denn sonst? Keine Gegnerin konnte wirklich mithalten. Sie hätten den Titel gleich unter sich ausspielen können. Ihr Endspiel, ein Tennis-Krimi. Asarenka, schon hoffnungslos zurückliegend, zwang ihre Gegnerin mit tollem Kampfgeist in einen dritten Satz. Mehr war für die Titelverteidigerin aber nicht drin - die Queen von New York hieß zum fünften Mal Serena Williams. 

... Kampf der Giganten - Novak Djokovic gegen Rafael Nadal. Ein Mega-Finale mit Mega-Ballwechseln - megaspannend, megaspektakulär, megaatemberaubend. Eine Mega-Achterbahn mit einem überglücklichen Rafael Nadal als Champion.

... Millionen-Dollar-Scheck - Jeder US Open-Sieger kassierte diesmal ein Rekord-Preisgeld von 2,6 Millionen und dazu noch eine Million Bonus als Bester der amerikanischen Hartplatzturniere, der Emirates-Airline-US-Open-Series. Bombig - kommt Serena Williams doch damit auf mehr als fünfzig Millionen Dollar allein beim Karriere-Preisgeld und Rafael Nadal auf über sechzig Millionen.

                                              Eberhard Pino Mueller

publiziert:  Oktober 2013  --  DTZ Deutsche Tennis Zeitung

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