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US Open  2015


Die wunderbar verrückte Welt der US Open


Es fing gleich einmal gut an. Du fliegst zum ersten Mal zu den US Open nach New York. Du fährst vom Flughafen zur Central Station. Du gibst deine Sporttasche einem Schwarzen, der sie ruckzuck bis zum Hotel trägt. Er will 20 Dollar. Du sagst ‚no'. Er sagt ‚20' und stellt den Fuß auf die Tasche. Du flehst auf der belebten Lexington Avenue vergeblich um Hilfe. Du gibst dem Kerl fünf Dollar. Der verpasst dir einen brutalen Faustschlag auf die Brust, spuckt dich an und verduftet unbehelligt in der Menge. Du gehst ins Hotel, wo dich ein Gast, der alles mitbekam, anspricht: „Alles okay? - Niemand steht dir bei, niemand hier in New York."   

Trotzdem ist man immer wieder in diese coole Stadt mit ihrem Super-Megatennisturnier geflogen. Auch dieses Jahr. Und gerade wieder sind die US Open zu Ende gegangen und wie immer war viel los. Es passiert da immer etwas Besonderes, Verrücktes, Cooles oder was auch immer - oder aber, es passiert auch manches nicht. So für die deutsche Fed-Cup-Teamchefin Barbara Rittner: „Es ist ärgerlich, dass es wieder nichts wurde mit dem großen Wurf."

Wieder war Deutschland mit einem großen Aufgebot dabei. Zehn Spielerinnen und sieben Spieler. Doch nur fünf davon überstanden die erste Runde und nur eine schaffte es in die zweite Woche, denn für die andern war in Runde drei Schluss - alles bekannt. Aber wie kam das, was ist mit den Deutschen passiert?

Philipp Kohlschreiber verdarb zuerst dem Qualifikanten Alexander Zverev in einer fast dreieinhalbstündigen Hitzeschlacht das Turnier, wobei er geschwitzt habe „wie ein Schwein." Dann, kann ja passieren, verlor er gegen Roger Federer - allerdings, so Kohli: „Er hat mich nicht weggeschossen, ich hab' mich selbst aus dem Turnier gekegelt."

Andrea Petkovic erwischte es gegen die Qualifikantin Kona: „Ich hatte ein gutes Gefühl, in die zweite Woche zu kommen. Manchmal aber zeigt Dir das Leben, wer die Kontrolle hat." So ein Pech. Mit Grippe und Husten konnte sie sich im ersten Satz „noch gerade so über Wasser halten." Doch dann war „mir schwindlig." Und bei der Hitze „ging es rapide mit mir bergab und dann war der Ofen aus."   

Angelique Kerber gegen die zweimalige Australien-Open-Gewinnerin Victoria Azarenka - das war ein an Klasse nicht zu überbietender Thriller, ein spektakuläres Match über fast drei Stunden mit sagenhaften 97 Winnern, das Kerber, nach Abwehr von fünf Matchbällen, verlor, Für Kerber hätte es vom Niveau her auch ein Halbfinale sein können, „war es aber leider nicht." Die zweimalige Major-Halbfinalistin (US Open 2011, Wimbledon 2012) wartet nun weiter auf ein Finale. „Irgendwann muss es ja mal klappen."   

Sabine Lisicki's Start bei den US Open war zunächst wegen einer Oberschenkelverletzung fraglich. Doch es war ihr zunächst nichts anzumerken. Im Gegenteil. Sie hat nach einem 1:5 Rückstand im entscheidenden Satz gegen die Tschechin Strycova sogar noch gewonnen, „weil ich mein Herz auf dem Platz gelassen und 120 Prozent in jeden Ball gelegt habe." Gegen die angeschlagene Rumänin Halep verpasste sie dann mit Krämpfen, „da bist du dann einfach machtlos", das Viertelfinale, „obwohl ich am Drücker war."

Angelique Kerber an 11, Petkovic an 18, Lisicki an 24 oder Kohlschreiber an 28 gesetzt - eigentlich nicht schlecht bei 512 Teilnehmern (Damen, Herren und Qualifikation), doch nicht gut genug, um die US Open zu gewinnen, jedenfalls wenn man in der Statistik blättert. In den letzten 47 Jahren, seitdem es Preisgeld gibt, haben hier nur die Super-Talente Andre Agassi und Kim Clijsters ungesetzt gewonnen. Und nur fünf Frauen und sechs Männer, die






nicht auf  Platz eines bis vier gesetzt waren, schafften überhaupt einen Titelgewinn. Mit einer der Platzierungen, wie die Deutschen angetreten sind, hat dies bei den US Open sogar noch nie jemand geschafft. So gesehen konnte man einen großen Wurf glatt vergessen - eigentlich.

Doch dann passierte etwas ganz Verrücktes. Serena Williams, die in diesem Jahr bereits in Melbourne, Paris und Wimbledon gewonnen hatte und der nur noch zwei Matches beim New Yorker Grand-Slam-Turnier zum Major-Grand-Slam innerhalb eines Jahres gefehlt haben, kriegt Nerven und verpasst sensationell diesen historischen Coup, den bisher bei den Damen nur Margaret Court (1970) und Steffi Graf (1988) in der Profi-Ära geschafft haben. Ein Schock für die Amerikanerin, da ihr „nur" noch eine ungesetzte und eine an 26 gesetzte Italienerin das Ding vermasseln konnten, was aber niemand für möglich hielt und Serena, die Nummer eins der Welt, selbst wohl auch nicht. 

Nun denn, Roberta Vinci hatte das Serena-Slam-Tamtam nicht beeindruckt, auch nicht, dass die amerikanischen Wettbüros ihr eine 1:300 Quote verpassten. Sie spielte im Halbfinale „ihr Ding" und entzauberte Serena, wofür sie sich, außer sich vor Freude nach ihrem Sieg, bei den amerikanischen Zuschauern entschuldigte: „Sorry Leute, aber heute ist mein Tag." Den Titel schnappte der 32-Jährigen dann aber ihre beste Freundin die 33-jährige Flavia Pennetta weg. Eine Sensation, denn nie und nimmer hatte man mit einem italienischen Finale dieser Oldies gerechnet.   

Den Jahres-Grand-Slam zu gewinnen, ist etwas so Außergewöhnliches, dass dies selbst Martina Navratilova oder ein Pete Sampras nie geschafft haben. Aber auch allein ein Sieg bei den US Open ist etwas Großartiges, worauf nicht nur Deutschland (seit 1996), sondern auch andere große Tennisnationen wie Frankreich (seit 1928) oder Schweden (seit 1992) sehnlichst warten. 

Was beweist das? Das belegt, dass nur die Besten mit Super-Kondition, denn die Hartplätze gehen auf die Knochen, und guten Nerven die US Open gewinnen können. Und nur die, die mit schwüler Hitze, dem Krach und ganzen Remmidemmi umgehen und den Ball hart, taktisch klug und oft genug rüberprügeln können. „Du musst", sagte einmal der US-Open Champion Agassi, „deinen Willen auf dem Platz mit allen Mitteln durchsetzen." Oder wie es John McEnroe formuliert: „Alles hängt vom Adrenalin ab." 

Von den großen Vier haben Andy Murray und Rafael Nadal geschwächelt und andere mögliche Herausforderer oder junge Hoffnungsträger haben auch nichts Tolles gerissen. Und so blieben zum Schluss einmal wieder nur die topgesetzten Roger Federer und Novak Djokovic übrig, die sich einen heißen Kampf lieferten, wobei die mehr als 20.000 Zuschauer frenetisch, fast schon unfair, den beliebten und sympathischen Schweizer zum Sieg klatschen wollten. Vergeblich. Novak Djokovic schien das alles kalt zu lassen, auch dass Federer, der eigentlich bessere Spieler in der brodelnden Arena, ihn mit 23 Breakbällen in Bedrängnis brachte, während er nur auf 13 kam, die er aber effektiver nützte. Der Sieg wäre das i-Tüpfelchen zu einem Major-Jahres-Grand-Slam für Djokovic gewesen, wenn er in Paris gegen Wawrinka im Finale nicht gepatzt hätte - ganz schön ärgerlich.

                               Eberhard Pino Mueller

publiziert:   Oktober 2015  --  DTZ Deutsche Tennis Zeitung

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