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Mobilmachung beim Masters Turnier in Hamburg, um gegen fehlende TV-Einnahmen, weniger Sponsoren und die Chinesen zu bestehen.


Chinesen in Kauflust


Wir saßen einmal vor dem Fernseher beim Wimbledon-Finale - und mitten im Match wird Tennis wegen der „Sendung mit der Maus" ausgeblendet. Okay, das war 1975, aber immerhin, es spielte Arthur Ashe gegen Jimmy Connors.

Wir hockten dann Jahre später vor der Flimmerkiste und konnten uns an Boris Becker, Steffi Graf und Tennis nicht satt sehen. Und es kam die Zeit, da kassierte der DTB für die Fernsehrechte seiner Turniere in fünf Jahren 120 Millionen Mark vom Vermarkter Ufa-Sport, und es wurde in Deutschland auf Teufel komm raus um TV-Rechte gepokert, bis ARD und ZDF nicht mehr mithalten konnten.

Die Folge war, dass Davis Cup, Wimbledon, US Open und Topturniere wie Hamburg in den privaten Kanälen verschwanden und viele Tennisfans verprellt wurden. Doch die TV-Vermarkter und Fernsehsender, die auf Wachstum gesetzt und eine Geldmaschine für die Turniere waren, brachen ein, als die Spekulationen auf eine ständige Wertsteigerung der Fernsehrechte wegen sinkender Einschaltquoten und Werbeeinnahmen, sowie fehlender Abonnenten nicht aufgingen. Ein System funktioniert auf Dauer eben nur, wenn es sich ohne Zwang und Exzesse einpendeln kann.

Die Firma ISL, die mit 1,2 Milliarden Dollar für zehn Jahre bei den großen ATP-Turnieren, auch beim Turnier am Rothenbaum, als Vermarkter eingestiegen war, ging den Bach hinunter. Nicht machbar so viel Geld, und nun muss der DTB gucken, wie er, nach dem Ausfall der ursprünglich von ISL jährlich garantierten zehn Millionen Euro, mit seinen Schulden klar kommt. 

Eine schöne Bescherung auch die Kirch-Pleite! Über Tennis, Fußball, Formel 1, Golf und anderen Sport wollte Kirch Media im Pay-TV groß heraus kommen, aber die Rechnung ging nicht auf. Und so kam es, dass im vergangenen Jahr von Wimbledon, wofür Kirch 30 Millionen jährlich hingeblättert hatte, fast nichts zu sehen war, noch nicht einmal, obwohl die Rechte, um die man sich früher immer geklopft hatte, umsonst zu haben waren. Was ist los mit Tennis und dem Fernsehen in Deutschland? Das muss sich auch Boris Becker gefragt haben, als er, um das Turnier am Rothenbaum zu retten, zusammen mit dem Düsseldorfer Großbäcker Kamps, 1,5 Millionen Euro Garantiesumme zugesagt hat. Das aber reicht nicht aus. Allein für das Preisgeld müssen  2,45 Millionen und für das ganze Turnier 4 bis 5 Millionen erst einmal zusammengekratzt werden.

Von den früheren Zeiten kann Becker bei der Suche nach Geldgebern nur träumen. Vor zehn Jahren gab es keine Probleme mit dem Fernsehen, es waren am Rothenbaum allein aus Deutschland fünf TV-Teams mit mehr Leuten da als Spieler in der zweiten Runde. Natürlich kommt auch nach der ISL-Pleite vom Fernsehen noch Geld herein. „Das ist aber", so DTB-Pressesprecher Bitzer, „eine verzwickte Sache." Die internationale TV-Vermarktung liegt bei TPL, die Produktion der Bilder bei
Gearhouse und die Übertragung läuft über Premiere. Die Einnahmen aller Masters Turniere kommen in einen Pool, aus dem dann jeder, auch Hamburg, etwas kriegt

Das Turnier im Pay-TV ist natürlich keine Ideallösung. Deshalb musste man in Hamburg, da die nationale TV-Vermarktung selbst gemacht werden kann, einen deutschen TV-Sender an Land ziehen. Keine einfache Aufgabe. Die Sender kommen sich jetzt, in der Not, nachdem man sie zuerst ausgequetscht und zu guter letzt aus Geldgier ausgebootet hatte, wie Lückenbüßer vor. „Wir haben in Deutschland", so Heribert Faßbender vom WDR, „einen drastischen Verfall der TV-Rechte, weil es für Steffi Graf, Boris Becker und Michael Stich keinen Ersatz gibt, und das Interesse für Tennis, unter anderem auch durch schlechte Vermarktung des Flagschiffs am Rothenbaum, stark geschwunden ist."

Das soll mit Boris Becker als treibende Kraft wieder anders werden. Ein Ko-


operationsvertrag des DTB mit dem NDR garantiert eine Live-Übertragung im öffentlich-rechtlichen Fernsehen. Dabei musste sich Hamburg an den Produktionskosten, die 100.000 bis 200.000 Euro ausmachen können, nicht wie
Porsche beim Damenturnier in Filderstadt beteiligen, weil mit Gearhouse schon eine Produktionsfirma vor Ort ist. Der DTB kassiert also, im Gegensatz zu früher, hier nichts, ja kann sogar von Glück sagen, dass die Kooperation mit dem NDR groß nichts kostet.

Der Deal mit dem NDR war aber besonders für die Sponsoren wichtig. Die nämlich sind eher dabei, wenn Tennis im Free-TV läuft. Für Becker ist deshalb „die Partnerschaft mit dem NDR ein wichtiges Signal." Er wird sich auch aktiv als Studiogast, Analytiker und Talk-Partner einbringen und den für den Abend geplanten Highlight-Shows einen besonderen Kick geben.

Turnier-Chairman Becker hat sich überhaupt, um Hamburg wieder anzukurbeln, viel vorgenommen. Dass man über aktives Marketing profitable Turniere machen kann, haben andere vorexerziert -- die
Gerry Weber Open in Halle, der Arag World Team Cup in Düsseldorf oder das NASDAQ Masters Turnier in Miami. Und so etwas wie ein „Lifestyle-Event", wo den Besuchern neben Tennis auch noch Action anderer Art geboten wird, will Becker  nun auch aus dem Traditionsturnier am Rothenbaum machen.

Auch der DTB muss mit der Zeit gehen, und so hatte man nichts gegen das interessante Konzept von Beckers BCI-Agentur gehabt. „Der DTB hat nicht die Manpower", sagte Waldenfels in einem Interview, „so ein Turnier selbst zu vermarkten. Ob das Konzept greift, muss man abwarten."   

Fürs Erste, jedenfalls, ist die Gefahr, dass das Turnier am Rothenbaum aus Geldmangel stirbt, gebannt. Von Tiriac wissen wir aber auch, was mit einem unrentablen Turnier passiert. „Wenn man Probleme hat", so der Rumäne, „dann zieht man um, an einen besseren Standort -- so ist das im Geschäft." Ein ähnliches Schicksal wie das Stuttgarter Masters Turnier, das Tiriac nach Madrid verkaufte, könnte auch dem Hamburger Turnier passieren.

Ein heißer Interessent dafür ist Schanghai. Die Chinesen fuhren deshalb mit einer Delegation nach Melbourne und bedrängten Mark Miles, den Boss der ATP, der ein großes Turnier in dem stark wachsenden asiatischen Raum zu gern auf Dauer etablieren würde, während der Australian Open mit Macht und Geld.

Geld spielt in Schanghai, wenn es um internationale Profilierung geht, keine Rolle. In die Formel 1 haben sie sich ab 2004 eingekauft und den Millionen-Etat für den Masters Cup 2002 problemlos gemanagt. Und jetzt warten die Chinesen nur darauf, bis einem der Masters Turniere das Geld ausgeht. Dazu, dass man die German Open in Hamburg aufgibt, sollte es aber nicht kommen. Und ganz so dramatisch wie die Fernsehsender in Sachen Tennis tun, ist die Lage nun auch wieder nicht.

Jüngste Marktstudien hatten ergeben, dass in den fünf wichtigsten europäischen Märkten --  in Deutschland, Frankreich, Spanien, Großbritannien und Italien --  hinter Fußball gleich Tennis auf der Skala der beliebtesten Sportarten im Fernsehen rangiert.  Und noch etwas: Hamburg muss, nachdem es mit der Olympiabewerbung nicht geklappt hat, Interesse daran haben, dass man als Sportstadt das Turnier am Rothenbaum auch in Zukunft hält.

Aber nicht nur der überall eingebrochene TV-Markt, auch die wirtschaftliche Gesamtsituation in Deutschland macht es Turnierveranstaltern schwer, die üppigen Preisgelder aufzubringen. Vielleicht also nach dem TV-Crash einen Einbruch der Preisgelder? Der Markt regelt alles. Gutes Beispiel: Der Schweizer Edeluhrenhersteller
Rado hatte den Sponsorvertrag beim Turnier in Miami gekündigt. Doch nachdem die Veranstalter nicht gleich einen Ersatzsponsor auftreiben konnten, haben sie sich mit Rado schnell noch einmal für ein Jahr geeinigt - zu einem Spottpreis gegenüber früher.   

publiziert: Mai 2003  DTZ                      Eberhard Pino Mueller
   

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