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Direkt neben den Centre Court setzten sie auch gleich noch ein Luxushotel hin. Die betuchten Modemacher Gerhard Weber und Udo Hardiek hatten schon vorgesorgt und einen Bauern, dessen Hof im Weg war, mit einer besonderen Gegenleistung abgefunden. Ein Rittergut als Entschädigung. Na klar, da war der Deal perfekt und der Bauer weg.

Die Investitionen in den ersten beiden Jahren, etwa 100 Millionen Mark, haben sich gelohnt. Sie haben alles richtig gemacht. Auch den ungünstigen Termin in der Woche vor Wimbledon vorverlegt, so dass die Spieler sich nun besser auf das erst zwei Wochen spätere Wimbledon vorbereiten können. Die Gerry Weber Open - das ist eine einzigartige Erfolgsgeschichte. Die Zuschauer, inzwischen insgesamt zwei Millionen, strömen. Das Fernsehen überträgt Jahr für Jahr in 100 bis 150 Länder und davon 30 Prozent live. Und die weltbesten Spieler waren fast alle schon da: Boris Becker, Jim Courier, Michael Chang, Andre Agassi, Jimmy Connors, Michael Stich, Pete Sampras, Patrick Rafter, Novak Djokovic, Roger Federer und Rafael Nadal.     
       
Großartig - aber irgendwie seltsam. Die deutschen Spieler sind, wenn sie das Gras bei den Gerry Weber Open riechen, andere Spieler. Sie haben immer wieder haushohe Favoriten abserviert. Charly Steeb einen Agassi, Bernd Karbacher sogar Michael Chang, Alexander Waske einmal Rafael Nadal, Kohlschreiber den Amerikaner James Blake, Dominik Meffert als Lucky Loser Juan Carlos Ferrero. Besser noch - Michael Stich, Nicolas Kiefer, David Prinosil, Tommy Haas und Philipp Kohlschreiber sind sogar schon mit dem GWO-Siegerpokal abgezischt. Und überhaupt, wo gibt es das bei ATP-Turnieren, dass fünf Deutsche unter den letzten Acht wie 2010 oder drei im Viertelfinale und zwei im Endspiel, wie 2011, stehen? Es scheint, sie sind hier motiviert wie sonst nirgendwo und natürlich spielt auch der „Wohlfühlfaktor", der von Kohlschreiber und Haas immer lobend erwähnt wird, wie auch „ein besonderes Selbstbewusstsein bei den GWO", so Ralf Weber, eine Rolle.     

Natürlich kamen Haas, Kohlschreiber, Mayer & Co auch diesmal motiviert nach Halle. Doch man hatte sie nicht wirklich für Finalspiele auf der Rechnung. Es sollte das Turnier der Turniere werden. Der Rasen-König gegen den Sandplatz-König. Das „Duell" Roger Federer gegen Rafael Nadal. Doch die Traumbesetzung zum Jubiläum platzte, und wieder einmal war ein Deutscher der Spielverderber. Philipp Kohlschreiber schickte den French-Open-Gewinner Nadal, der durch das verspätete Paris-Finale nur wenig auf Rasen trainiert hatte, in die Ferien nach Mallorca. Nicht die einzige Überraschung, denn Tommy Haas, der 87. der Weltranglisten, servierte im Gleichschritt den Top-7-Spieler Tomas Berdych ab. Und so trafen die beiden Deutschen im Halbfinale aufeinander, in dem Haas sich ins Finale gegen den Grand-Slam-Rekord-Sieger Federer kämpfte.

Der nur mit einer Wild Card ins Turnier gekommene Oldie gegen den fünffachen GWO-Champion Federer - der Schweizer, immer wieder der Schweizer, also auf der Jagd nach seinem sechsten Rasentitel in Klein-Wimbledon. Doch nein! Der 34-jährige Haas machte dem „Maestro" einen Strich durch die Rechnung und schnappte, womit nicht mal er selbst gerechnet hatte, dem verdutzten Rasen-König den Titel weg. Ein besonderes Kunststück, denn kein deutscher Spieler konnte den Superstar in den letzten 49 Matches überhaupt einmal schlagen. Für Tommy Haas war es ein Traum und vielleicht der schönste Erfolg: „Ich wollte unbedingt noch meinen 13. Titel gewinnen, weil 13 meine Glückszahl ist."     

                         
Eberhard Pino Mueller

publiziert:  Juli 2012  -  DTZ Deutsche Tennis Zeitung
   



20 Jahre GWO - Gerry Weber Open

Eine Wild Card, ein Oldie, eine Glückszahl, ein Titel


Wie die Zeit vergeht. „Hinter uns liegt eine atemberaubende Entwicklung", sinniert Turnierdirektor Ralf Weber vor dem Jubiläumsturnier in Halle, „und dass es bereits die zwanzigsten Gerry Weber Open sind, ist mir immer noch nicht recht bewusst."

Wie wahr! Damals, als sie von einem 75.000 Dollar Challenger auf ein 375.000-Grand-Prix-Turnier umstiegen, war Ralf Weber der jüngste Turnierdirektor der ATP Tour. Das kam selbst für die ATP so überraschend, dass man versehentlich ein Foto seines Vaters an seiner Stelle dem ATP-Media-Guide verpasste. 

Um den Quantensprung des Turniers zu erklären, muss man zurückschauen auf den „Taifun Cup 1992", das Challenger-Turnier des leidenschaftlich Tennis spielenden Klubpräsidenten Gerhard Weber auf den Sandplätzen des TC Blau-Weiß Halle. Da kamen täglich ein paar hundert Zuschauer, da gab es keine Fernsehbilder, und die Turnierleitung organisierte alles von einem Wohnwagen aus.     

Überhaupt - damals war Halle ein weißer Fleck auf der Tennis-Weltkarte. Und weil ein Grand-Prix-Turnier auf Sand eine Woche vor Wimbledon schwachsinnig war, kam man auf Rasen. Und so brachten sie etwas ins Rollen, was die wenigsten sich damals vorstellen konnten. „Viele haben doch gedacht", so Tommy Haas heute, „was machen die in Halle mit einem Riesenstadion und Rasenturnier, die haben nicht mehr alle Tassen im Schrank."

Von wegen - mir nichts, dir nichts wurde ein Stadion mit Rasen aus dem Boden gestampft. Und das ging so. Zuerst holte Ralf Weber den gerade pensionierten Greenkeeper von Wimbledon nach Halle. Der musste das Unmöglich möglich machen und einen Tennisrasen in 14 Monaten auf einem stillgelegten, untauglichen Sportplatz züchten. Der Mutterboden wurde aus England importiert, weil man einen Wimbledon-ähnlichen Rasen haben wollte. Gleichzeitig wurde ein Centre Court um den heranwachsenden Rasen herum mit 3.500 Plätzen hochgezogen. Nicht groß genug. Wegen der hohen Kartennachfrage stockte man kurzerhand gleich noch auf 9.200 Plätze auf.

Das war nur der Anfang. Mit Karacho ging es im zweiten Jahr weiter. Die Tennisarena wurde mit einer aufgesetzten Besuchergalerie auf 12.300 Plätze erweitert und gleichzeitig ein in 88 Sekunden schließbares Stadiondach gegen Regen eingebaut. Ein Rasenturnier unterm Dach, das war damals weltweit  einmalig. 

Und unvorstellbar - eigentlich. Rasen unter einem Dach, wie soll das gehen? Unter künstlichem Innenklima kann doch ein spezieller Tennisrasen nicht gedeihen. Die nächste Herausforderung. Doch kein Problem für die Macher der Gerry Weber Open. Transportable Rasenstücke in einem Kastenbett von Paletten werden außerhalb gezüchtet und vor dem Turnier - 400 Stück und etwa 800 Kilo schwer - in gleicher Reihenfolge auf dem Centre Court verlegt. Inzwischen hat man auch noch eine Rasenbelüftung mit 2.400 Düsen installiert. Ein gewaltiger Aufwand. Mehrere hunderttausend Euro stecken denn auch im Maschinenpark zur Graspflege.

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