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Wimbledon 2014


„Gras bewirkt was Magisches bei mir."


Für tennisbesessene Fans beginnt Wimbledon, das berühmteste und älteste Tennisturnier, nicht mit den Matches auf dem „Heiligen Rasen", auch nicht, wenn sie „The All England Lawn Tennis Club" betreten. Für sie fangen „The Championships" bereits ein Tag, ja manchmal sogar zwei Tage vorher an. In „The Queue", der für Wimbledon traditionellen Schlange, um auf den letzten Drücker ein Wimbledon-Tagesticket zu ergattern.

Stuart Bere aus Leicestershire schlug auf dem Gelände neben dem Wimbledon-Stadion bereits am Samstag um 19 Uhr sein Zelt auf, um als Erster am Montag ein Karte für das Eröffnungsmatch von Andy Murray auf dem Center Court zu kriegen. Und nicht zu glauben, aber wahr, weit mehr als 10.000 Tennisfans haben sich hinter ihm geduldig angestellt, um eines der heiß begehrten, täglichen 8.000 Resttickets zu bekommen.

Obwohl am Montagmorgen schon vor neun Uhr über Twitter gemeldet wurde, alle Tagestickets seinen weg, ließ Elisa, eine Australierin aus Cairns, sich nicht verdrießen und wartete mit ihrem Proviantbeutel noch um elf Uhr auf ein Wunder.  Ebenso der Inder Aitya, der die Nummer 9355 in der Schlange hatte. Anders Igor, ein junger Slowake, den ich kurz danach getroffen habe: „Ich kam schon vor sieben Uhr, bekam die Nummer 5811 und dafür, nach fünf Stunden Schlange-stehen, ein Ground-Ticket."

„Wer einen Platz auf dem Center Court will", sagte mir Lili, die am Anfang der Schlange die Eintrittskarten verkauft, „muss schon in der Nacht vor drei Uhr kommen. Die Typen, junge und alte von überall her, sind einfach crazy und immer total happy."

Bevor es auf dem Wimbledon-Center-Court losging, wurde, wie immer, über mögliche Turnierfavoriten spekuliert. Auch über den Briten Andy Murray. Wird er - oder wird er nicht, wie vor 77 Jahren Fred Perry - seinen Championships-Titel verteidigen? Vier Runden sah es gut für ihn aus. Doch der Bulgare Grigor Dimitrov servierte ihn dann, zum Leidwesen der Engländer, ruck zuck ab - überraschend wie Nick Kyrgios, das 19-jährige australische Supertalent, den Weltranglistenersten Rafael Nadal.

Und die deutschen Spieler? Es sei „Stand der Dinge, dass wir wenig Spieler bei den Herren haben, die bei einem Grand Slam das Potenzial besitzen, lange in der zweiten Woche zu bleiben," sagte Boris Becker. Ach ja - mehr als eine Runde überstand diesmal keiner, und nur Tim Pütz, als Qualifikant und Nummer 251 in der Welt, konnte zufrieden sein und mit satten 58.000 Euro Preisgeld abziehen.

Apropos Andrea Petkovic, Sabine Lisicki und Angelique Kerber: Mit dem deutschen Damen-Trio kann man bei Grand-Slam-Turnieren immer rechnen, vielleicht sogar erneut mit einem Wimbledon-Märchen wie von Sabine Lisicki im letzten Jahr.

Zu Andrea Petkovic meinte Boris Becker: „Sie hat wieder ihre alte Form, ist unglaublich fit und sehr eifrig. Ihr traue ich zu, dass sie hier weit kommt." Leider nur bis in die dritte Runde, obwohl sie bei ihrem Comeback-Trip nach ihren Verletzungen wieder richtig gut spielte. Aber Eugenie Bouchard, die kanadische Halbfinalistin bei den Australian- und French-Open, war einen Tick besser.









Bei Sabine Lisicki wusste niemand, was sie bei ihrem Lieblingsturnier diesmal drauf haben würde. Übersteht sie überhaupt ein oder zwei Runden, nachdem sie wegen Verletzungen und Krankheiten in diesem Jahr nur einmal die zweite Runde gepackt hatte? Ist sie fit? Halten die Nerven? Kommt ihr bombiger Aufschlag? Hat sie den Kopf zu gewinnen? Beflügelt Wimbledon sie mal wieder?

Fürwahr - Sabine Lisicke zeigte es allen Zweiflern. „Gras", sagt sie, „Gras bewirkt, immer wenn ich hierher komme, was Magisches bei mir." Und die 24-Jährige spielte wieder locker und beherzt drauf los, Runde für Runde, schlug auch die hoch favorisierte Ex-French-Open-Siegerin Ana Ivanovic und gewann selbst noch ein Match mit zwanzig Doppelfehlern und kraftlosen Aufschlägen, nachdem sie sich verrenkt hatte und den Arm nicht mehr richtig hoch brachte. Erst Simona Halep, die Weltranglistendritte, konnte sie stoppen und ihr den Platz unter die letzten Vier wegschnappen.

Serena Williams und Na Li, zwei heiße Anwärter auf den Damen-Wimbledon-Titel, waren schon zu Hause, als Angelique Kerber noch munter mitmischte. Und wie! Auch gegen Maria Scharapowa, von der viele Experten glaubten, sie sei hier einfach nur um zu gewinnen. Von wegen - nicht gegen Angelique Kerber, denn die machte „das Match ihres Lebens", so die Fed-Cup-Teamchefin Barabara Rittner, und riss die Russin mit dem siebten Matchball aus ihren Wimbledon-Träumen. Aber verflixt, danach kam die erst 20-jährige Eugenie Bouchard und zeigte der 26-jährigen Kielerin die Grenzen. 

Es hat aber auch diesmal den jungen Talenten zum ganz großen Coup nicht gereicht. Noch hat Petra Kvitova im Finale dem kanadischen Wunderkind gezeigt, was Sache ist, ebenso im Halbfinale Roger Federer einem Milos Raonic und Novak Djokovic einem Grigor Dimitrov. Keine Frage - mit der neuen Generation kann das im nächsten Jahr ganz anders aussehen. Selbst für Novak Djokovic, der Roger Federer im Finale in fünf grandiosen Sätzen niederrang. 

Nochmals zu den Zeltern und Frühaufstehern. Viele von ihnen kommen alle Jahre wieder und nicht nur wegen der Tickets, sondern, um sich die Nächte feucht-fröhlich um die Ohren zu schlagen. Auch Kieran Mason, ein 47-jähriger Buchhalter aus Norwich, der in der gleichen Pension wie ich nächtigte. Aber nur für ein paar Stunden, denn jede Nacht, so nach zwei Uhr, war er weg. „Da stelle ich mich mit meinem Kumpel aus Den Haag in die Schlange", erzählte er, „um unter den ersten 500 zu sein, die ein Center-Court-Ticket kriegen. Ich bin Wimbledon-süchtig und mache das schon seit 24 Jahren immer eine Woche lang." Übrigens: Der Mann hat noch nie selbst Tennis gespielt - einfach cool. 

                              Eberhard Pino Mueller

publiziert:  August 2014    DTZ  Deutsche Tennis Zeitung
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