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Aussie Slam  -  Happy Slam  -  Fan Slam


Grandios & cool


Dieser Tage bin ich nun zum dreiundzwanzigsten Mal nach Melbourne zu den Australian Open geflogen. Niemals hatte ich beim ersten Mal gedacht, dass ich immer und immer wieder zum fünften Kontinent um die halbe Welt 16.293 Kilometer weit fliegen würde. Doch auf wundersame Weise habe ich mich Jahr für Jahr 23 Stunden in den Flieger gesetzt, um bei diesem grandiosen Turnier dabei zu sein - denn die Oz-Open waren gleich mein Lieblingsturnier. Ich mochte aber auch Melbourne, weil die Stadt trendy und hip ist wie nur wenige auf der Welt. Und dann gibt es da auch noch Menschen, die mega-freundlich und liebenswert sind.   

Es war auch einfach cool, mitten im Winter die Sommerklamotten zu packen und in die Wärme zu fliegen. Von wegen warm - es war 1993 gleich so bullenheiß, dass man, ohne Flachs, Spiegeleier auf dem Belag der Tennisplätze brutzeln konnte. Und so bekam meine erste Down-Under-Tennisstory den Titel „Wo der Center Court glüht."

Rückblickend war das Grand-Slam-Turnier im Flinders Park schon damals das fortschrittlichste der großen Vier. Der Clou war, nach dem Umzug von den Grasplätzen im Stadtteil Kooyong, der Center Court mit seinem einmaligen Schiebedach. Außerdem gab es ein elektrisches Auge zur Aufschlag-Kontrolle und eine automatische Linienrichterüberwachung. Na ja, nicht alles funktionierte. Michael Stich maulte wegen des ungenauen elektrischen Auges. Der „blinde Zyklope" wurde dann abgestellt, doch ihm für seine Meckerei 2.000 Dollar Strafe aufgebrummt. Auch die automatische Linienüberwachung war, weil Regenwasser in das System kam, ein Flop. Und bei den beiden 640 Tonnen schweren und mit 24 Tonnen technischem Gerät bestückten Schiebdächern über dem Center Court hat es noch ein bisschen geklemmt, denn sie liefen nicht immer reibungslos.

Egal - ich war ja wegen Tennis hier und wegen Steffi Graf, Boris Becker und Michael Stich, die zu den Favoriten zählten. Doch in Runde eins: Super-Champ Boris Becker bums und aus  - von einem Qualifikanten abserviert. Michael Stich kam „wenigstens" ins Halbfinale und Steffi Graf ins Finale. Mehr war nicht, einmal abgesehen von der 16-jährigen Heike Rusch, die gegen Andrea Glas im deutschen Juniorinnen-Finale einen Titel holte.

Ja - wir waren damals, fünf Fernsehteams waren allein aus Deutschland angerückt, total tennisverrückt und erfolgsverwöhnt und mit solchen Ergebnissen nicht richtig glücklich. Nur Steffi Graf (1994, zum vierten Mal) und Boris Becker (1996, zum dritten Mal) konnten in der Zwischenzeit hier nochmals mit dem Siegerpokal abziehen.   

Was soll's, denkt man und fliegt dennoch immer wieder zu diesem großartigen Turnier. Denn das muss auch erwähnt werden: dass das Fernsehen nicht mehr „nur" in 50 Länder, sondern in mehr als 300 Länder und Regionen überträgt, die Zahl der Helfer von damals 2.000 sich mehr als verdreifacht hat, und das Gesamt-Preisgeld von sieben Millionen australische Dollar auf vierzig und das für die Sieger von 400.000 auf über drei Millionen stieg.

Die Erfolgsstory des 110 Jahre alten Turniers ging über die Jahre immer weiter. Der Flinders Park wurde in Melbourne Park umbenannt, die Anlage gewaltig aufgemotzt und alles perfektioniert. Melbourne kann für sich in Anspruch nehmen, das dynamischste und progressivste Grand-Slam-Turnier zu sein, und sein visionäres Design hat nicht nur das australische Tennis, sondern Tennis auf der Welt verändert. Wimbledon hat jetzt auch ein Dach, und die andern Slams müssen nachziehen, um wie in Melbourne wetterunabhängig Matches in die Nacht hinein, für jede Menge heiß begehrter Extra-Tickets, auf dem Programm zu haben. Die Australian Open, sagt der Premier-Minister Tony Abbott deshalb stolz, seien das Herzstück, was Australien zu einer großen Sportnation mache.




Nun also meine 23. Aussie Open und eben nicht mit Titelträumen, die nach Steffi Graf und Boris Becker immer mehr schwanden. Michael Stich war noch ein Titel-Kandidat - natürlich. Eigentlich auch Nikolas Kiefer, der einmal das Junioren-Turnier in Melbourne gewann, oder Tommy Haas. Doch sie haben es nie geschafft. Auch nicht Rainer Schüttler, als er sich, nach einem irren Lauf 2003, überraschend bis ins Finale spielte. Auch bei den Frauen hat es nie mehr geklappt. Anke Huber, mit siebzehn Jahren einmal die jüngste AO-Viertelfinalistin, war nah dran, als sie 1996 bei ihrem Lieblingsturnier im Endspiel stand, doch da gegen Monica Seles keine Chance hatte.

Nun, es geht ja nicht nur darum, wer aus Deutschland mal wieder Oz-Champion wird. Die Slams sind das Größte im Tennis, weil da alle spielen und die Profis sich nirgendwo sonst so reinhängen. Und weil immer etwas passiert, ist es nie langweilig. Newcomer sorgen für Furore oder Favoriten purzeln. So wurden diesmal Angelique Kerber, Andrea Petkovic und Sabine Lisicki, alle gesetzt, gleich in Runde eins „abserviert."   

Anders herum lief es bei Carina Witthöft. Die 19-Jährige, nicht unter den Top-100 platziert, „putzte" respektlos zuerst einmal Carla Suarez Novarro, die Nummer 17 der Welt, weg und dann gleich auch noch im Eiltempo, in 47 Minuten, die um 50 Plätze höher stehende Amerikanerin McHale. Die dritte Runde, eine Riesen-Überraschung. Carina Witthöft konnte es kaum glauben, denn es war erst ihr drittes Grand-Slam-Turnier und gleich mit einem Preisgeld von 97.500 australischen Dollar. Noch besser machte es Julia Görges, die sich mit 175.000 Dollar für ihr Aus im Achtelfinale gegen Makarova, die Nummer zehn der Welt, „trösten" konnte.

Wunderbar auch der Coup von Benjamin Becker, der in der zweiten Runde Aussie-Hero Lleyton Hewitt eliminierte. Und wie. Nachdem die ersten zwei Sätze ruck zuck weg waren, nahm „Benni" Becker sich eine Toilettenpause, um seinen Frust los zu werden. Was dabei passierte, schilderte er schmunzelnd hinterher. Er habe erst mal geflucht und mit dem Fuß heftig gegen die Tür der Umkleide getreten, um Dampf abzulassen, dann habe er die Klamotten und den Schläger gewechselt und zu sich gesagt: „So nicht, nur ein, zwei Spiele im Satz sind zu wenig, das kann ich besser." Danach ging Becker wieder auf den Platz und rang Hewitt in fünf Sätzen nieder - einfach klasse.   

Das sind die Matches, die man nie vergessen wird. Und davon gab es in all den Jahren  viele. Etwa 1994 das kürzeste Finale, als Steffi Graf die Spanierin Arantxa Vicario mit 6:0, 6:2 abfertigte. Oder 1997, als Martina Hingis den Titel mit 16 Jahren holte. Oder 2003, als Serena Williams im Halbfinale gegen Kim Clijsters im dritten Satz 5:1 zurückliegend das Match noch drehte. Oder 2006, als Roger Federer bei der Pokalübergabe durch Rod Laver, seinen Hero, Tränen vergoss. Oder 2008, als Marcos Baghdatis und Lleyton Hewitt sich von Mitternacht bis morgens um 4:34 Uhr vor 5.000 ausharrenden Fans ein Wahnsinnsmatch lieferten. Oder 2012, das historische Finale über 5:53 Stunden zwischen Djokovic und Nadal.

Und noch etwas: Typisch für die Aussie Open waren schon in den 90er Jahren Fangruppen mit Bemalung. Was heutzutage bei Sportevents überall in Mode ist, kam damals durch schwedische Globetrotter auf, die mit gelber und blauer Farbe im Gesicht ihre Topspieler Stefan Edberg oder Mats Wilander fanatisch anfeuerten. Und schnell machten dies fahnenschwingende Serben, Kroaten, auch Aussies nach. Nicht allein durch die Temperaturen steigen seither bei den Australian Open die Emotionen. Es ist auch die Begeisterung der weit angereisten Fans und sportverrückten Australier. Wunderbar die ganze Atmosphäre beim „Happy Slam", der nicht nur ein Turnier mit packendem Tennis, sondern ein „Fan Slam" ist, mit Spaß, buntem Treiben, farbenfroher Show und, eben, einem tollen Gefühl.   

                                                   Eberhard Pino Mueller

publiziert :   März 2015   DTZ Deutsche Tennis Zeitung
                                       Tennisportal  TAKEOFF-PRESS

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