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French Open / Roland Garros:

Nur Tennis im Kopf


Madame Chookroun, die Besitzerin eines kleinen Pariser Hotels im Herzen von Saint-Germain-Des-Prés neben dem Café de Flore  -- Sartre, Albert Camus, Hemingway, Truman Capote, die Gréco und Brigitte Bardot, Picasso, Belmondo, Lagerfeld, Rochas, Paco Rabanne also Schriftsteller, Schauspieler, Modemacher und Lebenskünstler haben es sich hier beim Aperitif, Zeitung lesen, Diskutieren oder Plaudern schon gut gehen lassen  --  schüttelt den Kopf und stammelt: „Pas vrai, pas vrai, non, non, paradoxal!" Madame Chookroun glaubt nicht, dass die Tennisstars, die Jahr für Jahr zu den French Open kommen, nur Tennis im Kopf haben, und das Leben der Tennismillionäre in Paris hauptsächlich aus Entsagung und Verzicht besteht.

Man kann Madame Chookroun, einer Pariserin, nicht klar machen, dass es Menschen gibt, die nur nach Paris kommen, um gelbe Bälle über ein Netz zu schlagen, und die sich nach dem Jubel der Fans in Roland Garros gleich in ihr Luxushotel chauffieren lassen, um sich zu verkriechen.

„Im Hotel sitzen, Pizza und Nudeln essen und Fernsehen gucken", so beschrieb Pete Sampras seine Tage in Paris. Auch Steffi Graf gönnte sich in Paris keine Vergnügungen. Sie nächtigte im Warwick, einem Luxushotel in der Nähe der Champs Elysées, und schlug tagsüber, wenn kein Tennis, kein Jogging und keine Therapie anstand, die Zeit in ihrer Suite tot. „Für Shopping und die Stadt", sagte sie, „hatte ich keine Zeit, ich musste immer ein intensives Tennisprogramm abspulen."

Nicht anders Kafelnikow, der Russe. Auch er will immer seine Ruhe haben und in Paris nichts besonderes erleben. Und deshalb begnügt er sich damit, abends im „Entrecote", einem Lokal neben seinem Hotel, zu essen. Er musste dort noch nicht einmal die Speisekarte studieren, denn es gibt nur Fleisch, Wein, Wasser und Brot.

Keine Spur, also, von den Hauptpersonen der French Open in der Stadt. Kein Star auf dem Eiffelturm oder am Mont Martre, auch nicht im Louvre oder an der Notre Dame. Und dennoch, sie sind allgegenwärtig  --  stundenlang auf der Flimmerkiste, in Übergröße auf Werbefotos an Plakatwänden, Bussen und in der Metro. Sie füllen die Sportseiten der Zeitungen und geben Paris, einer Stadt mit metropolitanem Flair und multikultureller Gesellschaft, noch einen zusätzlichen Kick.

Nach zwei Wochen Tennis total in Roland Garros fragt Madame Chookroun: „Na und, was war mit den Stars ?"  -  Nichts war, nichts in Paris, denn nach dem Ausscheiden waren sie gleich weg.  Madame Chookroun schweigt, doch ihr Blick verrät, sie kann es nicht glauben.

                                           
Eberhard Pino Mueller

publiziert:  Juni  1997  DTZ -  Deutsche Tennis Zeitung                                     

                                                                   

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