ZURÜCK ZUR HOMEPAGE




Australian Open

Tennis spielen...Hemden waschen...

Warum immer gleich im Hotel absteigen, warum nicht mal in einem "Backpacker"? Diese Quartiere sind lustig und gehören  zu  Australien wie Känguruhs und Aborigines. Ich deponiere also mein großes Gepäck nach der Ankunft in Melbourne am Flughafen in einer Box und ziehe mit einem kleinen Rucksack los.

Ohne  Erfolg. Kein  Bett war zu kriegen. Nur Jody vom „Enfield Hostel" in St. Kilda setzte mich auf die Warteliste. Ich hatte Glück, es klappte. Im „Enfield", dann, munteres Treiben. Voll  im Einsatz Jody an der Rezeption. „Hey Mike", zu einem  langen Kerl, „hier dein Tee." Dann zu zwei Mädels: „Alles klar, habt  ihr  die Betten gefunden?" Und dann zu  mir: „Wie  heißt  du? Dein Vorname? Also hier, der  Schlüssel. Du  musst  ins Hinterhaus. In 37 ist noch ein Bett  frei.  Brauchst du eine Decke, Tasse und Teller  oder  sonst  was?" - Jody hier, Jody da und immer ist sie zu allen nett.

In der Küche macht einer Pfannkuchen - für  jeden und umsonst.  Die  Wände sind  voll mit Infos, Fahrplänen, Ausflugszielen und Angeboten, auch ein Plakat von den Australian  Open ist dabei.

Im  Grünen, hinter dem Haus, setze ich  mich zu den jungen Leuten. Tennis ist kein Thema. Dass die weltbesten Tennisprofis in der Stadt  spielen, hatte  keiner mitgekriegt. Es  geht darum: Was ist das eigentlich, ein glücklicher Mensch? "Einer, der zu essen hat und zufrieden ist", sagt Mary, eine Engländerin. Armer Sampras,  denke ich, er kommt in ein wunderschönes Land und ist nur  zufrieden, wenn er gewinnt. Tommy, ein Student aus New York, meint, frei sein, sei wichtig, nicht das Geld. Gut, dass Tommy nicht Roddick, Federer oder Capriati heißt. Die, nämlich, haben doch überall und dauernd Verpflichtungen und halt dafür einen Haufen Geld.

Vor  dem Einschlafen, in einer  Bude zusammen  mit  sechs Kumpanen, beschäftigt mich noch einmal die Frage: Was braucht der Mensch? Im „Age", einer  Melbourner  Zeitung,  hatte  ich  gelesen,  Agassi wünscht sich „ein einfaches  Leben, weil  ich  sonst alles  habe". Auch Courier fällt mir ein. Der hatte vor dem Finale einmal gesagt: „Jetzt gehe ich ins Hotel und wasche meine  Hemden." Ja, so etwas sagte ein Millionär.  Egal, ob Tennis spielen, Hemden waschen oder Pfannkuchen backen  - Hauptsache, man ist zufrieden.

In einer alten Tram fahre  ich am Tag darauf zum Tennis in den Melbourne Park. Mit mir eine biertrinkende, grölende Horde schwedischer Tennisfans. Gute Typen -- nicht reich, nicht berühmt, aber glücklich.

                                   
Eberhard Pino Mueller

publiziert: Februar 1996 DTZ - Deutsche Tennis Zeitung

nächster Beitrag

zurück