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Kooyong / Australian Open

Paradies des Wasservogels - oder Kooyong und die vergangenen Zeiten


               Auf einer Bank in „Kooyong" - in der Sprache der Aboriginies: das Paradies des Wasservogels - sitzt ein älterer Herr. Kein Mensch sonst auf den dreißig Rasenplätzen des noblen Melbourner Tennisclubs, wo die australischen  Meisterschaften bis 1987 stattgefunden hatten. Harry  Finck, der auf seinen Spielpartner wartet, ist  gesprächig. Fast vierzig Jahre ist  er  Mitglied hier. 

                Eines von 5000 wie Rod Laver, John Newcombe, Neal  Fraser, darunter auch Pat Cash, Rafter und  Philippoussis.    Dass  sie die Australian  Open nicht  mehr  hier, sondern auf der modernen Anlage im Melbourne Park austragen, sagt  Harry, sei okay. "Wissen Sie, es war früher eng hier beim Turnier, schlimmer aber, sie wollten uns überall hineinreden, und das  hat uns nicht gepasst."

             Den alten Center Court mit grünen Holzbänken für 11 000 Zuschauer haben sie stehen gelassen, das Spielfeld  aber umgemodelt. So ganz will man  Kooyong als Turnierplatz nicht sterben lassen. Tradition hin,  Rasen her, vor den Australian  Open wurde das Gras im Stadion für einen Showcourt mit Rebound-Ace herausgestochen. Und schon kommen  die  Topspieler  zu  einem gut bezahlten Training.

               Heiß der Tag. Im Schatten 40 Grad. "Kommen Sie", sagt Harry, "wir  gehen  besser rein bei dieser Bullenhitze,  dann werde  ich  Ihnen  das Clubhaus zeigen." Durch ein Hallenbad  und  einen Fitnessraum  kommen wir in einen Duschraum mit vorsintflutlichen   Duschköpfen an  der Decke. "Ja, ja, die sind einmalig", meint  Harry, "solche Kaliber  gibt es  nirgendwo." Oben  im  Clubhaus, überall  Fotos früherer Sieger,  an den  Wänden  alte  Holzschläger und Tafeln  mit historischen Daten und in gläsernen Vitrinen Silberpokale aus vergangenen Zeiten.

               Ein schmächtiger Herr in traditionellem, weißen Tennisdress kommt zu uns. Es ist Ray Collins,  auf  den Harry gewartet hatte. Ray, schon 50 Jahre im Club, hat Spieler gesehen, die  wir nur aus den Tennis-Annalen kennen. Einen Gottfried von Cramm, zum Beispiel, oder  Harry Hopman. "Ja Hop, den Sie da sehen", sagt er und  zeigt auf ein Ölgemälde,  "der machte  Australien groß im Tennis." Und  dann  sagt er noch: "Gehen Sie rüber  in das National Tennis Center. Mit einem anderen Belag hätten die eine perfekte Anlage. Dort Gras wie  hier, und Tennis wäre in Australien nicht so am Boden."

                Ja  überall  in Australien  gibt es noch Grasplätze, und darauf  lernen  viele Kids  eine Spielweise, die bei  den Australian Open nicht mehr  gefragt ist. "Ein Jammer", sagt Harry, "see you later, wir können dann ein paar Biere  trinken", und geht  mit  Ray zum Tennis spielen.

                                               
Eberhard Pino Mueller

publiziert: Februar 1996  DTZ -  Deutsche Tennis Zeitung                                   

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