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Newport / Flushing Meadows

Mit Knickerbocker und Straßenschuhen

Das Ungewöhnliche waren nicht die Gartenstühle, die der Clubsekretär für die Damen mit Sonnenschirmen im Park um das mit Kreide markierte Spielfeld herum aufgestellt hatte, waren nicht die Zuschauer, die wie Hochzeitsgäste mit Kutschen vorgefahren waren, die Herren mit Melone und Anzug, die Damen in langen Kleidern mit großen Hüten, waren auch nicht die Tennisspieler in Straßenschuhen, Knickerbocker und mit Krawatte, die komisch geformte Holzschläger schwangen.

Das Ungewöhnliche ist, was aus den ersten amerikanischen Meisterschaften, anno 1881, geworden ist.

Das Turnier heute ist, anders als damals, vor einem Jahrhundert in Newport auf dem Rasen neben dem Casino, weiß Gott keine Gartenparty mit Tennisspielern mehr. Das USTA National Tennis Center in Flushing Meadow, der Ort der US Open, ist ein Moloch, der Tag für Tag 70 000 Bier trinkende, Hotdog mampfende und grölende Tennisfans verschlingt, und die neue Arena, mit einem Lärmpegel, der Schwerhörigen das Gefühl suggeriert, gut zu hören, ist so gigantisch, dass man von hoch oben auf die Spieler unten wie von einem Kirchturm auf Fußgänger am Boden blickt.

Vor jeder Gegenwart gibt es eine Vergangenheit, und die war damals Auto frei. Das Automobil hatte man noch nicht erfunden. Also brauchte man, nicht wie heutzutage, 25 000 Parkplätze. Die Herrschaften kamen mit Kutschen an, die der Kutscher wegfuhr, bis alles vorüber war. Kein Krach auf den Zufahrtswegen, auch nicht auf der Anlage. Auch kein Lautsprecher für den Schiedsrichter, der mit Cut und Zylinder auf einem Podest neben dem Netz postiert war. Jeder um den Platz herum konnte ihn hören und die zwitschernden Vögel bei der himmlischen Stille während der Ballwechsel.

Also Zeiten waren das, als nur 25 Spieler, gegen Startgeld, das erste Turnier bestritten haben. Vierhundert sind es heute, die zum Absahnen kommen -- der Sieger allein fast eine Million Dollar, und einer, der noch nicht mal die erste Runde übersteht, mal schnell mehr als zehntausend. Nicht alle beherrschten damals Überkopf-Aufschläge oder Volleys und Lobs. Das Netz hing anfangs noch durch und war auch nicht an Eisenpfosten befestigt. Nicht nötig, keiner spielte hart genug, um das wackelige Ding aus dem Boden zu reißen.

Mit den Bällen war es auch so eine Sache. Sie wurden aus England importiert, damit nicht jeder seine eigenen brachte. Nicht überliefert ist, wie viel Dutzend Gummibälle der Marke „Ayres" es waren. Egal auch. So 65.000 nagelneue Wilson-Bälle, jedenfalls, werden heutzutage bei den US Open mal eben schnell  verballert.

Ja, und wer weiß noch den Namen des ersten Siegers? Es war ein gewisser Richard Sears. Der Mann ist mit Tennis nicht berühmt und auch nicht reich geworden, obwohl er das Turnier sechsmal gewonnen hatte.

                                         
Eberhard Pino Mueller

publiziert:  DTZ -  Deutsche Tennis Zeitung

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