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Auf einer Reise im Land des Drachens kommt man aus dem Staunen nie heraus. Und der Drache ist hungrig. Besonders in Shanghai. Die Stadt wächst, die Wirtschaft boomt, und Tennis wird dabei mitgerissen. Was für ein Tennisstadion haben sie für den Tennis Masters Cup gebaut? Das größte in Asien, eine Arena für 200 Millionen Dollar, mit 15.000 beheizten Sitzplätzen und einem achtteiligen Dach, das nach dem Öffnen einer blühenden Magnolie gleicht. 

Natürlich ist das imposante Qi Zhong Stadion nur der Anfang oder ein weiterer Schritt - nein, ein großer Sprung in die Zukunft. Warum wohl hatte Bendou Zhang, ein Shanghaier Tennisreporter, wissen wollen, wer denn von den Tennis-Masters-Turnieren auf den wackeligsten Beinen stehe? Doch nur, weil die Chinesen ein käufliches Superturnier als Ersatz für den 2008 auslaufenden Masters Cup hierher holen wollen, um das Areal mit 40 Tennisplätzen und einem neuen Leistungszentrum optimal zu nutzen.

Dass im asiatischen, vor allem im chinesischen Markt riesige Möglichkeiten schlummern, haben natürlich auch die Macher der Tennisweltverbände erkannt. So ist das Geschäft der Tennisindustrie - Platzbau, Tennisschläger- und Ballvertrieb - in den letzten drei Jahren um 300 bis 600 Prozent gestiegen. Für Dave Miley, ITF-Direktor für Tennisentwicklung, ist das Wachstum der nationalen Wirtschaft Chinas, neben den Erfolgen asiatischer Spieler, der Förderung des Sports und großer Turniere, sowie der Olympischen Spiele in Peking für die unglaubliche Entwicklung verantwortlich.

Beeindruckend auch die Begeisterung der Chinesen für Tennis. Man muss die Zuschauer beim Masters Cup erlebt haben, wie sie mitgegangen sind, sich während toller Ballwechsel nicht zurückhalten konnten und lauthals ihrer Freude freien Lauf ließen oder gelitten haben, wenn ihr Liebling den Ball verschlagen hatte - die Stimmung war großartig. Der Enthusiasmus der Chinesen für Tennis ist riesig. So gehören der Masters Cup in Shanghai und die Tennis China Open in Peking zu den zehn populärsten Sportereignissen, und das Fernsehen hat traumhafte Einschaltquoten - mal eben 200 Millionen TV-Zuschauer allein bei den China Open! Das Tennisfieber, so Qiao Dong Guang, die Sprecherin des Sportkanals CCTV5, habe China gepackt.

In welchen Maßstäben die Chinesen denken, wird auch deutlich, wenn man Frau Sun Jin Fang, der Vizepräsidentin des chinesischen Tennisverbandes, zuhört. „In China spielen jetzt schon mehr als eine Million Menschen Tennis. Wir haben aber viel größere Pläne. Wir wollen Tennis zum Schulsport machen. Mehr als 200 Millionen Kinder profitieren von diesem neunjährigen Unterricht in 16 Sportarten, und Tennis liegt in der Testphase bereits an vierter Stelle:" Als Frau Sun die alte chinesische Weisheit „habe eine Mission, aber auch den Weg, dahin zu gehen" zitiert, funkeln ihre Augen - und keine Frage, sie weiß genau, was und wohin sie will. 

Vielleicht verstehen wir nun auch, warum auf der offiziellen Wimbledon Website stand: „China ist das Zentrum einer neuen Tennisrevolution", und warum
Titan Sports, die größte chinesische Sportzeitung mit Millionen Auflage, inzwischen regelmäßig auf einer ganzen Seite über Tennis, eine für Chinesen noch vor wenigen Jahren exotische Randsportart, für die sich keiner interessiert hatte, berichtet.

                                                   
Eberhard Pino Mueller

publiziert:  April 2006  DTZ-Deutsche Tennis Zeitung
                                 
TAKEOFF-PRESS
                 Oktober 2006  „Titan Sports" China


China: die Tennisnation der Zukunft

Die Chinesen kommen

Eine irre Vorstellung, dass Chinesinnen und Chinesen die vorderen Weltranglistenplätze in zehn Jahren massenweise stürmen, und wir die schlitzäugigen Gesichter der Tennisstars mit Namen wie Zhang, Wang, Li, Chen, Wu kaum voneinander unterscheiden können. Würde wetten, dass es so kommen wird. Und warum? Weil ein Viertel der Menschheit in China lebt, und die Chinesen Tennis entdeckt haben.

„Ich habe," sagte Serena Williams vor kurzem, „die Zukunft im Tennis gesehen - und sie ist chinesisch." Ja und Paul Malone, Reporter bei
The Herald Sun in Melbourne, geht sogar noch weiter. „Die Nation", prophezeit er, „wird eines Tages das Spiel beherrschen."

Hundert Jahre lang hatten die Chinesen im Tennis keine Rolle gespielt. Tennis in China war etwa so populär wie Skifahren in der Sahara. Und noch vor zehn Jahren glaubte man in China, das Land sei wirtschaftlich zu schwach für eine gezielte Tennisentwicklung. Nur einer nicht. Mister Wang Li Qun, der Präsident von
Ba-shi Industrial, dem größten Transportunternehmen Asiens, das in Shanghai 60.000 Leute bei der Metro beschäftigt und 20.000 Busse, Taxis und Lastfahrzeuge kontrolliert.

Mister Wang, der sich selbst für keinen Tennisexperten hält, hatte als erster auf Tennis gesetzt. Er brachte ATP- und WTA-Turniere, sowie den Tennis Masters Cup nach China und gründete, 2000, einen Tennisklub mit einem Programm zur Entwicklung von Tennisprofis. Aber lassen wir Mister Wang selbst reden: „Wir haben sehr talentierte 10- bis 16-jährige Mädchen und Jungen, die zum Nationalkader gehören und sie in naher Zukunft überraschen werden."

Erste Überraschungen haben wir schon erlebt.  Shao Xuan Zeng und Ben-Qiang waren im Doppelfinale bei den Heinecken China Open, Zhang Yaozhhong gewann die internationalen australischen Meisterschaften der Junioren bis 12. Auf der Weltrangliste stehen drei chinesische Spielerinnen unter den Top 60, mehr als aus Deutschland, England und Australien zusammen. Yan Zi gewann ein WTA-Turnier  sowie die Doppelkonkurrenz an der Seite von Jie Zheng bei den Australian Open und Tiam Tiam Sun und Ting Li erspielten sich die Goldmedaille bei den Olympischen Spielen im Doppel.

Wie aber kam es zu so einer rasanten Entwicklung vor allem bei den Frauen? Dazu Xia Jiaping, Chinas Landesmeister 1990 und heute ein Coach im Ba-shi-Junior-Trainingscamp: „Die Kinder kommen vom Land, leben für Tennis, träumen von einer Tenniskarriere und werden neben der Schule sechs Stunden in Tennis geschliffen. Und weil die Mädchen zäher sind und sich mehr quälen als die Buben, geht es leichter und schneller voran."

Wir wissen, dass Kinder aus Chinas unermesslichem Menschenreservoir überall in Kaderschmieden militärisch gedrillt werden und die Talente mit schier unmenschlichem Fleiß an sich arbeiten. Für ein späteres gutes Leben, für Anerkennung und die Ehre des Landes. Jetzt also auch im Tennis. Und wie ernsthaft man Tennis angeht, belegen spezielle Übungen wie Feuerkampf-Drills und Wandern mit verbundenen Augen, die neben dem üblichen an-die-Grenze-gehenden Training praktiziert werden.

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