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Australian Open 2014 - Melbourne

Ein Glutofen,
Flops, Schocks, zwei Titel und ein Wunder


Boris Becker tauchte zum ersten Mal wieder in Melbourne auf. Siebzehn Jahre nach seiner Niederlage in der ersten Runde gegen den Spanier Moya. Er stammelte damals, fix und fertig bei brutaler Hitze: „Mein Hirn war ein Rührei, ich wusste nicht mehr, wie ich heiße." Der Volksheld von damals war diesmal als Chefcoach mit dem serbischen Titelverteidiger Novak Djokovic zu den Australian Open gereist.

Heiliger Himmel - die „Aussie Open" mal wieder das Brutalste, was bei Grand Slams abgeht. Der Center Court ein Glutofen. Über vierzig Grad im Schatten und fast sechzig auf den Plätzen und das an vier Tagen, was es in Melbourne noch nie gegeben hatte. Es war so heiß, dass die Trams immer wieder ausfielen, weil die Weichen der Gleise nicht mehr funktionierten.   

Unmenschlich eigentlich, wie Florian Mayer drei Stunden lang über fünf Sätze gegen den Russen Mikhail Youzhny in der Affenhitze durchhielt. „Ich bin ein bisschen stolz auf mich", sagte Florian Mayer, der völlig platt war. Am Ende habe alles weh getan, es sei „die Hölle" gewesen. Auch den gesetzten Polen Jerzy Janowicz packte er noch bei der Bullenhitze, ehe er gegen den an drei gesetzten Spanier David Ferrer die Koffer Packen musste. 

Zum Verrücktwerden, was Daniel Brands passierte. Der baumlange Kerl spielte ein wahnsinniges Match und tolles Tennis gegen Gilles Simon. Doch der wieselflinke und spielfreudige Franzose, dem Brands 43 Asse um die Ohren schlug, wehrte sieben Matchbälle ab und klaute Daniel Brands noch nach mehr als viereinhalb Stunden mit seinem ersten Matchball im fünften Satz mit 14 :16 noch den Sieg.

Freude bei Julia Görges, aber nicht, als sie die Auslosung sah. Gleich in Runde eins gegen Sara Errani, die an sieben gesetzte Italienerin, das war ein Hammerlos. Nicht schlimm! „Jule" zeigte mal wieder mit richtiger Einstellung: „Ich kann sie schlagen, war darauf fokussiert und hab' an mich geglaubt", was sie drauf hat und servierte die Top-10-Spielerin ab. Nur schade, die Freude war gleich wieder nach dem Aus in der nächsten Runde weg.     

Bizarr, was Annika Beck für ein Ding hingekriegt hat. Die Neunzehnjährige „verprügelte" die Kroatin Petra Martic gnadenlos und gab nicht ein einziges Spiel in ihrem Erstrundenmatch ab. Kurios übrigens auch der erste Satz von „Flo" Mayer, der gegen Jerzy Janowicz das Kunststück fertig brachte, alle Punkte zu holen, ohne einen Fehler zu machen.

Die haushohe Turnierfavoritin Serena Williams, an eins gesetzt, mit unglaublichen elf Turniersiegen, 70 gewonnen Matches und 12,3 Millionen Dollar Preisgeld im vergangene Jahr, wurde nach furiosem Start in den ersten Runden von der hübschen Serbin Ana Ivanovic nach Hause geschickt. Nicht die einzige Top-Spielerin. Von den ersten Acht hat es noch vor dem Viertelfinale Maria Sharapova (3), Petra Kvitova (6), Sara Errani (7) und Jelena Jankovic (8) erwischt - wow!











Mit der deutschen Frauen-Power war es diesmal nichts. Nur Angelique Kerber schaffte es gerade noch bis in die zweite Woche, doch dann, im Achtelfinale, war sie raus. Die andern strauchelten gleich oder in der zweiten Runde. Auch Sabine Lisicki, obwohl sie von der fünffachen Grand-Slam-Siegerin Martina Hingis gecoacht wurde.

Pech bei den Herren. Philipp Kohlschreiber konnte wegen einer Verletzung nicht antreten, und Tommy Haas und Julian Reister gaben gleich beim ersten Match auf. Und wie bei den Damen überstand von den zehn Deutschen außer Florian Mayer (Achtelfinale) keiner die zweite Runde. Doch noch gab es nach der Hitze zwei heiße Eisen in Down Under. Der 16-jährige Alexander Zverev im Junioren-Turnier und die 39-jährige Sabine Ellerbrock beim Rollstuhltennis. Und beide servierten alles ab, was kam. Ein toller Erfolg für den 1,95 Meter großen, „kleinen Bruder" von Mischa Zverev. Er habe von diesem Titel lange geträumt und jetzt das Gefühl, es sei „ein riesiger Schritt in seiner Karriere." Ein bisschen Leid tat einem aber Sabine Ellerbrock, die ihren Sieg nicht feiern konnte. Sie müsse noch heute nach Bielefeld zurückfliegen und im Gymnasium am Waldhof „am Montag Unterricht geben."

Serena Williams' Aus war nicht der einzige Schock. Es lief auch für andere schief. Agnieszka Radwanska versaute der Titelverteidigerin Victoria Asarenka früh das Turnier, ebenso wie die Kanadierin Eugenie Bouchard der Serena-Bezwingerin Ana Ivanovic. Und wer hätte gedacht, dass am Ende die Slowakin Dominika Cibulkova der dreifachen Melbourne-Finalistin Na Li den Titel abluchsen könnte? War aber nicht. Na Li schnappte sich endlich den Pokal.   

Es heißt, Wunder gibt es nur, wenn man sie selbst produziert. Stanislas Wawrinka, der jahrelang im Schatten von Roger Federer stand, kann jetzt ein Lied davon singen. Denn diesmal brachte er die Hackordnung der „großen Vier", mit Nadal, Djokovic, Murray und Federer, durcheinander. Keiner konnte ihn bremsen. Nicht der vierfache Australian-Open-Champion Djokovic. Nicht der zähe Tomas Berdych, der von „Stanimal" oder „The Stanimator", wie die Presse den Schweizer nannte, mit 143 Punkten, einem mehr als der Tscheche, niedergerungen wurde. Und nicht im Finale „Rafa" Nadal, gegen den er zwölfmal gespielt und zwölfmal verloren hatte. Und überhaupt: „Stan" hatte zuvor bei 36 Grand-Slam-Turnieren nicht einmal das Finale erreicht. Wawrinka hatte das wunderbare Wunder am Arm bereits programmiert - als Tätowierung mit den schönen Worten des Poeten Samuel Beckett: „Immer versucht, immer gescheitert, macht nichts, versuche es wieder, scheitere wieder, scheitere besser."

                                         
Eberhard Pino Mueller 

publiziert:  Februar 2014  --  DTZ  Deutsche Tennis Zeitung
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