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Großartig, dass der 28-Jährigen so ein wunderbares „Wahnsinnsmatch" den ausharrenden Tennisfans geboten hat. Ein Highlight der US Open, wie das Match von David Ferrer gegen Janko Tipsarevic, der Kohlschreiber den Sprung ins Viertelfinale vermasselt hatte. Viereinhalb Stunden haben die sich's richtig gegeben. Es war ein spektakuläres Katz und Maus-Spiel, weil „The Biest", wie sie den Spanier nennen, alles niederrannte, was kam. Die Zuschauer, völlig aus dem Häuschen, feuerten die Spieler immerfort mit „Daveeed, Daveeed" oder „Janko let's go" an. Im fünften Satz, vor dem Tiebreak, gab es kein Halten mehr. Mit Standing Ovations feierten 25.000 Menschen die unermüdlichen Kämpfer in der heißen, schwülen und proppevollen Arena, dass es einem kalt den Rücken herunterlief.

Emotional auch das Spiel der Ex-US-Open-Sieger Djokovic gegen Juan Martin del Potro. Siebzehn Minuten dauerte allein das Aufschlagspiel, mit dem sich der Argentinier in den Tiebreak des zweiten Satzes gerettet hat. Noch besser, verrückter, außergewöhnlicher der Ballwechsel danach. Del Potro kommt gerade noch an einen Volley-Stop, spurtet zurück zur Grundlinie, um den Lob von Djokovic rücklings zurückzuschmettern. Der Ballwechsel geht weiter. Zwanzig Mal jagen sie sich hin und her, bis Del Potro wieder einem Volley-Stop hinterher hastet, den Ball aber verschiebt. Spektakulärer geht es nicht mehr. Es war irre: Alle Zuschauer reißt es zum Jubeln mitten im Tiebreak von den Sitzen.

Ach ja, noch eine etwas andere Geschichte. Milos Raonic, der riesige, 21-jährige Kandier mit einem bombastischen Aufschlag startete bei den US Open kurios: Doppelfehler, Service Winner, Doppelfehler, Punktverlust, Service Winner, Ass, Ass, Doppelfehler, Ass, danach noch zweimal Einstand und noch ein Ass - und fertig zum ersten Spielgewinn. In der vierten Runde gegen Andy Murray nach insgesamt 104 Assen dann das Aus. So kann Tennis, zur Freude verrückter Tennisfans, auch gespielt werden.

Nicht genug. Es gibt bei den US Open dauernd Ergreifendes für Herz und Gemüt. Etwa den US-Soldaten, der in Afghanistan ein Bein verlor, und hier mit einer Stahlprothese, flink wie die Ball-Kids, herum rannte und die Spieler mit Bällen bediente. Oder Andy Roddick, der sich mit Tränen in den Augen am Ort seines größten Triumphes - 2003 war er im Big Apple Champion - von seinen Fans verabschiedete. Oder Roger Federer, der Schwarm vieler, als er vorzeitig ausschied und trauernde Roger-Fans zurückließ. Oder Kim Clijsters Töchterlein Jade, das auf den Platz kam, als die Mama das letzte Spiel ihrer tollen Karriere hinter sich gebracht hatte.

Nicht zu vergessen, die Kämpfe, wenn es ums Ganze geht. Dann brodelt und kocht es im Arthur Ashe Stadium, der größten Tennisarena der Welt. So beim Damen-Halbfinale, als Victoria Azarenka die Russin Maria Sharapova eliminierte und die Zuschauer mit ihrem Tänzchen zum Ausflippen brachte. Oder das Damen-Endspiel - ein Drama in drei Sätzen, was es - kaum zu glauben - zum letzten Mal vor 17 Jahren gab, als Steffi Graf den Titel gegen Monica Seles holte. Als Serena Williams plötzlich noch einmal aufdrehte, ging es in der Tennisarena zu wie bei einem Fußballspiel. So laut, dass das „please" der Schiedsrichterin, um für etwas Ruhe zu sorgen, zwecklos war. Wenn die Spielerinnen auf Stille gewartet hätten, hätten sie nie weiterspielen können. Bitter für „Viki", dass ihr das Match kurz vor dem Sieg noch entglitt. Die Amerikanerin hüpfte dafür wie ein Kind im Freudentaumel herum, und das Stadion bebte. 

Und zuletzt der Höhepunkt - das Herren-Finale zwischen Andy Murray und Novak Djokovic, ein dramatischer Kampf bis zum Umfallen über fast fünf Stunden. Der Schotte, mit den Zuschauern im Rücken, will endlich einen Grand-Slam-Sieg holen, auf den die Briten seit 1936 warten. Murray mit zwei Sätzen dann vorn, die Zuschauer haben getobt, gejohlt, geschrienen. Die nächsten zwei Sätze gehen an Djokovic, die Zuschauer haben gelitten. Der Sieg dann schließlich für Murray. Unbeschreiblicher Jubel auf den Rängen und Andy Murray auf den Knien am Boden, die Hände vor dem Gesicht, als ob er sein Glück nicht fassen könnte.     

Wunderbar die Menschen bei den US Open. Immer Jubel, Trubel, Heiterkeit und eine elektrisierende Stimmung - mit viel Adrenalin wie überall in New York.


                                                     Eberhard Pino Mueller

publiziert:  Oktober 2012  -  DTZ  Deutsche Tennis Zeitung
                                            Tennisportal  TAKEOFF-PRESS

US Open 2012  - Flushing Meadows mit den US Open ist, wie allgemein alles in New York, ein wenig größer, lauter, schneller und emotionaler als andere Orte der Welt


Emotionen, Dramen und viel Adrenalin


Warum gehen die New Yorker zum Live-Tennis? Sie könnten doch zuhause vor der Glotze bequem im Sessel sitzen, müssten nicht schwitzen, könnten sich ein Bierchen nach dem anderen genehmigen, würden die Spieler von den oberen Rängen der gigantischen Tennisarena aus nicht so klein wie Ameisen von einem Kirchturm herab sehen und bräuchten auch keine unverschämt teuren Tickets kaufen - ganz einfach: Die New Yorker Tennisfans lieben ihr „crazy" Big-Apple-Turnier und wollen die Atmosphäre und das Gewimmel des Ober-Mega-Super-Spektakels in Flushing Meadows hautnah, live und mit allem drum und dran bis zum bitteren oder erfolgreichen Ende miterleben. 

Wer glaubt, es würden nur die Profis, also ein Federer, Djokovic, Murray oder eine Sharapova, Azarenka und Williams-Schwestern großartig Tennis spielen, der muss einmal bei der „Quali" für das Junioren-Turnier auf den Plätzen im Park außerhalb des US-Open-Stadions zuschauen - ohne Ticket übrigens. Etwa einem Francis Tiafoe. Also wirklich, wie der vierzehnjährige Afro-Amerikaner gespielt hat, das war große Klasse. Hart, schnell, elegant, variabel, kontrolliert, einfach wunderbar. Warum nicht - vielleicht ist der junge Kerl ja einer der Stars von Morgen?

Wie auch immer, die Auslese ist beim Tennis der US-Open gnadenlos. Und das schon in der ersten Runde. Da hatte es gleich vier der erfolgreichen und mit großen Erwartungen angereisten deutschen Tennisspielerinnen erwischt. Sabine Lisicki, ohne ihre schärfste Waffe, „weil ich den Aufschlag wegen einer Bauchmuskelzerrung nicht richtig trainieren konnte." Julia Görges, „weil ich bei den Olympischen Spielen zu viel Kraft gelassen habe." Und Andrea Petkovic, die wegen einer Rückenverletzung und einem doppelten Bänderriss dieses Jahr in sieben Monaten kein Match auf der Tour spielen konnte, befand: „Ich kann einfach noch nicht jeden Punkt mit hoher Intensität spielen." Und Mona Barthel hat gekämpft und sich abgerackert. Vergeblich. Im dritten Satz war die Gegnerin zu stark für sie. 

Schade eigentlich, dass von den vier gesetzten Deutschen nur Angelique Kerber - neben Tatjana Malek über die Qualifikation - in die zweite Runde kam. Die Ausgeschiedenen waren aber in guter Gesellschaft, denn es hatte von den 32 gesetzten Spielerinnen gleich neun erwischt. Übrigens, auch Steffi Graf hat einmal in der ersten Runde in New York verloren. Vor 28 Jahren, als 15-Jährige, ganz am Anfang ihrer Karriere.

Angelique Kerber war diesmal, anders als vor einem Jahr, als sie noch als krasse Außenseiterin das Elitefeld bis ins Halbfinale durcheinander gebracht hatte, eine, die von den Topspielerinnen gefürchtet war. Bis zur vierten Runde hatten ihre Gegnerinnen nichts zu lachen, auch nicht die 16-fache Grand-Slam-Siegerin Venus Williams, die sie beherzt kämpfend niederrang. Wie in Paris hat ihr aber dann die wieselflinke Italienerin Sara Errani  das Weiterkommen versaut. 

Apropos Männer: Zehn deutsche Spieler waren im Hauptfeld - nur drei Länder der 36 vertretenen Nationen hatten mehr - leider jedoch aus deutscher Sicht mehr Masse als Klasse. Erfreulich aber, wie Mathias Bachinger, Philipp Petzschner und Philipp Kohlschreiber gekämpft haben. Bachinger unglücklich, denn Marcos Baghdatis war im Tiebreak des fünften Satzes nur um zwei Punkte besser. Oder Philipp Petzschner, der den aufschlagstarken Franzosen Mahut nach einem Zweisatzrückstand noch niedergekämpft und sich auch gegen den an elf gesetzten Nicolas Almagro über fünf Sätze verbissen gewehrt hat.

Noch besser machte es Philipp Kohlschreiber. Zuerst vier, dann fünf Sätze gegen die Franzosen Michael Llodra und Benoit Paire. Dann ein Fünfsatz-Krimi gegen die Nummer zehn der Weltrangliste, den Amerikaner John Isner, in dem Kohlschreiber sich mit Leidenschaft und Willensstärke wieder durchgebissen hat. Bis in den frühen Morgen hinein - bis drei Uhr und zwanzig Minuten haben die beiden sich die Bälle um die Ohren gehauen. Die begeisternde Light-Night-Show war, sagte Kohlschreiber hinterher, „der reine Wahnsinn, ein Match, an das du noch denkst, wenn du schon lange kein Tennis mehr spielst."

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