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Roland Garros                                           

Wahnsinn mit Methode

Eine  nächtliche  Sauftour,  meinte der  Coach,  sei  Wahnsinn  vor dem Endspiel  in Paris.  Und weil der Coach seinen Mann gut kannte,  beauftragte er zwei andere Schützlinge  damit, auf den  trinkfreudigen Kerl aufzupassen. Doch der war nicht zu bremsen. Mit Bier bis oben abgefüllt,  wankte der Mann - die Aufpasser waren längst schlafen gegangen - früh morgens ins Bett. Nach ein paar Stunden war er wieder auf den  Beinen und holte den Titel  in Roland Garros.

Das, nun, war schon eine Weile her. Fast vierzig Jahre, und der Mann inzwischen tot. Damals aber, 1956, war "Lew" Hoad der beste Tennisspieler der Welt. Und ein verrückter Hund dazu. Weder Harry Hopman mit guten Worten, noch Hoads Tenniskollegen Mal Anderson und Ashly Cooper konnten den Blonden, mit den strahlend blauen Augen, vom fröhlichen Saufen in jener  Nacht abbringen. Hoad, ein Kraftpacket wie ein Preisboxer auf der Kirmes, machte aber auch so den Schweden Sven Davidson mit krachenden Schlägen in glatten drei Sätzen nieder.

Ganz  anders die Topspieler heute. Keine  Exzesse. "Du  darfst", sagt John  McEnroe, "bei  einem großen Turnier an nichts anderes als an dein Tennis denken, so, als wäre die ganze Welt ein Tennisplatz."  Disziplin  sei alles, und  der Job, wäre da nicht  so wahnsinnig viel Geld, nur schwer zu ertragen.

Agassi verkroch sich im schönen Paris in seinem Luxushotel und kam nur zum Tennisspielen heraus. Oder ein Wayne Ferreira rannte nach einem Viereinhalb-Stunden-Match  gleich noch  30 Minuten im Bois de Boulogne, um ja fit zu sein für das nächste Match .

Der  ganze Tagesablauf, das Essen, die Ausrüstung, einfach alles ist bei den Profis programmiert. Ein Jim Courier vertraut nur neuen Saiten. Fünfzig Stück, sein Verschleiß in  Paris, für gerade mal vier Matche. Nicht  genug. Zu seinem Saitentick kommt noch ein schwarzes Geheimbuch, in dem er die Schwächen der Gegner notiert. Pingelig auch Pete Sampras. Er speist während eines Turniers immer im gleichen Lokal, weil er dann weiß, dass das Essen ihm da bekommt.

Nun denn, jeder weiß, was er macht und warum. Ob dann etwas dabei herauskommt,  ist eine  andere  Frage. Agassi sagte mal: "Wenn ich von etwas nicht überzeugt bin, kann  es noch so richtig sein, es hilft  mir nicht." Das war, als er nur Hamburger mampfte, nicht  richtig  trainierte und Wimbledon gewann. Lew Hoad hatte, gewiss doch, nichts falsch gemacht. Auch der mehrfache French Open-Sieger Muster nichts, von dem es hieß, er habe sogar vom Sand gefressen.

                                         
Eberhard Pino Mueller

publiziert: Juni 1995  DTZ -  Deutsche Tennis Zeitung                               

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