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US Open

             Rock´n Roll-Tennis

Ach! - was ist das für ein Turnier in New York. Es heißt, die US Open seien das Nonplusultra im Tennis, es heißt aber auch, Flushing Meadow sei der mieseste Ort für ein Tennisturnier. Gleichwohl, die US Open sind wie die Oscar-Verleihung eine Welt-Nummer, die über Satellit in mehr als 160 Länder ausgestrahlt und von einer halben Milliarde Menschen angeguckt wird. Und sonst? Das über 100 Jahre alte Turnier ist auch ein Markenartikel mit Tradition wie Coca Cola, eine sprudelnde Geldquelle wie Las Vegas, ein Selbstläufer wie Phantom der Oper am Broadway, ein Magnet wie Disney World - eben etwas Außergewöhnliches zwischen Sport, Show und Geld.

Also wirklich, die ATP-Turniere, sind nichts dagegen, denn die Stars kommen oft nur für Extra-Kohle. Nicht einmal die anderen Grand Slam-Turniere können mit den US Open mithalten. Fast zwanzig Millionen Preisgeld oder mehr als eine halbe Million Zuschauer live - Weltrekorde im Tennis.

Einmalig vor allem auch oft die Dramatik der ungeheuerlichen Inszenierung. Alles dran. Phantastisch, wie jeder sich reinhängt. Einem MaliVai Washington oder Sampras war schon mal  kotzübel auf dem Platz, doch sie gaben nicht auf. Oder Gumy, ein Argentinier, rannte im Übereifer gegen den Zaun und quälte sich noch mit angebrochener Rippe zum Sieg. Häufig sind Turnierfavoriten gegen Nobodys in der Bredouille. Sampras gegen Novak oder Agassi gegen Paes. Keiner hat es leicht, und wer nicht tierisch kämpft, wird abserviert.

Die New Yorker lieben das „Big Apple-Turnier". Rock´n Roll oder Heavy Metal Tennis in langen Nachtmatches von Fightern wie Agassi oder früher Connors, turnt sie an.

Großartiges Tennis, aber auch gigantisches Chaos. Und Chaos hat in Flushing Meadow Tradition. Eigentlich völlig unverständlich, wie an einem so miesen Ort ein so großartiges Turnier stattfinden kann. Es stinkt nach Fastfood, überall ist es dreckig, und der Krach des Highways, der Jumbos und fanatischer Fans ist nervtötend. Nirgendwo ein ruhiges Plätzchen, nicht mal für die Spieler. „Das Turnier", sagte einmal Muster, „ist eine einzige Zumutung."

Ein Mega-Spektakel also mit beschissenem Drumherum. Und dazu noch ein chaotisches Drehbuch. Dafür waren die Offiziellen schon immer gut. Beim Setzen der Spieler vertreten sie die Interessen von CBS und Nike. Denn die Einschaltquoten sind oben, und Nike verkauft mehr, wenn die Spieler mit großen Namen weit kommen. Ohne sportliche Logik wurde einmal Agassi, die Nummer acht, vor Kafelnikow gesetzt. Reiner Betrug.

Der Ausgang der US Open wäre manipuliert gewesen. Dass die Turnierleitung, nach noch anderen Fehlern, eine zweite Auslosung machte, bewies die böse Absicht. Kafelnikow war damals so geschockt, dass er sich krank schreiben ließ, um das Turnier zu sabotieren.

Viele Spieler, auch Sampras und Chang, waren sauer und drohten mit Boykott, wenn so etwas wieder vorkommen sollte. Was auch immer passiert, das Turnier lebt, und das Obermega-Spektakel wird von Jahr zu Jahr gigantischer, ohne Schaden zu nehmen.

                                                     
Eberhard Pino Mueller 

publiziert: Oktober 1996  DTZ -  Deutsche Tennis Zeitung                                   


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