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Keine Spur mehr von der Tenniskrise anfangs des Jahrhunderts. Vorbei das traditionelle Fernsehen. Man guckt Internet. Internet-Reporter, mit an Kopfhörern befestigten Kameras im Streichholzschachtelformat, schwirren überall herum. Die Sportschreiber dagegen verfolgen das Turnier über Internet auf Monitoren zu Hause und schalten sich für Pressekonferenzen oder Interviews zu.

Und was machen die Zuschauer hier, wo sie doch bequem im Wohnzimmer auf unzähligen Kanälen surfen könnten? Nun -  sie können das auch hier, die Technik an jedem Platz lässt keine Wünsche offen. Alles ist da, ein Minischaltpult, Monitore, Videokamera, Fernglas, Bildschirm-Handy, Kopfhörer und Mikros. Um einen herum ist Technik mit allen audiovisuellen Möglichkeiten, auch einem lokalen Multi-Media-Zentrum, um eigene Filmaufnahmen direkt nach Hause zu schicken. Sogar Wutausbrüche der Spieler auf dem Platz bekommt man über Body-Network wie Mikros in Fingerringen, Minikameras am Gürtel und PCs in den Schuhen der Spieler hautnah mit. Und du kannst selbst während der Ballwechsel Radau machen. Das stört nicht mehr, im Gegenteil, die Cracks werden dabei stimuliert.

Stimulation, so auch der Leiter des medizinischen Zentrums im Stadion, sei schon vor dem Wettkampf ein Muss. Natürlich habe man noch immer Fitnessräume, doch an Kondition mangele es keinem Spieler, da man mit Pillen nachhelfen könne. Der Clou der Abteilung sei ein virtuelles Erlebnis-Center, wo die Profis zur mentalen und psychologischen Stimulation an Video-Automaten spielen und sich mit Düften und Musik berieseln lassen. Aber auch medizinisch, mit Abteilungen für Leistungsdiagnostik, Trainingssteuerung und Stresshormonmessungen, sowie einem Belastungs- und Gen-Überwachungszentrum, ist man bestens ausgerüstet. Letzteres war notwendig, weil Gentherapeuten beliebig am menschlichen Körper herummodellierten. Schwimmer bekamen übergroße Füße, Basketballspieler verlängerte Beine und Tennisspieler extrem lange Arme. 

Doch zurück zum Sport. Die Frage ist, wer kann die Chinesen schlagen? Hundert Jahre lang spielten die Chinesen im Tennis keine Rolle, solange, bis sie, typisch chinesisch, Kleinkinder ihres unermesslichen Menschenreservoirs in Kaderschmieden mit schier unmenschlichem Fleiß auf Tennis trimmten. Und plötzlich waren sie da, mit zirkusreifem Tennis, einer Mischung aus Kraft, Artistik, Geschicklichkeit und Ästhetik -- und revolutionierten das Spiel. Und so reißt gerade auch einer, von den die Weltrangliste anführenden Chinesen, die Zuschauer im Stadion mit seinen Trickschlägen und Kapriolen von den Sitzen.

Danach kommt Boris Becker auf den Platz. Faszinierend wie er noch immer ankommt, auch mit Geschichten aus alten Zeiten. Etwa, dass er früher Sägemehl gegen Schweiß an den Händen in den Hosentaschen gehabt und anfangs mit simplen Holzschlägern, geflickten Saiten, weißen Bällen und sogar in weißen Klamotten ohne Werbelogos als junger Profi gespielt habe. Dann kündigt Becker noch eine Weltneuheit an: einen intelligenten Tennis-Roboter, der nach dem Finale gegen den Turniersieger um eine Prämie von einer Million antreten werde.

Plötzlich ein Piepsen meines Mini-PC am Handgelenk. Dann eine Stimme, die mich daran erinnert, dass ich in zwei Stunden im Hotel verabredet bin, und dazu als Information: „Über den Code 657C ihrer Chipkarte gelangen sie automatisch mit Kabinen zu einer Rampe, wo ein Flugtaxi auf sie wartet. Ich wünsche noch einen schönen Abend."

                                                                Eberhard Pino Mueller

publiziert:  Mai 2002 ...DTZ  Deutsche Tennis Zeitung
                                    Tennisportal  TAKEOFF-PRESS         




Blick in die Zukunft:
Tennis am Rothenbaum mit Ufos, Body-Network, Genkontrollen, Tigern und Dr. h.c. Boris Becker.


Bill Gates German Open 2030



Mai 2030 --  Herrlich der Flug über Hamburg, ringsherum hunderte von bunten, radargesteuerten Mini-Ufos und unten der Michel, die Alster, der Hafen. „Tolle Aussicht heute", meint auch mein Flugtaxipilot, „bei dem Koloss, da müssen wir gleich runter." Das also ist die neue Tennisarena aus Acryl und Chrom, der „Super-Dome" am Rothenbaum. Verrückt, aus heutiger Sicht wie man auf das Ministadion vor 30 Jahren stolz sein und von einer der „atemberaubendsten Dachkonstruktionen der Welt" schwärmen konnte. Wer aber hätte gedacht, dass man einmal das Dach zum Spielen aufreißen und danach wieder schließen würde? Das Wetter - kein Thema mehr. Da werden einfach Chemikalien über der Arena versprüht, und schon sind alle Wolken weg.

Problemlos auch die Anfahrt mit dem Auto. Eine Chipkarte im Bordcomputer genügt, und schon werden die lautlosen, mit Benzin-Wasserstoff angetriebenen Mobile, ferngesteuert zur Parkgarage ins Stadion und nach dem Ausstieg, fahrerlos, in eine Parkbox dirigiert. Nur mit dieser Chipkarte kann man sich in die computergesteuerte Logistik des Turniers einklicken, etwa um sich auf Speedways oder in Kleinkabinen, einer „Menschen-Rohrpost", befördern zu lassen.

Schon vor Turnierbeginn war die Arena mit 100.000 Plätzen an allen Tagen ausverkauft. Gut für die DTB-Aktien - der Kurs wird steigen. Wer aber konnte ahnen, dass die Umsätze der Top-Tennisturniere in solche Dimensionen wachsen würden. Waren es früher 120 Millionen vom Fernsehen, über die sich die Macher beim DTB die Hände rieben, springen heute Milliarden bei Wetten und Internet-Vermarktung heraus. Dick im Geschäft Boris Becker, das heißt Dr. h.c. Becker. Der 65-Jährige hatte sich nach ersten geschäftlichen Misserfolgen durchgeboxt. Dann der große Coup - ein Milliardendeal. Becker riss die Vermarktung der Grand Slams und Topturniere an sich. Auch der Gang des DTB an die Börse hatte riesigen Profit gebracht und die German Open, mit Bill Gates als Hauptsponsor, zu einem Mega-Spektakel gemacht.

Dabei war hier vor 30 Jahren alles anders. Da wurde nach traditionellen Regeln Tennis gespielt, war es während der Ballwechsel mucksmäuschenstill, dauerten Matches oft über drei Stunden, saßen Linienrichter um den Platz herum. Heute ist nichts mehr wie früher. Die Regeln sind simpel. Der Ball wird mit einem Aufschlag abwechselnd von den Spielern ins Spiel gebracht. Wer zuerst vier Punkte hat, kriegt ein Spiel, und wer zuerst vier Spiele hat, den Satz, und wer nach 90 Minuten nach Sätzen führt, hat gewonnen. Und weil ein Tennisball immer für ein paar Sekunden knallrot leuchtet, wenn er im Aus aufkommt, wird auch ohne Linienrichter richtig entschieden. Auch Animation ist, wie eine Laser-Reklame am Himmel verspricht, angesagt. Und schon geht es richtig los, jagen zwei Tiger wild über den Center Court. „Keine Panik", beruhigt aber gleich der Stadionsprecher, während ein
Mercedes aus einer Wolke in die Arena schwebt, „wir haben alles im Griff." Und wirklich, nachdem die Tiger ein paarmal um den Edelschlitten gefegt waren, verschwanden sie, inszeniert von ESSO als Action-Werbung, im Tank.


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