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French Open - Roland Garros 2014


Halbfinale, Finale und ein Titel

Schwelgen wir zuerst ein bisschen in den schönsten Tenniserinnerungen in Paris. Was waren das für wunderbare Zeiten, als deutsche Tennisspieler in Roland-Garros triumphierten und mit dem Siegerpokal aus Paris abreisten, wie Gottfried von Cramm und Henner Henkel oder Cilly Aussem, Hilde Sperling und Steffi Graf. Sehr schön natürlich auch die Jahre, als wir Spieler dort im Finale hatten: Von Cramm, Michael Stich, Helga Niessen, Sylvia Hanika und auch mehrmals Steffi Graf.

Überhaupt - Steffi über alles. Sie hat nicht „nur" achtmal die French Open gewonnen, sondern auch die tollsten Rekorde, die bis heute Bestand haben, aufgestellt. Steffi Graf, mit siebzehn Jahren und elf Monaten die drittjüngste Siegerin, hat hier die meisten Matches gespielt ( 94 ) und die meisten gewonnen ( 84 ). Sie fertigte 1988 Natasha Zvereva ruck-zuck mit 6.0, 6:0 im kürzesten Finale ab und spielte 1996 das längste mit 6:3, 6:7, 10:8 gegen die Spanierin Arantxa Sanchez-Vicario.

Herrlich emotionale Sternstunden, für die, die dabei waren. Vorbei. Auch in diesem Jahr konnten wir ein deutsches Wunder in Paris nicht wirklich erhoffen - aber wenigstens auf ein gutes Abschneiden. Da war, erstens, Angelique Kerber an acht, und zweitens und drittens, Sabine Lisicki und Tommy Haas an sechzehn gesetzt. Aber herrjeh, Sabine Lisicki nach einem Sturz aufs Handgelenk und Tommy Haas nach einem verkorksten Vorhandschlag, der in seiner ohne hin lädierten Schulter unerträgliche Schmerzen auslöste, mussten noch während des ersten Matches aufgeben. Und Angelique Kerber schaffte es, nach einem grottenschlechten Spiel und „schwarzen Tag", wie sie meinte, nicht einmal bis in die zweite Woche, aber sonst auch keine(r) von sechzehn bei den French Open im Einzel gestarteten Deutschen - außer Andrea Petkovic.

Die Bilanz wäre zum Vergessen - wenn da eben nicht noch Andrea Petkovic im Einzel und Anna-Lena Grönefeld, Julia Görges und Dieter Kindlmann bei anderen Einsätzen erfolgreich gewesen wären.

Die frühen Verlierer waren aber in guter Gesellschaft. Was vor allem bei den Damen ablief, ist einmalig. Bevor es richtig losging, waren die drei topgesetzten Spielerinnen Serena Williams, Na Li und Agnieszka Radwanska „weggeputzt." Sorry - aber wer kannte die Spanierin Garbine Muguruza (35) oder die Französin Kristina Mladenovik (103) oder die Kroatin Ajla Tomljanovic (72), bevor denen dieser Coup gelang?

Nicht genug, das Favoritensterben ging weiter. „Ein Massaker-Spiel, mit den Stars auf dem Friedhof der Illusionen", titelte die französische Sportzeitung L'Equipe, als im Viertelfinale von den Top Zehn nur die Rumänin Simona Halep (4) und die Russin Maria Scharapowa (7) übrig waren.








Eine faustdicke Überraschung auch bei den Herren. Gleich am ersten Tag erwischte es den diesjährigen Australian-Open-Champion Stan Wawrinka. Enttäuschung auch bei seinem Landsmann Roger Federer, der ungewöhnlich früh die Koffer packen musste.

So gesehen war Philipp Kohlschreiber, der in die dritte Runde kam, nicht einmal schlecht dabei. Er ging schon öfters in Paris besonders zur Sache. Etwa 2007, als er mit 17:15 den bisher längsten Satz in Roland Garros spielte. Oder 2009, als er Novak Djokovic die French Open vermasselte, so früh wie kein Spieler mehr bei einem der neunzehn folgenden Grand-Slam-Turniere des Serben.

Und diesmal kämpfte er gegen den Wimbledon- und Olympia-Sieger Andy Murray bis zum Umfallen, bis er „leer und enttäuscht" nach mehr als vier Stunden im fünften Satz mit 10:12 als Verlierer die Schläger einpacken musste.

Aus deutscher Sicht war allerdings Andrea Petkovic der große Knaller. Keiner hatte doch gedacht, dass sich ausgerechnet die lange verletzte Darmstädterin ins Halbfinale durchkämpfen würde. Und das, obwohl sie durch einen Magen-Darm-Virus empfindlich geschwächt war. Eine ganz besondere Leistung auch, weil das seit Steffi Graf 1999 keine deutsche Spielerin mehr geschafft hatte.

Besonders jubeln konnten auch Anna-Lena Grönefeld und Julia Görges, die sich mit ihren Partnern im Mixed-Endspiel gegenüber standen. Anna-Lena Grönefeld holte sich zu ihrem Wimbledon-Titel im gemischten Doppel vor fünf Jahren nun auch den Grand-Slam-Titel in Paris und erzählte, völlig aus dem Häuschen, wie kurios es dazu kam: „Ich fragte vor dem Turnier 'rum, aber keiner wollte mit mir spielen, bis Jean, der schon einer anderen Spielerin zugesagt hatte, mich in letzter Minute nahm. Wir mussten, ohne miteinander trainiert zu haben, sofort die erste Runde spielen."

Erfolgreich war auch Dieter Kindlmann. Nicht direkt beim Turnier, aber als Hitting-Partner von Maria Scharapowa, die mit seiner Hilfe ihren zweiten Titel in Roland Garros holte. Boris Becker hatte, als Coachs von Novak Djokovic, auch auf den French Open-Titel spekuliert. Doch daraus wurde nichts, weil er vielleicht auch nicht das richtige Rezept auf Sand für Novak Djokovic hatte, denn er selbst konnte die French Open als einziges Grand-Slam-Turnier nie gewinnen.

Nach dem großen Favoritensterben träumten plötzlich einige Außenseiter von dem Titel. Doch es war dann doch nicht das Turnier der jungen Newcomer. Nach zwei Wochen und sieben Runden holten die Russin Maria Scharapowa, die hier 2012 schon einmal gewonnen hatte, und der achtmalige Pariser Sandplatz-König „Rafa" Nadal die Titel - wer denn sonst? 

                                                   
Eberhard Pino Mueller     

publiziert  Juli 2014  -  DTZ  Deutsche Tennis Zeitung

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