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Australian Open 2018

„Happy Slam"


Auf dem Flug ans andere Ende der Welt, zu den Australian Open, hatte ich viel Zeit. Genau zwanzig Stunden und zwanzig Minuten. Zeit, darüber nachzudenken, warum die „Aussie-Open" so etwas Besonderes sind. Und da fiel mir gleich der junge Schwede ein, der mir zu Wilander-Edberg-Zeiten erzählte, er sei mit der sibirischen Eisenbahn durch Russland, dann über die Mongolei, China und das Meer wegen des Turniers nach Down Under gereist. Unvergesslich auch der Tramfahrer zum Tennisstadium letztes Jahr, der über ein Mikrofon fragte, wer Geburtstag habe, worauf sich Lisa, ein Teeny, meldete, und alle in der Tram „happy birthday Lisa" sangen. Oder, wo gibt es so etwas? Ein Grand-Slam-Endspiel, bei dem der Schiedsrichter das Match unterbricht, damit die Zuschauer ein spektakuläres Feuerwerk am Himmel beobachten können wie jahrelang in Melbourne am Australia Day.

Unvergessliche Tennismomente kamen mir auch wieder in den Sinn. Etwa die Tränen von Pete Sampras, nachdem ein Zuschauer ihn gegen Jim Courier mit „mach's für Gulli" anfeuerte. „Geht's noch Pete, wir können auch morgen weiterspielen", fragte Courier spontan, weil er mitfühlte, wie Sampras litt, weil sein Coach Tim Gullikson todkrank im Krankenhaus lag. Oder Boris Becker, der nach dem Matchball bei seinem ersten Australian-Open-Sieg 1991 wegrannte, um sich außerhalb des Stadions, auf der Straße, abzureagieren, „weil ich diesen speziellen Moment allein genießen wollte", und die Zuschauer im Stadion dreißig Minuten auf die Pokalübergabe warten mussten. 

Auch wenn ich immer todmüde in Melbourne aus dem Flieger stieg und am Gepäckband, wo niedliche Beagles nach verbotenen Esswaren schnüffelten, warten musste, hatte ich immer ein super Gefühl: Hey, dachte ich jedesmal, für die Australian Open, ein grandioses Tennisturnier in einer Metropole, die hip ist, kann man schon ein bisschen Reisestrapazen auf sich nehmen. 

Und dann, wenn ich von meinem Hotel in der City zum Turnier will, kann ich einen Spaziergang am Yarra River entlang machen. In 15 Minuten bin ich da. So schön und bequem geht das bei keinem anderen Grand-Slam-Turnier, denn aus der City in Paris, London und New York schafft man das meistens erst in einer Stunde. Und wenn es einmal regnet, kann man im Melbourne Park in drei Stadien weiterspielen, weil sie dort bewegliche Dächer haben, was die anderen Grand Slams nicht bieten. Und nebenbei beglücken die Macher des gigantischen Tennisspektakels die Fans auch noch mit dem größten, internationalen Musikfestival des Jahres von Australien durch täglich auftretende Stars. Überhaupt: Dem Turnierdirektor Craig Tiley fallen immer besondere Gags ein. Der Clou diesmal: Pinguine, Koalas, Krokodile und Wombats, die für Medienvertreter und Spieler, darunter Sascha Zverev, herbeigeschafft wurden.

Die Aussie Open sind schon einmalig wunderbar und viele Dinge ein bisschen anders als sonst auf der Welt - daher inzwischen auch der gängige Beiname „Happy Slam", der übrigens von Roger Federer stammt.

                                                      Eberhard Pino Mueller

publiziert:  März 2018  -- DTZ- Deutsche Tennis Zeitung
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