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Die Tennisprofis -  warum und wie sie Golf spielen.…

Zocker, Harleys, Schilf und Bunker


Warum eigentlich nicht - warum nicht auch Tennisprofis? Viele von ihnen sind verrückt nach Golf. Yevgeny Kafelnikov flog früher mit dem eigenen Jet von Turnier zu Turnier, um bequemer seine komplette Golfausrüstung transportieren zu können und natürlich, um mehr Zeit für Golf zu haben. Der Golfvirus hatte den Russen gepackt. So wollte er einmal in Rom, nach dem Doppelendspiel, gleich weg im eigenen Jet. Nach Hamburg, zum nächsten Turnier -- nein, zum Golf spielen mit Tiger Woods.

Golfverrückt war auch Ivan Lendl. Nach seiner Tenniskarriere wollte er auch noch als Golfprofi groß herrauskommen. Er war von dem Gedanken, auf der Golftour zu spielen, so besessen, dass er dafür, typisch Lendl, auf Teufel komm raus trainierte. Vergeblich, denn immer, wenn es darum ging, über Qualifikationsturniere den Sprung ins Profigolf zu schaffen, patzte er.

Golf hat, wie Ivan Lendl, immer viele Tennisprofis der ATP Tour gepackt, denn Golf ist eine gute Möglichkeit, das eintönige Leben in Hotels, Flugzeugen und auf Tennisplätzen besser zu ertragen und nicht nur als Zeitvertreib neben der Tennis-Maloche. Auch um sich nach Niederlagen abzureagieren, wie einst Boris Becker in Key Biscayne, nachdem es ihn da, gleich zu Turnierbeginn, einmal erwischt hatte. Schnurstracks, noch in Tennisschuhen, schlich Becker davon. Ab auf den Golfplatz. „Gegen meine Wut im Bauch", so Boris Becker damals, „muss ich sofort was tun." Und nach dem Kauf eines Golfhandschuhs im Proshop, kurvte er in einem Golfcar mit zwei Leibwächtern davon.

Richtig Bock auf Golf kriegten die Tennisspieler bei den ATP-Turnieren in Cincinnati und Indianapolis, denn da winkten tolle Golfpreise. Für Laurie Warder, der zwölf Doppeltitel gewann, darunter die Australian Open als Tennisprofi, war Indianapolis das Lieblingsturnier schlechthin. Kein Wunder bei solchen Erinnerungen - fünfmal Sieger, zweimal auf dem Tennis- und dreimal auf dem Golfplatz. Das Allerbeste dabei war, für die Golfkünste kassierte der Australier mehr als für sein Tennis. Immer eine „Harley", also drei dieser Kult-Vehikel, die er dann auch jedes Mal sofort verscherbelte, um die Reisekasse aufzufüllen.

Nicht um Geld, nur um die Ehre, ging es für Boris Becker bei einem Golf-Pro-Am in Hamburg, als er mit Golfass Tiger Woods eine Runde spielen durfte. Um dem Mega-Golfstar aus Amerika zu zeigen, dass er nicht nur den Tennisschläger schwingen kann, kam er mit einem neuen Wunder-Driver an, mit dem er den Ball etwa dreihundert Meter weit dreschen konnte. Doch als abgeschlagen werden sollte, war Becker zur Startzeit noch nicht da. Der weltbeste Golfprofi hatte aber keine Lust auf einen Hobby-Golfer wie Becker zu warten und spielte ab. Am zweiten Loch kam dann Becker, der dreimalige Wimbledon-Champion, angehechelt und setzte prompt den ersten Ball ins Wasser und den nächsten, für eine perfekte Pleite, auch noch ins Schilf.

Ach ja, man kann nicht alles können. Dennoch, einige der Tennisprofis haben auch mit den Golfschlägern Power und ein hervorragendes Ballgefühl. Der Beste mit Handicap 1 war der Australier Scott Draper. Dann kamen der Amerikaner Todd Martin ( Hc 2 ), der Engländer Tim Henman ( Hc 3 ), der Südafrikaner Wayne Ferreira und Kevin Ullyett aus Zimbabwe mit Handicap 4. Wahrlich nicht schlecht auch ein Patrick Rafter, Mats Wilander, MacPherson, Fromberg, Larsson und Stoltenberg, die mit einstelligen Handicaps fast professionell den kleinen, weißen Ball in die Löcher bugsierten. Mehr zum Spaß, mal besser, mal schlechter golften auch Sampras, Agassi, Edberg, Courier (Golf mit links, Tennis mit rechts), Medvedev, Ivanisevic, sowie die Deutschen Karbacher, Steeb, Patrick Bauer, Burgsmüller, Braasch und Kiefer. Natürlich auch Tommy Haas. Kein Wunder, in Florida, wo er in Nick Bollettieri´s Tenniscamp jahrelang trainiert hat, hatte er hundert Golfplätze direkt vor der Tür.

Verrückt auf Golf war auch Wayne Ferreira schon als Knirps. Obschon im Tennis, Kricket, Fußball und Badminton in den Mannschaften der südafrikanischen Provinz Transvaal, musste es auch noch Golf sein. „Mit elf Jahren", sagte der Südafrikaner, „dachte ich schon an Sport als Beruf." Die Frage war nur: Tennis oder Golf, denn mit seinem Mordstalent hätte er auch Golfprofi werden können. Wollte er dann aber nicht. Der Grund: „Ich wusste schon damals, im Tennis gibt es das meiste Geld." Clever, clever - mehr als zehn Millionen Dollar hat er als Tennisprofi an Preisgeldern kassiert, dabei sein Golf aber keineswegs verlernt. Einmal, an einem kurzen Par-4-Loch, jagte er den Ball gut 300 Meter geradewegs mit einem Schlag hinter die Fahnenstange und lochte dann mit dem zweiten Schlag zu einem Eagle ein. Ein Kunststück, bei dem selbst Top-Golfprofis vor Freude Luftsprünge machen.

Mit ganz ungolferischen Kapriolen dagegen hatte sich früher der Ex-Daviscup-Spieler Jürgen Fassbender vergnügt. Er spielte den Ball aus kurzer Entfernung nicht mit einem Eisen im hohen Bogen auf das Green, sondern mit einem Putter rollend, quer Beet über Vorgrüns und auch durch flache Sandbunker. Mit seinem tollen Ballgefühl auch oft sehr erfolgreich. Einmal, am letzten Loch, als er beim Zocken schon ein paar hundert Dollar gewonnen hatte, ging es für einen Extrakick um alles - die komplette Golfausrüstung seines Mitgolfers  - oder nichts. Ja, und mit göttlichem Gefühl legte er den Ball rollend aus 40 Metern tot ans Loch zum Sieg.   

Überhaupt - zocken gehört zum Golf bei den Tennispros. Um 250 bis 1000 Dollar ging es dann schon auch mal an einem Loch. Besonders Kafelnikov war beim Zocken nicht zu bremsen. Er hielt selbst gegen die einstelligen Handicaper Medvedev oder Ferreira dagegen. Handicap hin, Handicap her, wer besser spielt, gewinnt - für Kafelnikov mit russischer Mentalität eben Ehrensache.

Wie auch immer, wenn unsereiner mit Tennisstars Golf spielt, kriegt man erst richtig mit, wie normal die Jungs sind. Kein Starallüren, keine Macken - nur Golf und Spaß. So einmal mit Wimbledon-Sieger Michael Stich und Udo Riglewski  in Indian Wells. Wir hatten auf dem Golfplatz nur ein Problem: Wasser links, Wasser rechts, Wasser vorn, ja eigentlich überall, wo wir die Bälle hinspielten. Bei Stichs gewaltigen Schlägen war auch ein nur wenig verzogener Ball schnell weg. Und weil Udo Riglewski sechs Bälle an einem einzigen Wasserhindernis verschoss, hatten wir am 18. Loch gerade noch für jeden einen Ball. Aber zwei davon waren gleich im Wasser, und so spielte Riglewski, der sich nicht hatte herumkriegen lassen, seinen letzten Ball mit Absicht auch im Wasser zu versenken, die Runde allein fertig.

                                                                     Eberhard Pino Mueller

publiziert:       DTZ  Deutsche Tennis Zeitung                                                                                               
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