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die Rückhand wieder häufig umlaufen, um wie Steffi Graf oder Jim Courier mit verdeckter Vorhand die Gegner auszutricksen. Auch werden sich kaum noch Profis in der Weltspitze halten, die nur mit einer Hand die Rückhand schlagen, meint Ronnie Leitgeb, der Coach von Thomas Muster, nachdem sich fast alle Topspieler bei einer Umfrage beim ATP-Turnier in Wien für die beidhändige Variante als Technik der Zukunft ausgebrochen hatten. Die vielen Vorteile einer beidhändigen Rückhand sind auch überzeugend: kurze Ausholbewegung, früher Treffpunkt, bessere Kontrolle und Genauigkeit, mehr Länge und größere Geschwindigkeit. Die Topspieler werden, prophezeit der in Monte Carlo die Tennis Champ Factory leitende Leitgeb, „ für modernes Power-Tennis mit hohem Tempo an einer beidhändigen Rückhand kaum vorbeikommen."

Auch Nick Bollettieri sieht das so und führt dafür Rios an. „Es gibt in der ganzen Tennisgeschichte keinen Spieler, der aus jeder Lage, selbst in Bedrängnis so offensiv die Rückhand schlägt." Überhaupt war Rios ein Glücksfall fürs Tennis. „Noch vor kurzem", sagt Bob Brett, „dachte man, lange Kerle mit Kraft würden in Zukunft Tennis dominieren, doch plötzlich kam dieser kleine Rios und wurde die Nummer eins. Vom Körperbau allein, also, hängt modernes Tennis nicht ab. Jeder hat seine Waffen." Und Boris Becker wünschte, Rios möge doch eine ganze Weile die Nummer eins bleiben, sonst komme man womöglich wieder auf die Idee und wollen den Aufschlag entschärfen.

Um ganz oben dabei zu sein, reichen Fleiß, Ehrgeiz und Talent in Zukunft nicht mehr aus. Man braucht dazu auch ein geeignetes psychologisches und soziales Umfeld. Die Familie, das Management, der Trainerstab -- einfach alles um die Spieler herum, muss harmonisch ablaufen. Auch wenn Boris Becker meint: „Generell werden Trainer überschätzt", sind gut funktionierende Spieler-Trainer-Beziehungen wie wir an den Beispielen  Steffi Graf / Peter Graf, Martina Hingis / Mutter Molitor, Venus und Serena Williams / Richard Williams,  Edberg / Pickard,  Muster / Leitgeb gesehen haben, äußerst wichtig und in Zukunft wahrscheinlich neben mentalen, technischen, physischen Eigenschaften und obsessivem Verlangen sogar entscheidend für den ganz großen Erfolg.

Mehr noch, aus der Erkenntnis, dass Siegertypen in allen Sportarten sich ähnlich sind, wird Tennis mit anderen Sportarten kooperieren. Es werden Erfahrungen und Kompetenz ausgetauscht und dabei von anderen Sportarten neue Impulse und Motivation geholt. Ob Boxen, das Martina Hingis mal in ihr Trainingsprogramm einbaute,  für Tennis hilfreich ist, muss sich noch herausstellen, dass aber das Training mit Skifahrern, Leichtathleten, Handball-, Fußball-, Hockey-, Baseball- und Volleyballspielern, Fechtern, Karatekas, Schwimmern, Golfern, Schlittschuhläufern unter Aspekten wie Koordination, Balance, Konzentration, Entspannung, Selbstbewusstsein, Disziplin, Wille, Ausdauer von Nutzen sein kann, liegt auf der Hand.

Power aus jeder Lage und Kontrolle bei den wildesten Schläge wäre schön, doch Tennis mit hohem Risiko kann nun mal nicht mit hoher Sicherheit gespielt werden. „Nur mit Power",  sagt deshalb Martina Hingis, „wirst du nicht die Nummer eins, du musst auch clever, sehr, sehr clever sein." Ich stünde, wenn ich nicht die kleinen Schwächen meiner Gegnerinnen sehen würde und was daraus machen könnte, nicht da, wo ich stehe.

Also Köpfchen gegen Power im Kampf um den Thron bei den Frauen im neuen Jahrhundert? Nicht nur. „Du musst Tennis ganz mit Herz spielen", sagt Steffi, „von Anfang an, schon mit 14 und früher. Wenn du es da nicht schon kapiert hast, kriegst du es später nicht mehr hin." Wie es sein muss, machen uns Serena und Venus vor. Die standen bei den Australian Open oder beim Turnier in Key Biscayne schon früh morgens, kurz nach sechs Uhr auf dem Platz und „bewegten ihre Hintern," so Nick Bollettieri, „und das besondere bei dem knallharten Training der jungen Mädchen war, sie hatten in jeder Sekunde auch noch unglaublichen Spaß bei der Arbeit."

                                                                Eberhard Pino Mueller

publiziert:  Februar  2000  DTZ -  Deutsche Tennis Zeitung
                                                     
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