ZURÜCK ZUR HOMEPAGE




Julia Görges - optimistisch in die Zukunft


„Ich habe gute Waffen."


Damals, vor vier Jahren beim Porsche Tennis Grand Prix, hatte es bei Julia Görges Klick gemacht. Plötzlich, nach dem Turniersieg in Stuttgart, war vieles anders. „Ich habe erst richtig begriffen," meinte die damals 22-Jährige, „Tennisprofi ist nicht nur ein Job, es macht auch riesigen Spaß, wenn man auf dem Platz angefeuert wird." Görges rutschte in der Rangliste rasch hoch und kletterte bis auf Platz fünfzehn im März 2012. Eine Bilderbuchkarriere im Tennis schien nur eine Frage der Zeit.

Das mit Julia Görges und ihrem damaligen Erfolg ist aber so eine Sache - eigentlich unfassbar. Dieser Turniersieg wird sie immer verfolgen. Und weil sie das wusste, prophezeite sie schon damals, es sei noch ein schwieriger Weg in die Weltspitze.

Heute, vier Jahre später, wirkt Julia Görges recht zufrieden, obwohl nicht immer alles gut gelaufen ist. „Nee, ich vermisse nichts," sagt sie, „weil ich mein Hobby zum Beruf gemacht habe, gut finde, was ich mache und glücklich bin. Ich müsste nur alles noch mehr genießen."

Warum die Karriere von Julia Görges ins Stottern kam, hatte Gründe. Vor drei Jahren musste sie die Augen lasern lassen, weil sie große Probleme beim Sehen der Bälle mit ihren Kontaktlinsen hatte. Nach der Operation gab es anfangs ein neues Problem. Görges sah die Bälle plötzlich „so klar und dicht auf mich zufliegen, dass ich mich daran erst mal gewöhnen musste." Schlimmer aber war ihr Kapseleinriss am Handgelenk vor den French Open 2013. Wenn Julia Görges darüber spricht, bekommt man erst mit, wie dramatisch das war und wie böse das hätte enden können. Sie habe anfangs nicht einmal ein Glas halten können und monatelang auf Anraten eines Handgelenkspezialisten unter Schmerzen Tennis gespielt, um eine Operation, die sehr riskant gewesen wäre, zu vermeiden.

Zwangsläufig hagelte es Erstrundenniederlagen - sechzehn in 2013. Von Platz 18 der Weltrangliste am Anfang des Jahres fiel sie auf den 72sten zurück. Das Gute war, Görges hat daraus viel gelernt: „Ich hab' die Niederlagen nicht gezählt, denn solche Phasen machen einen stärker, wenn man positiv bleibt und unbeirrt weiterarbeitet."

Sascha Nensel, ihr Ex-Coach, mit dem sie fast sieben Jahre zusammengearbeitet und von dem sie sich vor kurzem getrennt hat, war „auch wenn es mal bei mir nicht so gut lief, eine große Hilfe", sagte Görges und bedankte sich „für die tolle Zusammenarbeit und die damit verbundenen Erfolge." Und Nensel sagt, Jule sei im Training superleicht zu händeln, weil sie immer hart trainieren will und alles auf dem Platz gebe. Sie habe auch kapiert, dass Fitness und der Kopf eine sehr große Rolle spielen, um die Leistung in entscheidenden Matches zu bringen.

Daran arbeitet Julia Görges - seit etwa drei Jahren auch mit Damian Prasad, einem Sportwissenschaftler, der schon andere bekannte Sportler betreut hat. Nensel, der mit dem Australier bereits zusammengearbeitet hatte, als Nicolas Kiefer in Melbourne im Halbfinale stand, war von dessen Arbeit überzeugt. Er war für Fitness und Physio zuständig. Er habe, so Nensel, als ein sehr positiver Mensch auch mental viel geholfen, da Jule sich sehr wohl mit ihm fühlte.







Julia Görges geht den Sport professionell an. „Ich hab' mehr für die Athletik gemacht und bewege mich besser und dadurch kommen auch meine Schläge besser", sagt sie. „Ich versuche auch, keine verrückten Schläge zu machen, denn so habe ich früher oft schnell den Kopf verloren. Ich bin nämlich eher ein emotionaler Typ, habe aber negative Emotionen schon drosseln können." Das Problem sei, meinte Sascha Nensel, Jule wisse um ihre Stärken und kenne ihr Potential. Und wenn sie das dann nicht abrufe, werfe sie sich das vor, weil sie sich keine eigenen Fehler gönne. Sie sei dann sauer auf sich selbst, und das habe sie vor allem in der Vergangenheit immer wieder Matches gekostet.   

Ein Luxusleben sieht anders aus, auch wenn Julia Görges überall in der Welt herumkommt. Bei Turnieren passiert nebenher nicht viel. Jule spielt ihr Match, trainiert, macht ihr Fitnessprogramm, relaxt im Hotel und geht essen. Viel mehr ist da nicht, und nach dem Turnier ist sie gleich weg. Sie lebe sehr gesund, auch beim Essen, sagte ihr Ex-Coach. Sie habe mit Damian da einiges umgestellt, versuche bei Turnieren möglichst glutenfrei zu essen und trinke natürlich keinen Alkohol.

Etwas vom Schönsten für Görges ist, zuhause in Bad Oldesloe „in meinem eigenen Bett zu schlafen." Überhaupt komme die Zeit daheim in ihrem Tennisleben zu kurz. Und jetzt sind auch ihre Eltern auf Reisen immer weniger dabei. Es war vor allem für ihren Vater zu stressig, weil es ihn immer mehr „gesundheitlich beansprucht hat." Von ihren Schulfreunden sind leider nur wenige übrig geblieben. Aber da ist noch ihr kleiner Neffe, das Kind ihrer Schwester, auf den sie sich immer freut und mit dem sie gern ins Kindertheater geht. Viel mehr erfährt man nicht über ihr Privatleben. Auch nicht von Sascha Nensel, der natürlich weiß, dass es einige Männer gibt, die hinter ihr her sind - nicht verwunderlich, sie ist eine Schönheit unter den Tennisspielerinnen. In Peking schreit ein verrückter Verehrer sogar immer „marry me", doch das findet Görges natürlich überhaupt nicht lustig.

Die Frage ist, wie kann Julia Görges ihre Tenniskarriere voranbringen. Sie sagt: „Ich habe gute Waffen. Meine Stärken sind der Aufschlag, die Vorhand und mein variables Spiel mit Spinn. Ich gehe raus, spiele aggressiv und nehme das Spiel in die Hand, denn wenn ich mein Spiel nicht mache, macht die andere das Spiel. Mein Spiel ist auch, den Punkt mit Winnern, die natürlich auch zu Fehlern führen, zu beenden und nicht dauernd hin und her zu spielen."

Ihr Anspruch ist, „wieder in die Top 20 zu kommen, wo ich schon war. Fitnessmäßig und mental bin ich stärker geworden, spielerisch auch im Training. Ich hab' mich definitiv weiterentwickelt, aber die andern auch." Das sah auch Sascha Nensel so: „Ich glaube, dass Jule das Potential für eine Top-10-Spielerin hat. In der Vergangenheit war sie dafür mental nicht stabil genug. Es hat sich aber auch gezeigt, dass die Spielerinnen, die oben stehen, ihre beste Phase ihrer Karriere mit 27, 28, 29 Jahren haben. Die hat Jule mit jetzt 26 Jahren noch vor sich. Mit ihrer Motivation und Erfahrung kann sie sich da dann auch noch steigern." 

                                             Eberhard Pino Mueller

publiziert:  Oktober  2015  --  DTZ Deutsche Tennis Zeitung
                                                       TAKEOFF-PRESS

zurück

nächster Beitrag:  Benjamin „Benni" Becker