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Benjamin „Benni" Becker

Der Mann für's Besondere


Sein Name ging um die Welt. Der Name eines bis dahin wenig bekannten Tennisprofis. Es war am 3. September 2006, als die Tenniswelt von einem Benjamin Becker hörte, der bei seinem US-Open-Debüt die grandiose, 20-jährige Tenniskarriere von Andre Agassi beendete. Eine besonders schöne Geschichte, da der 25-Jährige zwei Jahre zuvor noch an der Baylor-Universität in Waco in Texas studiert und als Qualifikant sein Tennis-Idol im Hexenkessel des New Yorker Arthur-Ashe-Stadium vor 25.000 Fans in vier Sätzen niedergerungen hat. „Ein für mich", so Benjamin Becker damals, „einzigartiges Erlebnis, ein Traum."

Noch schöner ist die Geschichte von Benjamin Beckers ungewöhnlichem Tenniswerdegang. Mit vier Jahren, erzählt er, habe er angefangen, Fußball zu spielen, „weil mein Vater in der Kreisliga gekickt hat, und ich da immer dabei war." Mit Tennis hatte in der Familie keiner etwas am Hut. „Benni" mochte, bis er so sieben Jahre alt war, nur den großen Ball - Fußball war sein liebstes Hobby. Doch als Boris Becker in Wimbledon spielte, und Tennis überall boomte, habe ihn das auch gejuckt. „Mit einem alten Schläger, den mein Vater von jemandem geschenkt bekommen hatte, habe ich dann zuhause an die Wand geballert." Der Zufall wollte es, dass in der Nachbarschaft ein Hobbytennisspieler wohnte, der sich freiwillig um die Jugendlichen im Tennisclub kümmerte. „Und als der sah, wie ich immer nur an die Wand spielte, hat er mich gefragt, warum kommst du nicht zu uns und spielst mit?"

Und so nahm das Schicksal seinen Lauf. Der Knirps spielte neben Fußball nun auch bei den Bambinos im Tennisclub. Er wurde, neun Jahre alt, zu einer Sichtung eingeladen und gleich in den Kader aufgenommen. „Ich glaube", meinte Benjamin Becker, „sie nahmen mich nur, weil ich gut Fußball spielte, athletisch war und eine gute Kondition hatte." Von da an trainierte er im Leistungszentrum von Saarbrücken. Mit 13 Jahren war dann Schluss mit Fußball. „Mit 18 hab' ich aber wieder zum Fußball gewechselt, weil ich nicht mehr so viel Lust auf Tennis hatte." Er kickte in der ersten Mannschaft in der A-Jugend und machte das Abitur mit den Leistungsfächern Bio, Englisch und Sport. „Das waren meine Lieblingsfächer", sagt er. Er habe die Schule aber nicht so gemocht. Er sei oft recht müde gewesen, weil das Tennistraining und die einstündige Fahrerei schon eine zusätzliche Belastung waren. 

Nach einem halben Jahr Pause hat Becker Tennis doch vermisst und wieder angefangen. „Ich ging sogar für ein Jahr nach dem Abitur auf die Tennistour, war aber damals nicht reif für das Tourleben und hab' wieder aufgehört. Na ja, das war halt ein Hin und Her." Heute lacht er darüber, doch damals musste er eine, sein Leben bestimmende, Entscheidung treffen: „Mit Tennis aufhören und in Deutschland studieren oder nach Amerika gehen, wo ich beides kombinieren kann?" Das Ziel, Profi zu werden, kam ihm erst später. „Ich bereue es nicht", sagt er, „ich hab' die Zeit gebraucht, um mich weiter zu entwickeln." 

Das Stipendium an der Baylor Uni war dann genau das Richtige für Benjamin Becker. Neben dem Studium kam er in der Tennismannschaft groß raus und wurde mit dem Team und im







Einzel amerikanischer College-Champion. Das waren auch die emotionalsten Momente seiner Karriere. „Da lachen immer alle", sagt er. „Du kannst mir aber glauben, es war nicht das Agassi-Match, es war das College-Finale 2004, wo wir nur eine Chance nach zwei Jahren harter Arbeit und vielen Turnieren, wo es immer heiß herging, hatten. Das war Leidenschaft und Teamspirit - für mich die schönsten Momente auf dem Tennisplatz." Das Team war im folgenden Jahr bis zum Finale wieder ungeschlagen, und nur ein Punkt hatte zum erneuten Sieg gefehlt. Für Becker „die bitterste Niederlage", weil auch er, bei seinem letzten Match für das College-Team, diesen entscheidenden Punkt nicht geholt hat. 

Privat hat sich an der Baylor-Universität auch etwas getan. Da hat es zwischen Benjamin Becker und der amerikanischen Mitstudentin Kristin aus Dallas gefunkt. Sie sind heute ein Paar und haben zwei Buben. Der zweieinhalbjährige Collin war, bevor der kleinere Connor im Dezember 2014 auf die Welt kam, mit  Papa und Mama oft bei Turnieren dabei. „Das hat mir viel gebracht, weil ich nach den Matches oder dem Training mit ihnen andere Sachen machte und auf andere Gedanken kam." Die Familie zog inzwischen von Fort Lauderdale nach Dallas, wo Benjamin Becker, der gerade seine zehnjährige Greencard für den Aufenthalt in den USA verlängert bekam, ein Haus gekauft hat, und wo die Eltern seiner Frau wohnen.

Hinter dem inzwischen 33-Jährigen liegt eine wechselhafte und ungewöhnliche Tenniskarriere - für einen Tennisprofis eine geradezu untypische. Es kommt doch nie vor, dass einer, mit 25 Jahren vom College kommend, im ersten Profijahr so einschlägt. Da war nicht nur das Agassi-Match. Da kam Becker bei den US Open in die vierte Runde. Da spielte er in Tokio im Viertelfinale das zweitspäteste Match der Profitour bis morgens 3:24 Uhr. Da verbesserte er sich von Platz 477 auf 58 und wurde ATP-Newcomer des Jahres. Und 2007 unterlag er bei den Australian Open gegen Marin Safin, den Gewinner 2005, erst nach einem Fünf-Satz-Krimi und stand wenig später auf Platz 38 der Weltrangliste.

Über die Jahre war der Saarländer mit seinem Aufschlag und einer sehr guten Vorhand für die Gegner immer ein gefährlicher Mann. „Ich bin ehrgeizig", sagt er, „denn ohne Ehrgeiz kommst du nicht unter die Top 100, nicht mal die 200." Er sei auch diszipliniert und fleißig. „Ich weiß, was ich zu tun habe. Und weil ich nicht das größte Talent bin, musste ich mir immer vieles erarbeiten. Als Profi in meinem Alter sowieso. Ich zieh' deshalb mein Training noch rigoroser durch als früher, damit ich später nichts bereuen muss."

Natürlich gab es auch Rückschläge. An ein Match in Wimbledon 2007 erinnert sich Benjamin Becker noch genau: „Es war gegen den Argentinier Chela, ich hatte ihn zuvor geschlagen, hab' mit zwei Sätzen geführt, zum Matchgewinn im fünften Satz aufgeschlagen und 8:10 verloren. Eine böse Niederlage, die mich richtig zurückwarf, weil sie an meiner mentalen Einstellung so nagte, dass ich die nächste sieben Matchs verlor."   

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