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Tommy Haas - Das Phänomen


Was für ein Super-Mann und Teufelskerl - dieser Tommy Haas! Phänomenal wie der 35-Jährige nach all seinen vielen Verletzungen wieder aufdreht, auf der Rangliste hochschießt und seinen Gegnern zeigt, was in ihm steckt. Natürlich wussten wir schon immer, was für ein Super-Tennisspieler er ist. Schon mit zwanzig Jahren stand er, 1999, im Halbfinale bei den Australian Open. Ein Jahr später holte er Silber bei den Olympischen Spielen in Sydney. Der junge Mann konnte sich Hoffnungen auf eine Top-Karriere machen - ja, wenn nicht all die Zwangspausen durch Verletzungen und Operationen gewesen wären.

Ein Wunder. Immer und immer wieder hatte Tommy Haas sich aufgerappelt. Gedanken an ein Karriereende seien schon da gewesen. So auch 2007 in Melbourne. Damals sagte er: „2010 - keine Ahnung, ob ich da noch spiele." Tommy Haas hätte liebend gern gespielt, aber diesmal hat es ihn an der Hüfte schlimm erwischt. Doch auch das folgende Katastrophenjahr hatte seinen Tatendrang nicht stoppen können. „Diese Rückkehr auf die Tour war die schwerste Herausforderung, die es jemals für mich gab", sagte Haas, „in diesem Alter fällt einfach alles doppelt und dreifach schwer." Noch etwas hatte ihn zum Weitermachen motiviert. Er wollte einen halbwegs ordentlichen Abschied finden: „So kannst du einfach nicht aufhören. Du musst den Leuten anders in Erinnerung bleiben."

Und das ist ihm geglückt - und wie! Der Sieg gegen Roger Federer im Finale bei den Gerry Weber Open 2012 war ein Knackpunkt: „Gegen Roger ein Finale zu gewinnen, ist etwas Besonderes. Solche Momente zeigen mir, dass ich es noch kann und an einem perfekten Tag wirklich mit der absoluten Weltklasse mithalten kann." Oder in Paris, nach seinem legendären Fünfsatzsieg gegen John Isner räsonierte er: „Das ist das schöne an diesem Sport, die ganzen Emotionen, die dazugehören. Deswegen macht man weiter, weil man solche Matches erleben kann und darf. Wenn man's macht und dann hier und da belohnt wird, dann macht es Sinn, und man ist dankbar für die Möglichkeit."

Tommy Haas ist gereift. Als Mensch und als Tennisspieler. „Es ist extrem wichtig, dass man eine hohe Selbstdisziplin aufbringt", sagt Tommy Haas. „Man muss es lieben, hart zu arbeiten, und man muss die richtigen Leute in seinem Team zusammenbringen. Das ist mir zuletzt ziemlich gut gelungen." Dennoch, Haas ist sich auch bewusst, dass es ganz anders in den letzten 18 Monaten hätte kommen können: „Es ist verrückt, was seitdem passiert ist. Das ist ein bisschen unwirklich, das Ganze. In dem Alter kannst du zwar noch auf so etwas hoffen, aber nicht damit rechnen. Ich denke oft: Das kann doch nicht wahr sein."

Auch die Familie beflügelt den Wahl-Amerikaner: „Sie ist der Grund, hart zu arbeiten, um etwas zu erreichen, mit dem Ziel, dass mich auch meine kleine Tochter Valentina auf dem Platz erleben kann. Ich bin jedes Mal sehr glücklich, wenn ich sie auf der Tribüne sehen kann."

Es gibt noch andere Gründe, warum Tommy Haas sich nicht vom Profitennis verabschiedet: „Jetzt hab' ich viel mehr Erfahrung. Jetzt weiß ich, was ich zu tun habe. Ich weiß auch, Tennis ist immer noch drin in mir. Ich lebe den Traum." Der Kämpfer mit Herz lässt aber, weil ihm Tennis unter die Haut geht, seinen Emotionen auf dem Platz oft freien Lauf. Wutausbrüche, Selbstgespräche wie auch Beschimpfungen gegen sich und jeden gehören zu seinem Spiel.

Und das hört sich dann so an: „Das ist einfach schlecht, du machst zu wenig!" - „Wahnsinn, es geht nix vorwärts!" - „Einmal noch das Auf

schlagspiel, aber ein bisschen fix." - „Es kotzt mich an." - „Für was habe ich Sprints gemacht?" - „Du Vollidiot!" - „So geht das nicht, du bist zu schwach." - „Ich habe keinen Bock mehr auf diese Sch…" -  „Ich bezahl' die Leute für nichts, absolut nichts." Tommy Haas braucht das: „Komisch, wenn ich nicht schimpfe, kriege ich hinterher Emails von Freunden und Familie, die fragen, was ist los. Es gibt immer Situationen, die mich nerven. Ich bin ein Typ, der auf dem Platz seine Gefühle raus lassen muss." Das Gute dabei ist, er hakt das sofort ab und feuert sich gleich wieder an: „Komm, du gewinnst das Ding!"

Das Phänomen Tommy Haas hat eben mit seiner Leidenschaft für Tennis zu tun. Das erklärt auch, warum er kein Verständnis hat, wenn junge Spieler sich nicht voll reinhängen, um alles aus sich herauszuholen. Er meint, daran hapere es in Deutschland und prangerte das vor kurzem an: „Denen fehlt der Wille und der Biss nach ganz vorne zu kommen." Und manche seien „einfach zu faul."

Viele Profis aus dem Tennislager gönnen Tommy Haas, dem Publikumsliebling bei vielen Turnieren, die Erfolge auf seinem x-ten Comeback-Trip. Er bekommt viel Anerkennung, Zuspruch und viele Komplimente von allen Seiten. „Ich bewundere Tommy für seinen Kampfgeist", sagt der Schweizer Superstar Roger Federer, „dass er es nach seinem Comeback fast wieder in die Top Ten geschafft hat, ist unglaublich."

Ex-Wimbledonsieger Michael Stich meint: „Toll, dass Tommy wieder dabei ist. Tommy hat wieder eine Euphorie in Deutschland entfacht. Er ist nach wie vor hungrig, gut drauf, jetzt muss er gesund bleiben, dann ist er wieder Favorit bei Turnieren." Oder der Weltranglisten-Erste Novak Djokovic: „Ich habe viel Respekt vor Tommy. Er spielt mit sein bestes Tennis der vergangenen fünf Jahre."  Und Rainer Schüttler über Tommys Comeback: „Mit einem Wort: unglaublich. Er hat es verdient, weil er ein toller Spieler ist und weil er so viele Jahre dieses Pech hatte. Er wirkt irgendwie relaxed, auch mit der Familie hinter sich. Er strahlt große Zufriedenheit aus, auch wegen seines persönlichen Glücks. Er wird sicher noch zwei Jahre auf hohem Niveau spielen können."

Tommys Langzeittrainer Nick Bollettieri sagte: „Tommy ist ein Vorbild für die Kids, die sehen, dass man nach so großen Schwierigkeiten in seiner Karriere nie aufgeben soll." Der Amerikaner John Isner nach der Niederlage in Paris: „Ich hätte nicht erwartet, dass Tommy noch einmal so zurückkommt. Sowohl in seiner Karriere als auch in diesem Match. Er verdient all den Erfolg, den er jetzt hat." Selbst der Wimbledon-Chef Phil Brook zieht vor dem deutschen Tennisstar den Hut: „Tommy ist in richtig guter Form, begeistert die Zuschauer. Und das jenseits der Dreißig. Einfach fantastisch." Auch ehemalige Tennisköniginnen waren von Tommys Highlight-Match bei den French Open fasziniert. Kim Clijsters twitterte: „Was für ein Spiel! Machte Riesenspaß zuzuschauen." Und Lindsay Davenport: „Der Wahnsinn!" 

Und wie lange wird Tommy Haas noch als Tennisprofi mitmischen? „Ich weiß", sagt der ‚Oldie', „eines Tages wird dieses Tennisleben auf der Tour, das ich immer haben wollte, vorbei sein, deswegen versuch' ich, Spaß auf dem Court zu haben und die Matches möglichst noch, solange mein Körper mitmacht, zu genießen. Der Erfolg versüßt mir das Gefühl natürlich um so mehr."

Um so mehr, weil da noch jemand ist, der ihm Tennis versüßt. Tommys Verlobte Sarah Foster mit so wunderbaren Worten: „Du bist weiterhin eine Inspiration." Und sicher ist, man wird Tommy Haas, wenn er einmal nicht mehr dabei ist, vermissen.   

                                                      Eberhard Pino Mueller

publiziert:  Juli 2013  DTZ Deutsche Tennis Zeitung
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