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Annika Beck


„Bin auf dem richtigen Weg"


Als Annika Beck Mitte 2012 nach ihrem ersten Match im Hauptfeld eines Grand-Slam-Turniers zur Pressekonferenz kam, waren da nur zwei deutsche Medienvertreter. Die andern warteten lieber auf Julia Görges und Sabine Lisicki, die gleichzeitig zu Pressekonferenzen in Wimbledon aufgerufen waren. Sie haben etwas verpasst, denn die 18-Jährige - ganz am Anfang ihrer Karriere - plauderte locker darauf los: „Dass Wimbledon schon als Kind ein Traum war. Es fast schon erdrückend war, als ich in Wimbledon auf der Anlage ankam - die Atmosphäre, die ganze Tradition und plötzlich den Top-Spielern so nahe zu sein. Ich musste mich da erst mal zurechtfinden. Ich weiß nicht mal, was ich an Geld kriege, ich weiß jetzt nur, dass ich, so wie ich hier gespielt habe, auf dem richtigen Weg bin und der Übergang von den Junioren zu den Profis klappen kann."   

Ganz anders das Interesse an Annika Beck sechs Monate später in Melbourne bei den Australian Open. Die zehn aus Deutschland nach „Down Under" gereisten Print-, Radio- und Foto-Journalisten haben sie mit Handschlag begrüßt. Es hatte sich in der Zwischenzeit ja auch viel getan. Die Siegerin der Junior-French-Open 2012 hatte im vergangenen Jahr sechs ITF-Titel ergattert, nach dem Sieg bei den Büschel Open in Ismaning die Top 100 geknackt, nach dem Titel im britischen Barnstable sich in die Top 80 gespielt und schließlich auch noch den Titel bei den Nationalen Deutschen Meisterschaften in Biberach geholt. „Der Sieg war die Krönung des erfolgreichsten Jahres meiner Karriere", sagt sie „und mit dem Junioren-Titel bei den French Open, Wimbledon sowie Ismaning das größte Highlight in 2012."

Wer ist dieser „Teenie"? In Gießen geboren, in Bonn seit Jahren zu Hause. Tochter eines Professors, der wie die Mutter an der Universität arbeitet. Schulabschluss: Abitur nach Überspringen einer Klasse mit einem Notenschnitt von 1,4. „Ich ging immer gern zur Schule, wo meine Lieblingsfächer: Spanisch, Geschichte und Mathematik waren." Neben Tennis und Schule: Hockey, Geigenspiel, Ballett und Leichtathletik.

Wenn Annika von ihren ersten Erinnerungen an Tennis erzählt, funkeln ihre Augen wieder vor kindlicher Freude: „Ich weiß noch, das war bei einem Sommercamp beim HTC Schwarz Gelb in Bonn, da hab ich als kleine Fünfjährige zum ersten Mal Tennis gespielt. Ich weiß noch auf welchem Platz und mit wem. Den Schläger hab ich heute noch. Da waren nur kleine Kinder, und da existieren noch jede Menge Fotos von uns."

Dass Annika mit 18 Jahren einmal mit einem halben Dutzend Tennisschlägern im Gepäck in der Welt herumfliegen würde, hatte damals niemand gedacht, am wenigsten ihre Eltern, die mit Tennis wenig am Hut hatten und die sie nie gepusht haben. Und so sitzt sie jetzt im Melbourne Park bei den Australian Open und erklärt einem, wie es dazu kam. Zuerst einmal war sie im Vereinstraining, mit acht im Bezirkstraining und dann, mit ungefähr elf, im Verbandstraining. „Na ja, meine anderen Sachen, die ich neben Tennis machte, habe ich relativ spät, so mit 15, abgehängt, als ich merkte, das könnte mit Tennis was werden." Vor gut drei Jahren ist sie dann zu Robert Orlik gekommen, der sie seither in Kerpen trainiert, in einem Tennis-Stützpunkt, der mit der Akademie der Davidenko-Brüder zusammen arbeitet. „Die Trainingsbedingungen da sind super", sagt sie, „und von Bonn ist es ja auch nicht so weit weg."         

Annika Beck, das Mädchen, das viel Zeit ihrer Jugend dem Sport geopfert hat, sagt mit strahlenden Augen: „Ja, das fing im letzten Jahr im Sommer an, da ist der Groschen gefallen, als ich mit dem Junioren-Titel von Paris nach Hause fahren konnte." Warum dann dieser schnelle Aufstieg kam, ist auch klar. „Ich hatte plötzlich viel, viel mehr Selbstvertrauen in mein Spiel", sagt sie, „zum größten Teil aber war es harte Arbeit und Verbesserung der Schwächen meines Spiels, sowie eine weitere Perfektionierung mentaler Stärke gegenüber den anderen Spielerinnen."

Und woran arbeitet die nur knapp 1,70 Meter große Linkshänderin mit Robert Orlik besonders? „Am Aufschlag, gerade auch wegen meiner Körpergröße, und an einem aggressiveren und druckvolleren Spiel, indem ich meine Position zur Grundlinie hin verschiebe, um die Bälle früh zu nehmen." Dazu komme noch ein intensives Fitnessprogramm, so dass ich beim Training in der Akademie locker auf acht und mehr Stunden am Tag komme.   

Die Schinderei macht Annika Beck nichts aus. Sie sagt von sich: „Ich bin ehr

geizig, fleißig, diszipliniert und zielstrebig. Vielleicht sollte ich etwas mehr von mir überzeugt sein, das jedenfalls meint mein Umfeld." Sie könne Freude über Erfolge doch auch zeigen, das müsse ihr nicht unangenehm sein.

Aber so ist Annika Beck halt: bescheiden, sympathisch, natürlich - eben normal. Auch das Geld hat ihr nicht plötzlich den Kopf verdreht. Auf die Frage, wie viel Preisgeld sie im vergangenen Jahr erspielt habe, überlegt sie erst einmal und meint: „Ich schätze so 30 bis 40 Tausend." - Nicht doch, es sei mehr als doppelt so viel gewesen, genau 95.900 Dollar. - Da lacht sie sich kaputt: „Oh! Nee! Ach tatsächlich? So viel? Da bin ich überrascht. Ich guck' da nicht genau. Das Geld ist für mich nur zweitrangig und lenkt nur ab." - Wofür sie denn gern Geld ausgebe? - „Ich hab' dafür gar nicht so das Bedürfnis. Na ja, ich mach' gerade den Führerschein und muss dafür ein bisschen Geld ausgeben."

Einen Führerschein, weil Ihnen als Spielerin im Porsche-Talent-Team ein Sportwagen winkt? „Nee, nee", sagt Annika Beck, „soweit geht das mit Porsche nicht. Die finanzieren in den nächsten drei Jahren einen Teil meiner Reiseausgaben. Das ist eine Riesenunterstützung, gerade jetzt, da ich mehrere Wochen unterwegs bin. Außerdem krieg' ich noch Geld von meinen Sponsoren Nike und Prince."

Und was hat eine Annika Beck neben Tennisschlägern und Sportkleidung noch im Reisegepäck? „Ich hab' einen iPad dabei - ein Weihnachtsgeschenk - auch ein Handy, jede Menge Klamotten, aber auch sonst, was eine normale Frau so braucht: Schminke, Parfüm, ja und noch andere Beauty-Produkte", sagt sie kichernd und guckt mit ihren großen Augen in den blauen australischen Himmel. - Und was ist mit Büchern? „Hab' ich auch, für abends im Bett im Hotel. Ich höre zur Entspannung und Ablenkung auch gern Musik, bin gern mit anderen Spielern und Spielerinnen unterwegs und spiele gern Karten."
Nie an ein Studium gedacht? „Ich hab' anfangs überlegt, neben Tennis ein Fernstudium im Bereich Sportmedizin zu beginnen. Da das als Fernstudium nicht geht und Tennis so gut läuft, kann ich das auch noch später mal machen. Vielleicht mit 30 Jahren nach dem Tennis - da kann ja nicht einfach Schluss sein."

Das Ziel von Annika Beck, der jüngsten Spielerin in den Top 100 der WTA-Rangliste, ist natürlich, „mich weiter nach vorn zu spielen." Und wohin? „Ich setz' mir keine Ziele auf der Rangliste. Mein Ziel ist, dass ich mein Spiel verbessere, denn wenn man gut arbeitet, kommen die Ergebnisse von allein." So engagiert, wie Annika Beck alles macht, wird sie schnell in die Liga ihrer deutschen Konkurrentinnen Kerber, Görges, Lisicki und Barthel aufsteigen. Den Willen und Kampfgeist dafür hat das Nachwuchstalent. Auch das Zeug dazu. Und dazu auch noch Spaß an ihrem Job.

Ein normales Leben jedenfalls, wie die meisten ihrer Ex-Klassenkameradinnen, hat Annika Beck weiß Gott nicht. China, Australien, Thailand ihre Stationen gleich im neuen Jahr. Aber auch stressig. „Silvester in China war nicht. Da hab' ich geschlafen, weil ich am nächsten Tag spielen musste." Wenigstens hatte sie sich für die Langstreckenflüge die Business-Klasse gegönnt: „Auf Grund dessen, weil ich öfters körperliche Probleme auf langen Flügen hatte. Und jetzt mit dem Preisgeld kann man auch mal ein bisschen mehr für Reisen ausgeben."   

Und wie stellt Annika Beck sich die Zukunft vor? „Irgendwann möchte ich natürlich eine Familie haben und eine ganz normale Familienmutter sein. Ich sag' mir immer, lebe den Tag, denn es könnte der letzte sein, und sei glücklich, mit all den Sachen, die du machst."  Und Annika Beck war nach ihrem Sieg gegen Shvedova, einer gesetzte Spielerin bei den Australian Open, glücklich - sogar „überglücklich, weil der Sieg auch die Belohnung für meine Arbeit im letzten Jahr war." Kein Problem dann ihre Ausscheiden: „Das ist doch nicht schlimm, wenn man sonst zufrieden ist."

                                    Eberhard Pino Mueller

publiziert:  März 2013  -- DTZ Deutsche Tennis Zeitung

Annika Becks Lieblings-
-Musik: Pop, Jennifer Lopez, Lady Gaga
-Stadt: Paris mit den Champs Élysées
-Schlag:  meine Vorhand
-Turnier:  im Moment die French Open
-Tennisspieler:  Roger Federer
-Tennisspielerin:  Kim Clijsters
-Schauspieler:  Leonardo DiCaprio

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