denn der erfolgsverwöhnte Jugendliche bekam den Übergang nicht in den Griff. „Ich habe auch nicht alles für mein Tennis getan", gibt er offen zu.

Die Motivation für Tennis hat er aber nie verloren, obgleich er fast schon einmal eine Alternative für Tennis gesucht hat. „Tennis macht mir einfach Spaß", sagt der Familienvater, der mit seiner Freundin ein kleines Kind hat. „Ich muss für den Spaß und Erfolg aber auch Opfer bringen. Ich habe nicht genug Freizeit, bin wenig zu Hause und nur selten mit meinen Freunden zusammen."

Philipp Petzschner, von seinen Eltern streng und konservativ erzogen, nimmt das alles inzwischen in Kauf und hat sein Tennisleben neu geordnet. Er ist nach Köln gezogen und trainiert in Leverkusen mit Björn Phau, Dominik Meffert und dem Österreicher Alexander Peya. „Mein privates Umfeld und meine Trainer haben mir geholfen, mich wieder auf den rechten Weg zu bringen", sagt der Rechtshänder, der etwa 35 Wochen im Jahr auf Turnieren spielt, sich höchstens drei bis vier tennisfreie Wochen gönnt und dessen Stärken ein wuchtiger Aufschlag und eine knallharte Vorhand sind.

Und auf einmal, im Oktober 2008 in der Wiener Stadthalle, passierte etwas völlig Unerwartetes. Petzschner trat mal wieder als Qualifikant an, überrumpelte das ganze Feld und stand am Schlusstag des ATP-Turniers mit dem Siegerpokal und einem Scheck über 139.000 Euro da. „Das war ein unglaubliches Gefühl nach dem Matchball", schwärmte der überglückliche Tennisprofi, „Es ist ein absoluter Traum für mich. Ich habe erstmals einen Top-Ten-Spieler besiegt, habe gleich mein erstes Finale gewonnen und werde erstmals in meinem Leben zu den Top-Hundert gehören."

Der Sieg auf der ATP-Tour war wie eine Erlösung. „Endlich", sagt Petzschner erleichtert, „endlich hat es geklappt, worauf ich so lange hingearbeitet habe." Und er hofft, dass es dabei nicht bleibt. Sein nächstes sportliches Ziel sind die Top Fünfzig. Und dann träumt er noch „von einem Match gegen Roger Federer und davon, irgendwann für Deutschland im Davis-Cup-Finale zu spielen."

                                                           Eberhard Pino Mueller

publiziert: Dezember 2008   -  DTZ-Deutsche Tennis Zeitung


                Philipp Petzschner  -  Facts & Infos


Geburtstag, Ort:    24. 03. 1984  /  Bayreuth

Größe, Gewicht:    185 cm / 72 kg

Hobbys:   Golf, Fußball, Aktien

Sponsoren:  Nike (Schuhe, Kleidung), Prince (Schläger)

Trainer: Vater Uwe, Gebrüder Moraing, Klaus Eberhard,  Ulf Fischer, Patrick Kühnen,  Klaus Langenbach, Lars Übel

Weltrangliste:  Beste Platzierung Einzel 66 (17.11.2008),  Doppel 39 

Einzel-Titel:  2004 Deutscher Meister, 2007 Rennes (Challenger),          2008 Wien (ATP)

Doppel-Titel: 2002 Junioren French Open (mit Markus Bayer), 2004 - 2008: 13 Challenger-Titel:  Mönchengladbach, Eckental (3), Dresden, Mons/Belgien, Wolfsburg, Heilbronn, Besancon (2), Cardiff, Donetsk, Rennes, Aachen

Mannschaftstitel:  2008 Deutscher Meister  mit TK Kurhaus Lambertz Aachen                     

Doppelpartner:  Christopher Kas, Alexander Peya, Simon Stadler,                             Björn Phau, Alexander Waske, Philipp Kohlschreiber, Oliver Rochus             

Preisgeld:                690 389 $ ( gesamt  bis Dezember 2008 )


Philipp Petzschner  -  eine Karriere in Etappen

Wo anfangen beim Schreiben über den Tennisspieler Philipp Petzschner? Bei dem vierjährigen Knirps, als alles anfing? Den außergewöhnlichen Erfolgen in seiner Juniorenzeit? Den US Open 2007, mit Auftritten, die ihn zu einem Anwärter für das Davis-Cup-Team machten? Seinem ersten Einsatz für Deutschland gegen Russland im Davis Cup? Oder seinem großen Coup 2008 in Wien? Egal auch. Irgendwie musste alles genau so geschehen - alles zu seiner Zeit wie auch meistens im richtigen Leben.

Zum Beispiel Ende August 2007. Philipp Petzschner fliegt kurzentschlossen nach New York, weil er als 290ster auf der Weltrangliste gerade noch ins Feld der Qualifikanten bei den US Open gerutscht war. Er übersteht ohne Satzverlust die Qualifikation und ringt im Hauptfeld, nach einem 0:2 Satzrückstand, Benjamin Becker nieder. Eine mutige Entscheidung des Dreiundzwanzigjährigen damals, die sich lohnte. „Niemals", sagt Petzschner heute, „niemals werde ich das wunderbare Match und meinen ersten Sieg bei einem Grand-Slam-Turnier vergessen."   

Wunderbar auch sein nächstes Match vor 6.000 Zuschauern gegen Tommy Haas. Philipp Petzschner, der krasse Außenseiter, spielt beherzt auf und verlangt Tommy alles ab. „So viel Spaß habe ich auf dem Tennisplatz lange nicht gehabt", sagte der Qualifikant damals. „Es war eine Bombenstimmung, und ich habe mich gefragt, was Tommy wohl dachte, als die Leute, die eigentlich wegen ihm gekommen waren, mich angefeuert haben." Tommy nahm es gelassen und sagte voller Anerkennung zu „Petzsche" nach dem tollen Match: „Wenn du so weiter spielst, machst du deinen Weg."

Auch Patrik Kühnen, der Petzschners großartige Kämpfe in New York vor Ort gesehen hatte, war beeindruckt. Er holte ihn deshalb, wie schon einmal vor Jahren, als der damalige Davis-Cup-Kapitän Michael Stich den jungen, talentierten Bayreuther als Sparringspartner 2002 nach Zagreb mitgenommen hatte, in das deutsche Davis-Cup-Team, und setzte ihn auch gleich im Halbfinale 2007 gegen Russland in Moskau im Einzel und Doppel ein. „Für mich waren es die emotionalsten Matches als Tennisprofi", sagt Petzschner heute. Sein erfolgreiches Davis-Cup-Depüt im Doppel mit Alexander Waske mit dem Punktgewinn zur 2:1 Führung war perfekt. Das Spiel gegen Michail Juschny danach aber liegt ihm noch immer schwer im Magen: „Es war meine bitterste Niederlage."

Hin wie her - Philipp Petzschner, der sich für einen „freundlichen, humorvollen und gelassenen Gesellen" hält, ist ein Teamspieler, der mit seinen Freunden Christopher Kas oder Alexander Peya im Doppel auf der Challenger-Tour zahlreiche Turniere gewonnen hat. Ein exzellenter Doppelspieler war er schon als Jugendlicher. Für Klaus Eberhard, damals DTB-Bundestrainer, „der weltbeste seiner Altersklasse, egal mit welchem Partner." Petzschner, im Doppel die Nummer eins der Juniorenweltrangliste, stand seinerzeit aber auch im Einzel unter den Top zehn und galt als Spieler mit großer Zukunft.

Uwe Petzschner, Philipps Vater, hatte den Grundstein für die frühen Erfolge gelegt. Als Tennistrainer auf der eigenen Tennisanlage in der Nähe von Bayreuth. „Da fing alles an, als ich vier Jahre alt war", erzählt Petzschner. „Mein Vater hat mir alles beigebracht. Ich habe, bis ich vierzehn war, nur mit ihm trainiert."

Doch die großen Erfolge des Youngsters bei den Junior-Grand-Slams waren, als Petzschner bei den Profis einstieg, nichts mehr wert. Jugend- sei wie Hobbytennis, so Petzschner, „du kriegst zuerst alles bezahlt und plötzlich bist du aus der Schiene raus und allein in einer neuen Welt und Tennis auf einmal Beruf." Für Petzschner, der Ungeduld und Selbstzweifel zu seinen Schwächen zählt, ein Problem. Es begann eine schwere Zeit,

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