Andrea Petkovic hat aber inzwischen mit Hilfe von „Knaurs moderner Psychologie" gelernt, sich selbst zu analysieren und sich besser zu kontrollieren. „Mein Kopf", so die 20-Jährige, „stand mir oft im Weg, weil ich im Gegensatz zu einfacher gestrickten Spielerinnen auf dem Platz zu viel nachdachte." Und wenn es bei ihr im Kopf klickte, geriet sie außer Kontrolle, dann flog der Schläger, sie ballerte wild herum, und das Match war dahin. „Aber das krieg ich vielleicht auch noch in den Griff wie die Geschichte im letzten Jahr, als ich ziemlich krank geworden bin."

Es war nach den US Open. Sie war verletzt und fing an zu grübeln: „Wie kann ich es schaffen, unter die ersten Fünfzig zu kommen, um nicht aufhören zu müssen, sonst bin ich doch die größte Kröte, die rumläuft." Die Krankheit hat sich aber schnell gelegt, als die Darmstädterin begriff, dass sie ja gar nicht aufhören muss, wenn sie nicht will. „Ich bin überzeugt, dass ich psychosomatisch krank war, weil ich mich selbst verrückt gemacht habe, und dass mir das Buch geholfen hat, die Zusammenhänge zwischen Körper und Geist besser zu verstehen."

Mit ihrem Körper - „ich habe eigentlich Kraft wie ein Bär, kann fest zuschlagen und mache, seitdem ich ein bisschen professioneller geworden bin, sogar Krafttraining" - war soweit alles okay - solange bis Petkovic schon nach zwei Minuten bei den Australian Open gegen Anna Tschakwetadse zum ersten Mal in ihrer Karriere aufgeben musste.

Stunden später, nachdem die Ärzte im Krankenhaus einen Kreuzbandriss festgestellt hatten, erzählt sie mit Tränen in den Augen, wie es passiert war. „Ich war unheimlich nervös, habe gezittert und mich in der riesigen Arena vor so viel Publikum gefühlt, als wäre das gar nicht ich. Es war alles so unrealistisch - na ja auch nicht gerade so lang." Und schon lacht sie wieder und flachst: „Jetzt gibt's halt sexy Thrombose-Strümpfe und vielleicht auf dem Rückflug einen bequemen Platz in der Business-Klasse."

Andrea Petkovic wird nun in der Pause nach der Operation nicht herumsitzen. „Ich werde vielleicht schon mal mit einem Studium anfangen oder ein bisschen mehr schreiben oder die Zeit für ein Praktikum nutzen." Sie hofft, bald wieder fit zu sein. Ihr Ziel müsse sie jetzt aber um ein Jahr verschieben. Tennis ist aber noch immer, „das was ich machen will, doch wenn ich merke, ich habe keinen Spaß oder komme nicht nach vorn, dann studiere ich Politologie. Ich will richtig in die Politik, kann mich aber noch für keine Partei entscheiden. Oder ich mache etwas mit Journalismus. Am liebsten würde ich dann für den
SPIEGEL schreiben. Und irgendwann werde ich ein Buch schreiben - das ist mein Lebensziel."
                                                                         
publiziert:   März 2008  DTZ                     Eberhard Pino Mueller

Andrea Petkovic über…
Schule: Ich habe ein sehr gutes Gedächtnis und kann mir alles leicht merken, war aber eher faul. Ich konnte mich auf die Lehrer einstellen und wusste, was ich machen muss, um gute Noten zu kriegen. Müsste eigentlich auch mehr bei meinem Tennis taktieren und tu es nicht. (lacht)
Eltern: Sie kamen vor dem Krieg von Serbien nach Deutschland, weil mein Vater da Tennis spielte. Vom Krieg überrascht, sind sie dann damals gleich da geblieben.
Traumurlaub:  Eine Reise durch Südamerika. Vielleicht deshalb, weil ich gerade ein Biographie über Che Guevara gelesen habe.
Discos:  Dafür bin ich immer zu haben. Na ja bei Turnieren nicht mehr. Ich bin doch ein bisschen professioneller geworden. 
Shopping:  Gehe einkaufen, hasse es aber mehr oder weniger und kaufe mehr aus Frust heraus was ein.
Aberlaube:  Ich bin sehr abergläubisch. Ich nehme bei Turnieren die gleiche Dusche, trinke beim Seitenwechsel drei mal neun Schluck, stelle meine beiden Trinkflaschen parallel auf und ziehe meine Tennis-Klamotten bei Turnieren immer in der gleichen Reihenfolge wieder an.
Bücher:  Ich lese gern. Gerade ‚Sofies Welt', die Geschichte der Philosophie und von John Irwing ‚Gottes Werk und Teufels Beitrag'. Meist lese ich einen Roman neben einem Sachbuch.

Andrea Petkovic

Tennis ist nicht alles

Dass Andrea einmal eine gute Tennisspielerin werden würde, war eigentlich klar. Bei dem Vater. Denn Herr Petkovic war einmal Davis-Cup-Spieler in Jugoslawien. Im Falle Andrea Petkovic allerdings ist die Geschichte deshalb eine besondere, weil der Papa seine Tochter, die er schon in jungen Jahren zu einer hervorragenden Spielerin aufgebaut hatte, nach der Schule lieber auf die Uni geschickt hätte. „Er wollte", sagt Andrea Petkovic, „dass ich studiere und nicht Tennis, sondern etwas Richtiges mache."

Warum sollte sich seine Andrea auf Tennisplätzen quälen? Eine, die am liebsten Goethe liest, die die elfte Klasse übersprungen und das Abitur mit einem Einser-Schnitt auf der Georg Büchner Schule in Darmstadt gemacht hatte. Die also ein Studium leicht geschafft und alle Möglichkeiten gehabt hätte, es beruflich weit zu bringen.

Andrea Petkovic war dann auch in einer richtigen Zwickmühle. Das Profi-Tennis reizte sie, aber auch die Uni. Da traf sie eine ungewöhnliche Entscheidung: Tennis als Experiment. „Wenn ich in zwei Jahren nicht in der Nähe der Top 50 stehe", sagte sie nach ihrem Abitur, „höre ich auf. Eine Position um die Hundert ist auf Dauer Zeitverschwendung."

Ein ehrgeiziges Vorhaben für eine deutsche Jugendmeisterin. Aber so oder ähnlich beginnen viele Tennismärchen. Und tatsächlich, sie kletterte in eineinhalb Jahren von Platz 376 unter die Top 100 - in eine neue Tennis-Welt mit allerlei Erlebnissen, über die sie seither ein amüsantes Tagebuch mit viel Selbstironie für die F.A.Z. schreibt.

Andrea Petcovic ist anders. Und weil Tennis nicht ihr Allerheiligstes ist, sieht sie auch die Problematik im Sport. So schrieb sie: „Man reist um die Welt, macht das Hobby zum Beruf und verdient auch noch Geld - was aber, wenn man alleine reist, das Hobby zum normalen Job wird und das Geld gerade mal zum Leben reicht, aber nicht für später?" Wer neben Tennis noch andere Interessen hat und sich weitere Ziele steckt, sieht den Sport aus einer anderen Perspektive. Und wie Petkovic auch nicht so verbissen. 

Ein Beispiel: Paris, French Open 2007. Andrea Petkovic übersteht bei ihrem ersten Grand Slam-Turnier nach drei Runden Quali und auch noch die erste im Hauptfeld und sitzt plötzlich im Medienzentrum vor Journalisten. Der Frischling plaudert locker und quietschvergnügt über sein Tennisleben auf Probe mit dem Zwei-Jahre-Ultimatum. Für Petkovic viel cooler aber war, als ein Typ hereinkam und sich zu den Journalisten setzte - Marcos Baghdatis, einer der Großen der Tennistour, der wegen ihr auf seinen Presseauftritt warten musste.

Oder Biberach, Deutsche Tennismeisterschaften 2007. Andrea Petkovic baggert in jeder Runde über drei Sätze und holt den Titel. Auch noch den im Mixed mit Lars Übel. Überraschend. Denn, so schrieb sie in ihr Tagebuch: „Ich ging nicht nach Spielstärke, sondern nach Aussehen und Unterhaltungswert."

Typisch Petkovic. Sie verhält sich, obwohl hoch intelligent, manchmal unvernünftig und unprofessionell. Ganz offen spricht sie auch über ihre guten und schlechten Eigenschaften. „Ich bin immer positiv, humorvoll und meistens gut gelaunt. Versuche auch lustig zu sein, was aber nicht immer ankommt. Und wenn mich jemand stört oder nervt oder meine eigene Meinung nicht gut findet, werde ich oft laut und aggressiv, manchmal sogar radikal und ausfallend und mache die andern dumm an." „Schon als Kind wollte ich manchmal mit dem Kopf durch die Wand", erzählt sie schmunzelnd,  „und wenn ich meinen kleinen Dickkopf hatte und meine Eltern sauer waren, riefen sie mich nicht mehr Andy sondern ‚Andrejaaa' mit rollendem R."

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