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Nicolas Kiefer

„Wer nicht kämpft, hat schon verloren."


Am Wohlsten fühlt er sich, wenn er den Obercoolen spielt. Wenn er unrasiert, mit schwarzer, verkehrt herum aufgesetzter Baseballmütze und finsterer Miene wie zu einer Beerdigung daherlatscht, sich wie jetzt bei den US Open in New York vor der Presse im Interviewraum lässig auf einen Stuhl haut und gelangweilt, scheinbar abwesend, dreinschaut - cool eben.

Nicolas Kiefer, Mister Cool, ist aber dennoch hellwach, intelligent und meistens freundlich. Vor allem - er hat immer eine eigene Meinung, die er oft mit verschmitztem Grinsen, mal witzig, mal trocken, aber auch zynisch, wenn er genervt ist, sagt.

Nicolas Kiefer ist kein einfacher Typ. Will er auch nicht sein. Er erinnert ein bisschen an Ivan Lendl - einen Individualisten und Perfektionisten, der mit seinen Ego-Macken aneckte und bei dem man nie wusste, ob er gut oder schlecht drauf war. Nicolas Kiefer, immer in zu ihm passenden schwarz-weißen Klamotten, kultiviert und genießt sein Coolsein: „Cool aussehen, cool spielen und den letzten Punkt machen", das ist seine Maxime.

Aber das ist nur die eine Seite von Nicolas Kiefer, denn er hat auf dem Platz viele Gesichter. Einmal, nach einem Match in Paris, sagte er: „Heute waren zehn Kiwis auf dem Platz - der Gute, der Böse, der Aggressive, der Brave, auch der komplett Verrückte. Ich bin fast explodiert, mein Adrenalin hat gekocht!" Oder Kiefer bei den Australian Open 2005: „Mein Tennis hat mich schon viele Nerven gekostet. Ich habe dabei schon viel Frust gehabt und viele Schläger zertrümmert. Aber der Frust muss raus."

Natürlich steht einer, der schon als Jugendlicher ein großes Talent war und die Juniorentitel bei den US und Australian Open holte und im Wimbledon-Juniorenfinale stand, unter großem Erfolgsdruck. Und so flippte er oft aus, wenn es auf dem Platz nicht gut lief. Er war dann alles andere als cool. „Er kämpft bis zuletzt und ist wie ich ein Tennisverrückter", beschrieb ihn einmal Boris Becker.

Ein bisschen verrückt obendrein, wie sehr Kiefer bestimmte Rituale und magischen Firlefanz für sein Tennis braucht. Die meisten Tennisprofis haben irgendwelche Marotten - Kiefer jedoch, extrem abergläubisch, hat deren viele. Er tippt mit dem Schlägerkopf auf die Linien an den Ecken des Platzes. Er will oft den Ball vom Balljungen wieder haben, mit dem er gerade den Punkt gemacht hatte. Er benutzt die gleiche Dusche und Toilette nach dem Spiel, auch wenn er darauf warten muss, weil sie belegt sind. Er geht jeden Abend ins gleiche Lokal zum Essen und trägt immer ein Magnet-Amulett um den Hals, von dem Energie ausgehen soll, weil das auch die alten Ägypter und Chinesen geglaubt haben.   

Kiefers Tenniskarriere war ein Auf und Ab. „Nico", schwärmte einst der Weltklasse-Tennisspieler und Ex-DTB Coach Karl Meiler, „ist ein unglaubliches Talent mit viel Ballgefühl und einem starken Kopf. Er muss nur richtig geführt werden."

Richtig führen, das war nicht einfach bei Kiefer, der wie kaum ein anderer Tennisprofi die Trainer wechselte - angefangen im DTB-Leistungszentrum Hannover, über das Mercedes Team bis zu Sascha Nensel, mit dem er gerade zusammen arbeitet. Peter Pfannkoch, Harald Neuner, Klaus Hofsäss, Klaus Langenbach, Bob Brett, Sven Groenefeld, Thomas Hogstedt, Tho


mas Dappers und Sascha Nensel stehen auf seiner Liste. „Ich habe", meint Kiefer lapidar dazu, „allen gut zugehört und von jedem gelernt."

Mit Sascha Nensel, einem Freund aus früheren Jahren, kommt er seit Ende 2005 bestens zurecht „Wir passen halt gut zusammen", sagt Kiefer, „Sascha ist wie ich ein Arbeiter. Er motiviert mich, und wir machen vom Fitness, Laufen über Gym und Tennis alles gemeinsam."

Von sich sagt Kiefer: „Ich bin diszipliniert, zielstrebig, ehrgeizig und fleißig. Ich glaube an mein Potential. Ich habe das immer gesagt, auch als ich kritisiert wurde und manche Besserwisser mich abschreiben wollten. Und auch jetzt will ich noch einmal alles aus mir herausholen." Der bitterste Sieg seiner Karriere, 2006 das Match über fünf Sätze gegen Marc Gicquel in Paris, als er unglücklich auf die Hand fiel, ist inzwischen kein Trauma mehr. „Der Sturz", so der Hannoveraner, „hat mich zwar ein Jahr auf der Tour gekostet. Doch ich verspreche meinen Fans, dass ich dieses verlorene Jahr am Ende meiner Karriere anhängen werde."

Mit Verletzungen musste sich der inzwischen 30-Jährige oft herumschlagen. Schon 1999, in seinem besten Jahr, hätte er beinahe wegen einer Fußverletzung das ATP-Finale in seiner Heimatstadt Hannover verpasst. Im März 2000, als Viertbester der Weltrangliste, und Ende 2000 warfen ihn weitere Fußverletzungen zurück. Und im Juli 2007 musste er in Los Angeles das Halbfinale wegen Knieproblemen absagen.

Kiefer hat alle Rückschläge immer weggesteckt und ist nach Verletzungen oft stärker als zuvor zurückgekommen. „Ich bin ein Kämpfer", sagt er, „mit dem Lebensmotto: Wer nicht kämpft, hat schon verloren." Obwohl er auch gern Fußballprofi - aber nur bei seinem Lieblingsverein Hannover - geworden wäre und auch schon mal bei RTL die Musiksendung „Top of the Pops" moderiert und danach von einem Traumjob geschwärmt hatte, sagt er heute: „Ich bin reifer und erfahrener geworden. Wichtig im Leben ist, dass ich weiß, was ich will. Und ich weiß jetzt, dass Tennis mein absoluter Traumberuf ist."

Mit Zuversicht und voller Ehrgeiz will Kiefer in seiner Karriere noch einmal Gas geben. Mindestens bis zu den Olympischen Spielen 2012! Und er will auch wieder unter die Top zehn kommen! Realistisch? Roger Federer jedenfalls, der mit Kiefer am Rande der US Open trainiert hatte, meinte voll Respekt zu Kiwi: „Wenn du so spielst, bist du bald wieder oben." - und die Nummer eins der Welt versteht etwas von Tennis.

                                                   
Eberhard Pino Mueller

publiziert:  Oktober 2007  DTZ -  Deutsche Tennis Zeitung


Nicolas Kiefers Karriere:

Silbermedaille im Olympischen Doppel in Athen 2004 (mit Rainer Schüttler)
Mannschafts-Weltmeister beim World Team Cup in Düsseldorf 1998 und 2005
sechs Einzeltitel (1997:Toulouse; 1999: Tokyo, Halle, Tashkent; 2000: Dubai, Hong Kong), drei Doppeltitel (1998: Ostrava; 2002: Los Angeles; 2003: Tokio) und zwölfmal Finalist auf der ATP-Tour. Halbfinale Australian Open 2006. Bester Platz auf der Weltrangliste: No 4

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