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Tommy Haas

Alles drin ?

Er war nicht wie sonst immer. Tommy Haas ist irgendwie anders gewesen nach seinem Sieg gegen den Russen Davydenko in Melbourne. In der Pressekonferenz vor den Kameras und Journalisten aus aller Welt.

Geduldig ist er dagesessen und hat Dinge aus seinem Innern preisgegeben. Hat gesagt, dass solche Spiele wie heute ihm viel mehr bedeuten als acht Jahre früher - damals, nur zur Erinnerung, gerade mal zwanzig Jahre alt, hatte er sich hier auch ins Halbfinale gespielt. Hat erzählt, dass in seiner Karriere Dinge passiert sind, die viele Spieler nicht durchgestanden hätten. Der Motorradunfall seiner Eltern auf Leben oder Tod oder die zwei Schulteroperationen mit einer Zwangspause von 15 Monaten, als er nicht gewusst hat, ob er jemals wieder richtig Tennis spielen können wird. Würde ihm das jetzt passieren, wäre alles vorbei. Besser also mit 24, 25. Er müsse das also positiv sehen. Hat auch noch gemeint, dass er reifer ist und glücklich darüber, zu wissen, wo er stehe. Und wenn er keine Verletzungen kriege, er sein Spiel in den nächsten Jahren verbessern und mit Tennis noch viel Spaß haben könne. 

Wenig später, draußen, in den Katakomben der riesigen Rod Laver Arena, war Patrik Kühnen, der deutsche Davis Cup-Teamchef, von Tommys Kampf noch hin und weg. „Wie Tommy zurückkam, als er fast schon aufgeben wollte - einfach toll. Und wie er gespielt hat! Was für ein Tennis! Vielleicht war dies das wichtigste Match seiner Karriere. Denn so, nur so kann man ein Grand Slam-Turnier gewinnen."

Und das ist Tommys Traum - heute wie schon als Stöpsel mit neun Jahren. Er quält sich dafür im Training und kämpft wie gegen Davydenko bis zum Umfallen auf dem Platz. Anders als früher, als er sich oft schnell aufgab, wenn das Match nicht so lief, wie er wollte. Er mit sich und allem ringsum gehadert hat und vor lauter Frust nicht mehr sein Tennis spielen konnte. Sein Kopf nicht mitspielte, weil seine Gedanken überall waren, nur nicht beim Spiel. Er sich, nur auf sein Talent vertrauend, nicht schinden wollte und körperlich nicht richtig fit war. Alles Dinge, gegen die er schon früher hätte etwas tun müssen. Wie Roger Federer, der auch die Schläger geschmissen hat, den Kopf hängen ließ und frustriert auf dem Platz herumstampfte. Der aber aus den Fehlern gelernt hat und ein anderer Spieler wurde - und was für einer. 

Irgendwie ist Tommy tatsächlich nicht mehr wie früher. Anders vielleicht wegen Thomas Hogstedt, der ihn seit einem Jahr betreut. Der ruhige Schwede, einer der Toptrainer auf der Tour, hat Einfluss auf Tommy. Keine leichte Aufgabe. „Tommy", sagt Sven Groenefeld, der vor Jahren einmal mit Haas ein paar





Monate zusammengearbeitet hatte, „hat ein großes Ego und kämpft immer gegen alles und jeden, auch sich selbst. Er braucht aber eine positive Einstellung, denn dann haben es seine Gegner verdammt schwer."

Auch Hogstedt weiß das und versucht, aus Tommy das Letzte herauszuholen. „Es ist nicht schlecht", so Hogstedt, „dass Tommy schnell mal unter Strom steht, solange er dabei positiv bleibt. Er braucht das." Im Match gegen Davydenko geriet Tommy, als er sich in einer Pause übel beschimpfte, außer Kontrolle. Doch nur scheinbar, denn bevor er das Spiel wieder aufnahm, feuerte er sich mit „komm' - du gewinnst das" selbst wieder an.

Und doch -  nicht nur in ein Halbfinale zu kommen, nein, ein Grand Slam-Finale zu gewinnen, ist Tommys Ehrgeiz. Aber darauf scheint Roger Federer abonniert zu sein. Aber warum eigentlich, es kann ihm doch mal einer ein Bein stellen? Warum nicht ein Gonzales? Auch er kann unmenschlich gut Tennis spielen, wie im Halbfinale in Melbourne gegen Tommy, als er mit 42 Gewinnschlägen und nur drei unnötigen Fehlern gewann. So, und nicht mit 17 leichten Fehlern allein im ersten Satz, hätte das Endspiel der Australian Open auch für den Chilenen ausgehen können. Warum nicht demnächst eines der jungen Talente - ein Murray, Djokovic, Gasquet, Del Porto, Koroley oder wieder Nadal?

Und warum eigentlich nicht Tommy Haas? Zu alt ist er mit 28 dafür noch nicht. Auch Sampras, Agassi, Ivanisevic, Korda, Gomez, Laver und Rosewall haben mit 30 und mehr Jahren das noch geschafft. Einem Tommy Haas, der es mit seinem Coach nach einigen verlorenen Jahren noch einmal wissen will, ist das zuzutrauen. „In Tommy brennt etwas", sagt Hogstedt, „er ist hungrig und voll Energie. Seine Fitness und Form ist beeindruckend und seine Einstellung und Motivation wird immer besser."

Wer Roger Federer schlagen will, muss aber erst einmal die als brutale Wahrheit verbreitete Meinung, der Schweizer sei unbesiegbar, aus dem Kopf kriegen. Es wird passieren. Keiner ist unschlagbar. „Und Tommy", sagt Patrik Kühnen, „gehört zu dem Kreis von Spielern, die, wenn alles passt, ein Grand Slam-Turnier gewinnen können." Auch Hogstedt sieht das so.
„Wenn er so weitermacht und gesund und motiviert bleibt, hat Tommy noch zwei, drei vielleicht auch vier Jahre. Ich bin sicher, er wird dann noch ein großes Ding reißen."

Es wäre schade, wenn Tommys Karriere, die eines so guten Spielers, ohne einen Sieg für die Geschichtsbücher im Tennis zu Ende ginge, und Tommy Haas, der Modell-Athlet mit Hollywood-Sexappeal, den Tennisplatz nicht wenigstens einmal zu seiner ganz großen Bühne machen würde.

                                           
Eberhard Pino Mueller

publiziert:  Juni 2007   DTZ -  Deutsche Tennis Zeitung


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