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Florian Mayer, der Aufsteiger

Natürlich, nett und normal



Es begann in Melbourne 2004. Florian Mayer hatte sich über die Qualifikation einen Platz für die Australian Open erkämpft. Irgendwie dann schon ein bisschen schicksalhaft, was folgte. Der lange, schlaksige, junge Kerl gewann gleich sein erstes Match bei seinem ersten Grand Slam-Turnier. Doch dann, vor lauter Muffensausen, kriegt Florian Mayer, obwohl er gegen Nalbandian gut mitspielte, nur vier Spiele in drei Sätzen ab.

Drei Monate später. Paris. Roland Garros. Roter Sand. Der Lieblingsbelag von Florian Mayer. Und Flo, wie seine Freunde zu ihm sagen, war richtig heiß auf sein zweites Grand Slam-Turnier. „Der gute Start im Jahr", sagt er, „hat mir viel Selbstvertrauen gegeben. Ich habe gemerkt, dass ich gegen Top-100-Spieler gewinnen kann." Denn Florian Mayer war nicht mehr nur auf der Challenger Tour, sondern auch bei ATP-Turnieren erfolgreich gewesen.

Mit Fernando Gonzales, an 16 bei den French Open gesetzt, machte Florian Mayer kurzen Prozess. Einer wie Mayer ist dem Kraftprotz aus Chile wohl noch nie untergekommen. Den hatte das unorthodoxe Spiel des Deutschen, der aus allen Lagen ansatzlose Stoppbälle zauberte und mit seiner hoch eingesprungene Rückhand Druck machte, total verblüfft. „Ich weiß", sagt Florian Mayer, „die Spieler dachten anfangs, ich wolle sie veräppeln. Aber ich habe immer so gespielt."

Zwei Wochen später. Wimbledon. Rasentennis. Eine völlig neue Erfahrung für Florian Mayer, der außerdem zum ersten Mal für ein Grand Slam-Turnier direkt qualifiziert war. Und er spielte sich, unbeirrt wie ein alter Hase, bis ins Viertelfinale. Eine kleine Sensation. Die Tennisfans liebten den coolen Neuling mit dem eigenen Stil, der die Gegner oft nicht gut aussehen ließ.

„Klar doch", erzählt Florian Mayer, „ich bekam nach Wimbledon viele Autogrammkarten-wünsche." Auch persönliche Briefe? „Na ja", sagt er fast etwas verlegen, „sie schrieben auch, dass ich ein guter Typ sei oder sie mein Auftreten im Fernsehen gut fänden und solche Sachen eben."

Zwei Monate später. New York. US Open, das Sportereignis mit dem weltweit höchsten Preisgeld. Florian Mayer ist einer von 128 Spielern mit dem Wunschtraum, hier mit einem Grand Slam-Sieg Tennisgeschichte zu schreiben. Dabei war für ihn vor neun Monaten schon das Überstehen der Qualifikation ein Traumziel gewesen. Doch in der zweiten Runde gleich ein dicker Brocken. Andre Agassi, der schon alle Grand Slam-Turniere und auch hier schon zweimal gewonnen hatte. Florian Mayer spielte, ohne Respekt und trotz Problemen im Oberschenkel,  groß auf,











bis es  nicht  mehr  ging und er aufgeben musste. „Es war eng", so Florian Mayer hinterher, „trotz meiner Behinderung. Sehr schade! Ich hätte auch gewinnen können."

Florian Mayer hatte in einem Jahr einen der größten Sprünge aller Zeiten geschafft. Von 254 auf 35 der Weltrangliste. Auch wurden seine Erfolge mit einem Preisgeld von mehr als 400.000 Dollar belohnt. Nicht dass der junge Mann jetzt auf den Putz gehauen hätte. „Mit Geld", sagt er, „kann ich umgehen. Ich bin sparsam und würde nie damit angeben."

Mayers Tennisleben hat sich natürlich total verändert. Er selbst aber nicht. „Es war ein Superjahr", sagt er, „ich bin aber auf dem Boden und noch immer der gleiche Mensch und ganz normal geblieben." Stimmt. Florian Mayer ist ein netter Kerl, freundlich zu den Fans und im Leistungszentrum Oberhaching noch immer der gleiche Kumpel. „Zu früher", sagt er, „hat sich da nichts geändert. Wir motivieren uns gegenseitig wie immer in freundschaftlicher Konkurrenz. Ist doch etwas Positives." Und selbst nach Niederlagen, die ihn natürlich wurmen, lässt er einen nicht stehen. „Passt schon", sagte er auf bayrische Art und Weise, und ließ unsere Verabredung nicht sausen.

In Bayreuth ging Florian Mayer zur Schule. Bis zur zehnten Klasse. „Nach der mittleren Reife", erzählt er, „hab' ich mich entschieden, aufzuhören. Denn beides, Schule und Tennis,  geht nicht zusammen. Ich hab' mir das gut überlegt und den Profischritt mit meinen Eltern besprochen und bin nach Oberhaching gezogen." 

Eine gute Entscheidung. Und was hat er in seinem Superjahr gelernt? „Dass ich mich auf Erfolgen nicht ausruhen darf und nach wie vor sehr hart arbeiten muss, um dranzubleiben. Denn Tennis ist ein hartes Geschäft, da kriegst du nichts geschenkt." Er weiß natürlich, die Erwartungen sind hoch, und es müssen die Ranglistenpunkte des Vorjahres verteidigt werden. Auch hatte das neue Jahr, wegen gesundheitlicher Probleme, nicht gut angefangen. 

„Ich fühle etwas Druck", gesteht er, „Druck von außerhalb, nicht von mir selbst, denn ich weiß, ich kann mich noch verbessern." Wie weit denn noch auf der Weltrangliste? „Na gut, mein Ziel ist, irgendwann mal in die Top-10 zu kommen. Ich wäre allerdings schon ein bisschen enttäuscht, wenn ich mich unter den Top-50 nicht halten könnte."

Einer wie Florian Mayer wird sich dafür voll reinhängen. Denn typisch Mayer: „Null Bock auf Tennis kenn' ich nicht. Ich liebe Tennis und will auf jeden Fall noch viele Jahre spielen, weil mir das total viel Spaß macht."


                                            Eberhard Pino Mueller

publiziert:  Juni 2005  DTZ -  Deutsche Tennis Zeitung

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