ZURÜCK ZUR HOMEPAGE



Für Kohlschreiber ist Tennis, vor allem wegen der Turniere, ein toller Beruf. Er hat sich nach Weihnachten und der Winterpause richtig darauf gefreut, dass es endlich wieder losgeht in Australien. Es reizt ihn, im Wettkampf eine Leistung wie im Training zu bringen. Das treibt ihn an. Auch der Ehrgeiz, nach vorn zu kommen. Natürlich auch das Preisgeld. Aber mehr noch, zu gewinnen. Das sei für ihn das schönste Gefühl.

Bei den Australian Open hatte er dieses Gefühl. Ein paar Mal. Einmalig die Atmosphäre bei seinem Match gegen Andy Roddick. Nicht mehr auf Platz 24. Ein Traum für ihn, bei so einem Turnier vor 10.000 Tennisfans in einem proppevollen Stadion zu spielen. Erst unter den letzten Sechzehn war Schluss. Eine Überraschung? Nicht für Kohlschreiber. „Von mir wurde doch schon länger was erwartet. Meine Entwicklung dauerte aber länger. Ich zeigte oft Schwäche auf dem Platz, war nicht abgebrüht und habe so die Gegner aufgebaut. Das musste ich abstellen. Meine Schläge sind gut. Ich glaube schon, dass ich inzwischen ein guter Spieler bin und brauche mich nicht zu verstecken."

Natürlich hatte ihn auch angestachelt, wie Florian Mayer, sein Trainingspartner in München, im vergangenen Jahr zugeschlagen hatte. Dabei war Kohlschreibers Jahr so schlecht nicht. 117 Plätze hatte er gut gemacht und war bis auf Platz 82 der Weltrangliste vorgerückt. „Erfolg kann plötzlich kommen", sagt Kohlschreiber, „warum nicht auch bei mir. Florian hat es geschafft, jetzt will ich nicht nur Mitläufer sein. Ich denke sehr positiv, kann in diesem Jahr noch einiges drauflegen, ich hab' ja meine Möglichkeiten noch nicht ausgeschöpft."

Großer Wettkampf. Großer Schritt. In Melbourne.  Und was jetzt? „Darauf aufbauen", sagt sein Trainer Michael Geserer, „für mich war Philipp gegen Andy Roddick, die Nummer zwei der Welt, von der Grundlinie ebenbürtig, jedenfalls zwei Sätze lang. Das muss Philipp doch viel Auftrieb geben."

publiziertMärz 2005  DTZ       Eberhard Pino Mueller



Philipp Kohlschreiber über…


das Bayrische Leistungszentrum
:  Hier wird in Deutschland der beste Nachwuchs produziert.
Andy Roddick: Ich frag' ihn mal, ob ich mit ihm trainieren kann. Ich kann dann vielleicht herausfinden, was man gegen seinen Aufschlag machen muss.
seine Australian Open-Erfahrungen : Ich hab' nicht viel gelernt. Ich habe schon alles gewusst.
seine Berufskollegen: Die sagen hoffentlich jetzt: „hee, der Junge hat was drauf", und  haben ein bisschen mehr Respekt vor mir.
Roger Federer: Alle sind irgendwie machbar, nur Federer nicht. Der ist gerade einfach zu gut.
sich: Ich finde, ich bin ein cooler Typ..
seinen Lieblingsschlag: Die Rückhand der Linie entlang, weil sie am Schönsten aus schaut.
seine gefährlichste Waffe: Die Vorhand, weil ich damit viele meiner Punkte vorbereite.
Beinarbeit: Gute Schläge haben viel mit der Beinarbeit zu tun. Sie kommen, wenn man da nicht schlampt.
Vorbilder: Hab' ich keine. Stich und Becker haben mir als Persönlichkeiten gefallen, weil sie den Tennissport in Deutschland geprägt haben.
Starrummel: Ich will nur super Tennis spielen, nicht berühmt sein. Das Leben, wo ich herkomme, würde ich vermissen.
Dopingkontrollen: Ich mach' in den Becher rein und höre und sehe nie, was damit passiert.
Unterstützung: Die Verbände zahlen das Training und den Coach. Meine Flüge, die Hotels, das Essen und alles andere zahle ich selbst. Das ist okay. Irgendwas muss ich ja auch übernehmen.
seine Sponsoren: Ich habe zwei. Adidas für Kleidung. Wilson für Schläger und Saiten. Reicht doch, mehr brauche ich nicht.
seine Hobbys: Ich fahr' gern Auto und schwimme gern. Auch spiel' ich gern mit unseren drei Hunden.

Philipp Eberhard Hermann Kohlschreiber:


„Ich brauche mich nicht zu verstecken."

Kein Wölkchen. Kein Lüftchen. Die Sonne brennt vom Himmel herunter. Neben dem Schiedsrichterstuhl auf Platz 24, dem hintersten im Melbourne Park, sitzt ein junger Mann und wischt sich den Schweiß ab. Es ist Philipp Kohlschreiber nach seinem Sieg in der ersten Runde bei den Australian Open. Zufrieden und locker drauf  scherzt er mit den Kids hinter der Absperrung. Sie wollen das Australian Open-Handtuch. Geht nicht, gehört ihm nicht. Also,  dann sein Hemd oder die Schuhe oder einen seiner Schläger. Egal was. Sie kriegen seine Schweißbänder und sind happy.

„Toll, die Leute hier", sagt Kohlschreiber beim Weggehen. „Du denkst, zu dir, bis Platz 24, verirrt sich keiner und dann ist hier richtig Stimmung und alles voll." Das hier  war aber gar nichts. Es sollte für ihn noch ganz anders kommen.

Kohlschreiber kam nach Melbourne, weil er nicht, wie bei den US Open im vergangenen Jahr, durch die Qualifikation musste. Er wollte bei seinem dritten Grand Slam-Turnier auch wieder eine oder diesmal besser zwei Runden gewinnen. Um bei den großen Turnieren mitspielen zu können, hatte er hart im Leistungszentrum Oberhaching trainiert. Seit fünf Jahren.

„Es war so", erzählt der Einundzwanzigjährige, „die Schule machte mir überhaupt keinen Spaß. Ich war auch zu faul zum Lernen, und alle meinten, du bist gut im Tennis, mach' da weiter. Da hab' ich mir gesagt, du hörst nach der zehnten Klasse auf, dann hast du die mittlere Reife und machst nur noch voll auf Tennisprofi."

Er packte dann auch seine Sachen, zog daheim aus und nahm sich ein Zimmer im Leistungszentrum des Bayrischen Tennisverbandes. „Und das war", so Kohlschreiber, „bis jetzt eine gute Entscheidung." Die Rahmenbedingungen sind super für Spieler, die eine Profikarriere einschlagen wollen. Es gibt alles: Frei- und Hallenplätze, Kraftraum, Mehrzweckhalle, Massageabteilung, Sportplatz, medizinische Betreuung, Toptrainer, Physiotherapeuten und gute Trainingspartner. Kohlschreiber weiß das zu schätzen. „Ich wurde super unterstützt und von klein auf gefördert. Und sie haben dich, auch wenn es mal nicht voran ging oder du verloren hast, nicht gleich fallen lassen."

Du schuftest also mit dem Ziel, auf die Tennistour zu kommen. Morgens zwei Stunden Tennis, dann eine Pause, dann eine Stunde Konditionstraining, dann wieder eine Einheit Tennis. Mal Matchtraining, mal mit den Trainern. Jahrelang. Dennoch, Kohlschreiber liebt Tennis. Er mag seinen Job. Fast immer. Er denkt natürlich, wenn die Sonne richtig runterknallt: Was mache ich da, warum quäle ich mich, bis es weh tut? Wie schön wäre es jetzt beim Baden? Doch er zieht das Training durch, auch wenn es mal keinen Spaß macht. Er weiß, von nichts, kommt nichts.


Nach dem Tennis, wenn ich platt bin, mach' ich Computerspiele. Zum Zeitvertreib und Abschalten. Ich bin", sagt Kohlschreiber, „damit aufgewachsen und steh' darauf. Für Kriegsspiele, Filme, „Ego-Shooter" und was es so gibt, gebe ich, um Spaß zu haben, viel Geld aus." Und sonst? „Sonst bin ich eigentlich sparsam. Brauche keinen Luxus. Okay, ich habe einen normalen BMW und werde mir, wenn ich günstig drankomme, ein neues Auto kaufen."

Das Zimmer im Leistungszentrum hat er vor kurzem aufgegeben. Es hat sich für die paar Wochen, an denen er in München ist, nicht mehr gelohnt. Jetzt wohnt er bei der Freundin im Haus derer Eltern. Er grinst und erzählt: „Ist ja auch gut, wenn man nicht immer Bälle klopfen hört. Und außerdem, passt einfach alles. Das Essen steht auf dem Tisch, die Wäsche wird gewaschen, und der Vater, der Arzt ist, kann mich daheim untersuchen, da muss ich nicht mal in die Praxis gehen." 

nächster Beitrag. Marlene Weingärtner

zurück