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Pete Sampras

Tränen aus dem Herzen
 

US Open 2003 - Da steht er, der beste Tennisspieler, vielleicht sogar der beste aller Zeiten, mit Tränen in den Augen. Und alle im proppevollen Arthur Ashe Stadion, auch all die  in der größten Tennisarena der Welt, die ihn nicht gemocht hatten, erhoben sich von den Sitzen und jubelten Pete Sampras zu. Zum Abschied.

Ja, hier hatte es angefangen. Hier, in New York 1992 bei den US Open, hatte Sampras seinen ersten Grand Slam-Titel geholt und hier, 1992, zwölf Jahre später, sensationell seinen letzten, den ihm keiner, er sich selbst wohl am wenigsten, zugetraut hatte. 14 Grand Slam-Siege insgesamt. Rekord.

Der Held, der nicht wie Nastase, Connors, McEnroe oder Boris Becker war. Der emotionslos Tennis gespielt und immer eiskalt seine Gegner niedergemacht hatte. Der Superstar war - sorry Pete! - ein Roboter auf dem Platz, der wie eine Maschine sein Pensum abspulte. Einer wie Ivan Lendl früher, der auch nie aus sich herausging. Einer, den die Tennisfans deshalb nie sonderlich gemocht hatten.

Doch hier wird der große, starke Mann plötzlich schwach. Wie nur ein einziges Mal zuvor in seiner langen Karriere. Wie damals in Melbourne bei den Australian Open, als er sich mit dem Handtuch die Tränen aus den Augen wischen musste. Auf dem Platz vor zig tausend Zuschauern und Millionen am Fernseher.     

Rückblende. Januar 1995. Sampras gegen Courier. Die ersten beiden Sätze gehen an Courier. Satz 3 und 4 an Sampras.  Dann, Mitternacht war längst vorbei, ein rührender Zwischenruf eines Unbekannten. "Mach's  für  deinen Coach",  hatte einer gebrüllt, um Sampras anzufeuern. Der Satz saß wie ein As, nur traf er Sampras mitten in das Herz.

Plötzlich ist Pete Sampras mit seinen Gedanken nicht mehr beim Match, einem dramatischen Kampf gegen Jim Courier, sondern bei seinem  Coach und  Freund Tim Gullikson.  Besorgt um  "Gulli", der schon dreimal nach Blackouts zusammengebrochen war und gerade in einem Melbourner Krankenhaus liegt, überkommt ihn das heulende  Elend. Courier, mitfühlend, obwohl gerade bei 1:1 im fünften Satz Petes größter Gegner,  fragt:  „Geht´s noch, Pete? Wir können sonst auch morgen weiterspielen."

Wo gibt es noch so etwas? Einfach sympathisch. Aber so sind sie auch sonst, die beiden  Amerikaner. Am Abend vor diesem Match hatten sie kein Problem miteinander auszugehen. Man fuhr in drei Fords des Hauptsponsors zum italienisch Essen ins "Masani's". Sampras mit Freundin Delaina Mulcahy, Jim Courier und ein paar gute Freunde. Dabei auch Gulli, als Hauptperson, der einen  Tag vor seinem Rücktransport in ein Krankenhaus in Chicago für drei Stunden von den Ärzten des Epworth  Hospitals ausnahmsweise  für diesen Abend frei bekommen hatte.

Unterkriegen ließ Sampras sich im Match dann aber doch nicht. Weder durch seine Traurigkeit , noch durch Couriers Super-Tennis oder durch Krämpfe, die ihn zu guter letzt auch noch geplagt hatten.

Kurz nach ein Uhr. Der Kampf der Giganten im Flinders Park ist aus und Sampras der Sieger. Courier, ein guter Verlierer, geht zu Sampras, drückt ihn herzlich und flüstert  ihm  zu: "Ich  weiß, du bist tot. Ich auch, sogar mausetot."

Sampras  hinterher: "Ich bin kein Roboter, auch nichts  besonderes, und habe Gefühle wie jeder andere." Ja, normal war Sampras schon immer. Zu normal für einen Tennisstar, sagen viele. Warum eigentlich muss ein Star anders  sein? Warum nicht stinknormal? - wie ein Sampras eben.

                                                   Eberhard Pino Mueller

   
publiziert::  September 2003  DTZ



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