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Die
Australian Open gelten von jeher als der „etwas andere Grand Slam" - super Wetter, entspannte Atmosphäre, verrückte Fans und hier noch ein paar weniger bekannte Fakten.


So perfekt, so faszinierend, einfach genial
Die „Aussie-Open" - eine tolle Erfolgsgeschichte


Kann nicht sein, gibt es nicht! Und überhaupt, so etwas ist ja nicht einmal vorstellbar - etwa, dass bei einem Grand-Slam-Turnier Stühle zum Ausruhen und Schirme zum Schutz vor der prallen Sonne für die Spieler beim Seitenwechsel fehlen, dass nicht genug Ballkinder da sind und deshalb die Freundin eines Spielers einspringt oder dass der Schiedsrichter das Match vorzeitig unterbricht, weil er verabredet ist.

Und ob - das hatte es tatsächlich schon gegeben. Genau vor sechzig Jahren, 1953, bei den Australian Championships in Melbourne. Bei einem Erstrundenmatch der „Aussies" Brian Tobin und Don Tregonning auf einem der abgespielten Gras-Courts in Kooyong verabschiedete sich der Schiedsrichter, als ein vierter Satz anstand, weil er zum Tee mit seiner Frau verabredet war. Ein Turnierfunktionär sprang dann als Schiedsrichter ein, ebenfalls wie Tobins Freundin Carmen Borelli (spätere Ehefrau) beim Bälle sammeln, weil die Ballkinder keine Lust mehr hatten.

Oder - kann es sein, dass ein gewisser Ti Chen aus Taipeh, die Nummer 212 der ATP-Weltrangliste, bei den Australian Open Runde für Runde jeden, etwa einen Djokovic, Murray, Federer oder wer immer kommt, abserviert, und einen der vier begehrtesten Tennis-Trophäen, den Norman Brookes Challenge Cup, abstaubt? Nie und nimmer, heutzutage! Aber 1976 hat dieses einmalige Kunststück Mark Edmondson fertig gebracht, der den Grand-Slam-Einzeltitel der Australian Open als Nummer 212 der Welt gegen den haushohen Favoriten John Newcombe gewann.

Vergangene Zeiten - Neue Zeiten begannen, als die Australier im Jahr 1988 ihr Grand-Slam-Turnier weg vom Rasen in Kooyong auf Hartplätze in das National Tenniscenter im Flinders Park (heute Melbourne Park) verlegten. Und erstaunlich, das damals ungeliebteste der vier großen Slams ist inzwischen das beliebteste und fortschrittlichste Turnier geworden. Die Herzlichkeit der Australier, das garantierte Sommerwetter und die inzwischen einmalig moderne Tennisanlage locken alle Spieler nach „Down Under".

Die „Aussies" haben sich dafür auch richtig reingehängt. Mit Ideen, viel Geld und großem Einsatz. Zu den vorhandenen zwei Stadien mit Schiebedach kommt eine dritte Arena mit Dach. Und für 366 Millionen australische Dollar (etwa 278 Millionen Euro) werden derzeit Umbauarbeiten, Erweiterungen und Erneuerungen gemacht - und alles nur vom Feinsten. Allein jeder Schiedsrichterstuhl, mit seinen technischen und elektronischen Finessen, hat 15.000 Dollar gekostet.

Und was den Spielern besonders gefällt, man hört auf sie und ihre Wünsche. Als es darum ging, von den jährlich steigenden Profiten, die durch die Spieler hereinkommen, mehr abzutreten, haben die Veranstalter reagiert und das Preisgeld um vier auf dreißig Millionen erhöht - die höchste jemals bei einem Tennisturnier bezahlte Summe.











Beachtlich auch, dass man hier vom Gewinn etwa 20 Prozent den Spielern abtritt, während bei den US Open, ein Turnier mit beträchtlich höherem Profit, nur etwa 10 Prozent abgegeben werden.   

Geld hin, Geld her - die Grand-Slam-Turniere sind die absoluten Höhepunkte des Tennisjahres. Die Top-Spieler kämen auch, wenn es kein Preisgeld gäbe, denn der Titel ist hundertmal mehr wert als bei jedem anderen Turnier. Und so waren alle da, nur der kranke Rafael Nadal nicht und leider auch nicht die Pechvögel Philipp Petzschner und Andrea Petkovic, die sich kurz zuvor verletzt hatten.

Hoch die Erwartungen bei den deutschen Spielerinnen, die in den vergangenen Jahren auch bei Slams aufgetrumpft hatten - Angelique Kerber wie auch Sabine Lisicki standen in Viertel- und Halbfinals. Pech für Lisicki: Sie wurde gleich von ihrer Freundin Caroline Wozniacki, der Nummer 10 der Welt, nach Hause geschickt. Besser machte es Annika Beck. Die junge Australian-Open-Debütantin freute sich riesig über ihren famosen Sieg in der ersten Runde gegen Yaroslava Shvedova, einer gesetzten Spielerin. Auch Angelique Kerber und Julia Goerges hatten zunächst viel Freude bei ihren Matches. Doch nach drei erfolgreichen Runden sind deren Träume plötzlich zerplatzt. Unsere Hoffnungsträgerinnen scheinen halt für einen ganz großen Coup noch nicht ganz soweit. Die Zeit wird jedoch kommen, sie sind ja noch jung.

Bei den Herren erreichten wieder einmal die vier topgesetzten Spieler - Djokovic, der aber an Wawrinka fast gescheitert wäre, und Roger Federer, der gegen Tsonga am Straucheln war, sowie Andy Murray und der Spanier David Ferrer - das Halbfinale und schließlich Murray und Djokovic das Finale. Und wie im Vorjahr holte sich der Serbe den Pokal. Bei den Damen dagegen ging es drunter und drüber. Nicht die Favoritinnen Serena Williams oder Maria Sharapova spielten gegen Victoria Azarenka um den Titel, sondern die Chinesin Li Na, die aber zum zweiten Mal im „Aussie-Open-Finale" ganz knapp am Sieg vorbeischrammte.

Dass es nun, neben vier Chinesinnen, auch der Chinese Wu Di ins Hauptfeld der Australian Open schaffte, ist etwas Neues. Übrigens - aus dem riesigen Reich hatte sich überhaupt noch nie ein Chinese für ein Grand-Slam-Turnier qualifiziert. Die Macher der Australian Open waren über dieses historische Ereignis und den Durchmarsch von Li Na beglückt, denn vor ein paar Jahren haben sie ihrem Turnier auch noch den Titel „Grand Slam of Asia-Pacific" angehängt - mit dem Hintergedanken, den riesigen Markt und das Interesse für Tennis im asiatischen Raum zu gewinnen. Und da dürfen Chinesen im Feld natürlich nicht fehlen.

Das wunderbare Grand-Slam-Turnier in Melbourne mit seiner großartigen Anlage, einem riesigen Zulauf und einer perfekten Organisation hat alles - was nur noch fehlt, ist endlich einmal wieder ein australischer „Hero", der das Turnier gewinnt.         

                                       Eberhard Pino Mueller

publiziert:    Februar  2013 
                                            DTZ Deutsche Tennis Zeitung
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